Stand: 28.12.2019 20:30 Uhr  - Nordmagazin

Morbide Villa Baltic: "Wir müssen jetzt handeln"

Aus dem Stuck in der Fassade sind einige Teile herausgebrochen, die gelbe Farbe ist großteils verblasst und ein schmuckloser Bauzaun umgibt die einst prächtige Villa Baltic an der Strandpromenade von Kühlungsborn. Seit Jahrzehnten bietet das neobarocke Gebäude mit seiner wechselvollen Geschichte Einwohnern wie Besuchern des Ostseebades ein trostloses Bild. Doch nun gibt es Hoffnung: Die neuen Eigentümer haben das morbide anmutende Haus entrümpelt und notdürftig gesichert. Sie wollen zusammen mit Stadtvertretern und Bürgern über eine tragfähige Nutzung nachdenken - und die Baltic zu neuem Glanz führen.

Villa Baltic in Kühlungsborn Foto: Daniel Sprenger Villa Baltic in Kühlungsborn Foto: Daniel Sprenger

1931 erstreckte sich ein barocker Garten vor der Villa im damals noch Arendsee genannten Seebad - dort, wo heute die Kühlungsborner Strandpromenade verläuft. Knapp 90 Jahre später haben Leerstand und Verfall dem Haus arg zugesetzt. (Sehen Sie die Veränderungen, indem Sie den Schieberegler nach rechts oder links ziehen.)

Auf dem Weg vom Auto zum Eingang wird Jan Aschenbeck zweimal angesprochen: Eine ältere Dame will in entschiedenem Tonfall wissen, was der neue Besitzer der Villa Baltic denn mit dem Gebäude vorhat. Und ein Ehepaar begehrt, einmal hineinschauen zu dürfen. Das lehnt Aschenbeck mit Hinweis auf den schlechten baulichen Zustand ab. Und auch die Dame bekommt keine für sie befriedigende Antwort. "Ich verstehe die Frage: 'Was habt ihr vor?' Die höre ich wer weiß wie häufig am Tag und auch in den verschiedensten Prägungen", sagt Aschenbeck. Doch er könne darauf nichts Erhellendes sagen. "Dass wir das selbst noch gar nicht wissen, wie es hier nachher fertig aussehen soll, das kann nicht jeder verstehen."

Pracht und Verfall: Villa Baltic damals und heute

Kauf für zwei Millionen Euro als "Bauchentscheidung"

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Jan Aschenbeck will die Villa mit seinem Bruder Berend zusammen retten - in enger Abstimmung mit der Stadt Kühlungsborn.

Zusammen mit seinem Bruder Berend hat Jan Aschenbeck die Villa im Sommer 2019 gekauft - für zwei Millionen Euro. Die beiden Immobilienentwickler aus Oldenburg haben ein Faible für solch besondere Objekte mit Geschichte, die sie mit ihrer Firma entwickeln. Doch die Villa Baltic haben sie privat gekauft. Warum? "Bauchentscheidung", antwortet Aschenbeck nach kurzem Nachdenken. Die Brüder würden die Villa seit ihrer Kindheit kennen. Damals hätten sie sich im Familienurlaub hinter den samtroten Vorhängen in der Bar versteckt, die bis kurz nach der Wende betrieben wurde. Später hätten sie öfter einmal auf der Veranda gesessen und den zunehmenden Verfall verfolgt. "Die Baltic steht ja nun schon lange so da. Und als der Voreigentümer sich nun trennen wollte, haben wir gesagt: Okay, wir wollen uns dem stellen und mit der Stadt zusammen die Villa Baltic retten."

Ein Spiegelbild deutsch-jüdischer Geschichte

Die Villa steht heute für die deutsch-jüdische und deutsch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und erzählt von Enteignung, Vergessen, Neuanfang und Verfall. Gebaut wird das Anwesen von 1910 bis 1912 für den Berliner Rechtsanwalt und Notar Wilhelm Hausmann und seine Frau Margarete - für 2,5 Millionen Goldmark. Da das Ehepaar kinderlos bleibt, wird die Immobilie später einer jüdischen Hochschule vermacht, die darin 1931 ein Erholungsheim für Akademiker eröffnet.

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Denn mit der Ferienidylle hat es schon bald ein Ende. Die Villa wird von den Nazis als "kommunistischer und jüdischer Marmorpalast" oder ganz einfach als "Judenschloss" diffamiert. Die Nationalsozialisten enteignen die Hausmann-Stiftung, das Ferienheim wird dem Reichspropagandaministerium unterstellt und zum Gästehaus der "Joseph-Goebbels-Stiftung für Bühnenschaffende". Auf dem Dach weht fortan die Hakenkreuzfahne.

Unrecht bleibt auch im Sozialismus bestehen

Später verbringen DDR-Bürger ihren Urlaub im "Kurt-Bürger-Erholungsheim" des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Erst nach der Wende und nach mehreren gescheiterten Bar- oder Discobetreibern wird die Villa an die Jewish Claims Conference übergeben, die früheres Vermögen enteigneter Juden und ihrer Erben geltend macht. Die Institution verkauft das Gebäude 2003 - der Investor geht allerdings pleite. Und auch der nächste Eigentümer, ein Brandenburger Augenarzt, verfolgt seine Pläne für ein Hotel mit angeschlossenem Schwimmbad nach einigen Jahren nicht weiter und vernachlässigt das Haus völlig. Immer mehr Scheiben werden eingeworfen, Unbefugte gelangen hinein.

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Vandalismus und Diebstahl setzen dem Haus zu

"Es lag hier überall Sperrmüll ohne Ende", sagt Aschenbeck, als er durch die stählerne Baustellentür ins Haus führt. "Wir haben allein einen Container nur mit Matratzen abfahren lassen." Doch auch nachdem der Müll aus dem Inneren entfernt wurde, ist hier vieles Schrott: so etwa das Geländer, das entlang der Marmortreppe aus der einstigen Kaminhalle nach oben führte. "Was uns wehtut, ist nicht nur die Feuchtigkeit, die hereingekommen ist, sondern der Vandalismus. Der hat richtig zugeschlagen", sagt Aschenbeck und zeigt auf die Bruchstücke des Geländers, die in einer Ecke gesammelt liegen. "Es wurde auch viel gestohlen. Die ganzen Ornamente sind weg." Einzig die zwei prächtigen Löwen, die auf den Treppenabsätzen neben dem Kamin standen, konnten nach dem Kauf gesichert werden.

Villa Baltic in Kühlungsborn Foto: Daniel Sprenger Villa Baltic in Kühlungsborn Foto: Daniel Sprenger

Die Marmortreppe war früher prächtiger Mittelpunkt des Hauses. Im Zuge des Leerstands wurde das Geländer von Eindringlingen zerstört. Immerhin die Löwen konnten gerettet werden.

Am ehemaligen Durchgang zum in DDR-Zeiten neben die Villa gebauten und 2017 nach langem Leerstand abgerissenen Meerwasser-Hallenbad vorbei geht es in den Keller. Hier verwirrt eine Vielzahl an kleinen Räumen selbst den Eigentümer, ehe er mit dem Schein seiner Smartphone-Taschenlampe ein Tauchbecken ausfindig macht. Auch Saunen soll es hier früher gegeben haben. Nach dem Kauf musste zunächst eine Menge Wasser aus dem Keller gepumpt werden. Aschenbeck sagt, dass das Untergeschoss und der Dachstuhl die Problembereiche des Hauses seien: "In der Mitte ist der Zustand wirklich okay, aber von oben und von unten ist es schon hart."

Die Marmortreppe oder das, was von ihr noch übrig ist, führt in den ersten Stock. Dabei fällt der Blick auf eine architektonische Besonderheit: die untere Glaskuppel im Treppenhaus, in der sich früher das Licht aus der oberen im Dach gebrochen hat. "Das haben wir so noch nicht gesehen, das ist toll", sagt Aschenbeck. Zwar sei alles demoliert, das Glas eingeworfen. "Aber wir können das nach unserer Ansicht heute wiederherstellen." Architekten, Gutachter und Vermessungsingenieure sind vor Ort, um eine Bestandsaufnahme durchzuführen und mithilfe von Computermodellen mögliche Sanierungsszenarien zu erstellen.

Alte Pracht und akute Gefährdung

Aschenbeck betritt den größten Raum des Hauses. An der Decke hängt noch viel erhaltener Stuck, von dem jedoch die Farbe abblättert. "Hier hat früher Frau Hausmann ihr Teezimmer gehabt", erklärt Aschenbeck. "Kann man jetzt nicht glauben, aber hier war ihre Stube." Später wurde der früher prunkvolle Raum zum Ballsaal - eine Nutzung, die sich Aschenbeck zufolge viele Menschen auch für die Zukunft wieder wünschen würden.

Ehemalige Pracht und die sehr akute Gefährdung derselben liegen hier dicht beieinander. Aschenbeck zeigt auf einen braunen Fleck im Stuck: Der Hausschwamm hat sich breit gemacht. "Normalerweise sieht man den gar nicht. Aber das ist ein besonders prächtiges Exemplar." Er sei entstanden, weil sich Wasser, das durch undichte Stellen im Dach eingesickert sei, durch drei Stockwerke nach unten gearbeitet habe. Im Dachgeschoss wird die Misere deutlich: Durchweichte Stroh-Zwischendecken fallen auseinander und als Aschenbeck gegen einen Dachbalken tritt, bröckeln einzelne Teile heraus. "Klar wussten wir, worauf wir uns einlassen", sagt er. Aus seiner Sicht sei für die Rettung der Baltic aber unerheblich, ob sich an zwei oder an fünf Stellen der Hausschwamm ausbreite. "Wir müssen sowieso stark eingreifen, um die Baltic zu retten und die Lösung liegt im Nutzungskonzept, nicht im Dachgeschoss."

Villa Baltic in Kühlungsborn Foto: Daniel Sprenger Villa Baltic in Kühlungsborn Foto: Daniel Sprenger

Im Speisesaal gab es zu DDR-Zeiten Steaks für 3,75 Mark. Heute gibt es hier viele Graffiti, dafür aber einen noch sehr gut erhaltenen Fußboden.

Wunsch: Villa im Jahr 2025 wiedereröffnen

Gemeinsam mit der Stadt solle dieses Konzept entwickelt werden - unter der Prämisse: Was braucht Kühlungsborn an dieser Stelle? "Wir sind keine Casino-Betreiber, Hoteliers oder Altenheim-Betreiber, die noch den elften Standort suchen", sagt Aschenbeck. Vielmehr seien er und sein Bruder offen für die Ideen der Stadtvertreter und Bürger, die Ende Januar erstmals in einer Arbeitsgruppe zusammenkommen. Bis aus einer tragfähigen Idee dann Baurecht geschaffen ist, dauere es mehrere Jahre, ist der Investor überzeugt. Sein Wunsch ist, nach der anschließenden umfangreichen Sanierung die Villa Baltic 2025 wiederzueröffnen. Das Ganze sei "eine enorme wirtschaftliche Herausforderung" aufgrund der Tiefe des baulichen Eingriffs. "Da ist der Kaufpreis ein relativ überschaubarer Anteil dessen, was wir hier finanziell leisten müssen."

Bis es losgeht, wird mit einfachen Mitteln versucht, das Gebäude so gut es geht zu erhalten. Da der Hausschwamm Zugluft hasse, habe man die Fenster und Luken auf Durchzug gestellt. So soll zumindest die Ausbreitung begrenzt werden. "Die Baltic hat keine Zeit mehr. Wir müssen jetzt nicht mehr überlegen", ist ihr neuer Eigentümer überzeugt. "Wir müssen jetzt handeln."

Bestandsaufnahme in der Villa Baltic in Kühlungsborn

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25 Jahre stand die geschichtsträchtige Villa Baltic in Kühlungsborn leer. Nun gibt es neue Besitzer. Die waren jetzt mit Fachleuten im stark sanierungsbedürftigen Haus.

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Nordmagazin | 18.12.2019 | 19:30 Uhr

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Hamburg Journal

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