Die Punkte-Sammler aus Flensburg

Stand: 16.10.2021 05:00 Uhr

Seit dem 2. Januar 1958 erfasst das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg Vergehen im Straßenverkehr in der sogenannten Verkehrssünderkartei. Die Zahl der Verkehrstoten ist seitdem deutlich zurückgegangen.

Während der Fahrt eine SMS ins Handy tippen, bei Rot über die Ampel fahren oder mit 80 Kilometern pro Stunde durch die Tempo-30-Zone rasen: Wer bei diesen Vergehen im Straßenverkehr von der Polizei erwischt wird, muss mit Punkten in Flensburg rechnen. Die notiert das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) im sogenannten Fahreignungsregister, bis zur Reformation im Jahr 2014 auch Verkehrszentralregister (VZR) genannt. Am 2. Januar 1958 ging die sogenannte Verkehrssünderkartei an den Start. Der Grund: Der Autoverkehr hatte rasant zugenommen, die Zahl der schweren Unfälle auch.

Punktesystem nach 20.000 Verkehrstoten im Jahr

Das Punktesystem gab es anfangs noch nicht. Es wurde 1974 eingeführt, nachdem das Statistische Bundesamt Anfang der 1970er-Jahre einen Rekordwert von rund 20.000 Verkehrstoten jährlich beklagt hatte. Damals waren 20,8 Millionen Fahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs. Statistisch gesehen kamen jährlich 101 Tote auf 100.000 Fahrzeuge. Zum Vergleich: 3.046 Verkehrstote verzeichneten die Behörden für das Jahr 2019. Im Jahr 2020 lag die Zahl der Verkehrstoten - vermutlich auch bedingt durch die Corona-Pandemie - deutlich niedriger bei 2.719. Bei heutzutage rund 59 Millionen in Deutschland zugelassenen Fahrzeugen sind das jährlich "nur" noch knapp fünf Tote auf 100.000 Fahrzeuge. Aus Sicht des KBA haben auch die Flensburger Punkte zu den sinkenden Zahlen beigetragen.

Gründung des KBA bereits 1951

Beamte des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg im Dezember 1968 beim Vernichten von Verurteilungsakten. Etwa 650.000 Kraftfahrer in der Bundesrepublik können damals aufatmen, denn ihr Name wurde mit Ablauf des Jahres 1968 in den Zentralregistern desKBA gelöscht und kamen in den Reißwolf. Insgesamt wurden 1968 über eine Million Mitteilungen dieser Verurteilung von Kraftfahrern im Strassenverkehr getilgt. Die Tilgungsfristen betrugen zwischen zwei und zehn Jahren. © picture alliance / dpa Foto: dpa
Etwa 650.000 Kraftfahrer in der Bundesrepublik können Ende 1968 aufatmen, denn ihr Name wird mit Ablauf des Jahres in den Zentralregistern des KBA gelöscht und landet im Reißwolf.

Die Geschichte um das Register beginnt eigentlich schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts. 1910 gibt es bereits eine sogenannte Sammelstelle für Nachrichten über Führer von Kraftfahrzeugen. Die liegt damals beim Berliner Polizeipräsidium und registriert jede Peson, die ein Fahrzeug besitzt. Jahrzehnte später, 1951, entsteht das KBA in Flensburg. Die Sammelstelle wird in die neue Behörde eingegliedert.

Mehr Autos - und mehr Verkehrstote

In den 50er-Jahren geht es der jungen Bundesrepublik immer besser, mehr und mehr Menschen können sich im Wirtschaftswunderland ein eigenes Auto leisten. Gegen Ende des Jahrzehnts sind schon sieben Millionen Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs. In dieser Zeit gibt es aber auch bereits rund 12.000 Verkehrstote.

Die Politik reagiert: Ein neu zu schaffendes Organ soll Verkehrsverstöße dokumentieren und verwalten - in der Hoffnung, dass die Zahl der Unfalltoten wieder sinkt.

"Die Vermehrung der Kraftfahrzeuge aller Art hat zu einer Spannung zwischen den Verkehrswegen und den Verkehrsmitteln im Straßenverkehr geführt, wie wir sie bei den anderen Verkehrsarten niemals haben feststellen können." Hans-Christoph Seebohm (CDU), Bundesverkehrsminister 1949-1966

Der damalige Bundesminister für Verkehr, Hans-Christoph Seebohm, beschließt per Gesetz, das Verkehrszentralregister (VZR) einzurichten - später wird es umgangssprachlich als Verkehrssünderkartei bekannt sein. Die entsprechende Verordnung stammt vom 25. Juli 1957. Am 2. Januar 1958 geht das Register in Betrieb. Dort sammeln sich in den nächsten Jahren größere Vorfälle wie Fahrerlaubnisentzug oder Fahrverbote in personenbezogenen Akten.

Zahl der tödlichen Unfälle macht Reform des Registers nötig

Ein Mitarbeiter des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg-Mürwik steht an einem Register, in dem "Verkehrssünder" in Stichworten vermerkt sind (Archivfoto von 1958). © dpa
Zu Beginn aufwendige Handarbeit: Ein Mitarbeiter des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg-Mürwik steht 1958 an einem Register, in dem "Verkehrssünder" in Stichworten vermerkt sind.

Anfangs ist das VZR noch in einem alten Flensburger Hafengebäude untergebracht. 70 bis 80 Beschäftigte führen die Karteien der Verkehrsteilnehmer, notieren alles in Akten, die in Regalen und Drehständern lagern. Bis Ende des Jahres sind bereits 810.000 Personen im Register eingetragen.

Doch die Zahl der Unfälle auf den Straßen bundesweit nimmt nicht ab - im Gegenteil. Anfang der 70er-Jahre steigt die Zahl der Verkehrstoten auf rund 20.000 pro Jahr. Als Konsequenz wird die Sünderkartei 1976 erstmals reformiert - das Punktesystem ist geboren. Ab da gilt: Für Verkehrsdelikte gibt es Punkte, ab 18 ist das Konto voll. Dann müssen Wiederholungstäter in einer Prüfung ihre Fahreignung beweisen. 2014 folgt die zweite Reform: Nun heißt die Kartei offiziell Fahreignungsregister. Die einzelnen Delikte werden neu bewertet - und den Führerschein ist man nun bereits mit acht Punkten los.

VIDEO: Zeitreise: Geschichte der "Verkehrssünderdatei" (6 Min)

Punkte in Flensburg länger "frisch"

Eingang des Hauptsitzes des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg. © dpa Foto: Carsten Rehder
Mittlerweile hat das KBA seinen Sitz in der Fördestraße und beschäftigt mehr als 1.000 Mitarbeitende.

Mittlerweile ist das KBA in seinem Dienstgebäude an der Flensburger Fördestraße zu Hause. Bei 57 Millionen Menschen mit Fahrerlaubnis in Deutschland (Stand 2020) ist gut jeder Fünfte in der Verkehrssünderkartei erfasst. Das sind so viele wie noch nie - und das liegt an der zweiten Reform: Heutzutage bleiben die Punkte länger "frisch" - das bedeutet, sie brauchen länger zum Verfallen. Während sie früher nach einer "Bewährungszeit" von zwei Jahren standardmäßig wieder weg waren, können sie heute bis zu fünf Jahre stehen bleiben.

Raserei und Männer führen die Statistiken an

Auf Platz eins der Verstöße ist seit langen Jahren zu schnelles Fahren, gefolgt vom Handy am Steuer sowie Drogen- und Alkoholverstößen. Ebenfalls relativ konstant zeigt sich dabei der Unterschied, wer am Steuer sitzt: Laut KBA waren 2020 rund 8,4 Millionen Männer im Fahreignungsregister eingetragen - gegenüber 2,6 Millionen Frauen im gleichen Zeitraum. Die Unterschiedliche Verteilung von Fahrerlaubnissen - 85 Prozent der Männer und 78 Prozent der Frauen in Deutschland hatten 2020 einen Führerschein - dürfte bei dieser Differenz kaum eine Rolle spielen. Den Punktezählern in Flensburg wird die Arbeit wohl nicht so schnell ausgehen.

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