Stand: 25.07.2020 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Plön: Wo der See das Leben prägt

Bilder von früher im Vergleich mit Fotos von heute - möglichst aufgenommen von derselben Position: Das ist das zentrale Element der Serie "Schleswig-Holstein früher und heute". So wollen wir den Wandel der Städte bei uns im Land dokumentieren. Ein interaktiver Fotovergleich macht das besonders deutlich.

von Anne Passow

Der Wind pfeift. Die Wellen schlagen gegen den Steg, die Seile der Segelboote gegen die Masten. Diese Geräusche sind aus dem Leben von Helge Wiederich nicht wegzudenken. Früh am Morgen ist der Leiter der Segelschule Plön auf der Steganlage unterwegs, überprüft, ob alle Boote noch fest vertäut daliegen. Dann lässt er seinen Blick über den Ascheberger Teil des Plöner Sees schweifen, entdeckt in der Ferne einen Seeadler. "Der sucht nach Bleßhühnern. Das Seedadlerpaar nistet seit vielen Jahren auf der Insel gegenüber", erklärt Wiederich.

Die Sicht auf gefrohrenes Wasser mit Pfählen, die aus dem Eis ragen. © Familie Wiederich Foto: Familie Wiederich Eine langer Steg als Anlegestelle für Segelboote © NDR Foto: Anne Passow

Im Winter 1981/82 gefriert der Plöner See - und zerstört die Steganlage der Familie Wiederich. Heute steht eine stabile Konstruktion aus Metall im See.

Viele unterschätzen den See

Um über den See bis zur Plöner Innenstadt zu kommen, müsste Helge Wiederich jetzt durch das sogenannte "Hell Lock", das Höllenloch fahren. Der Wind erschwert Seglern die Fahrt durch die nur hundert Meter breite Stelle. Auch Helge Wiederich ist hier bei schlechtem Wetter sicherheitshalber schon mal umgekehrt. Der 55-Jährige weiß: Der Plöner See ist nicht ohne. Und so rät er auch zwei Anglern, die sich an diesem Morgen ein Segelboot ausleihen, erst einmal gegen den Wind zu segeln, um später sicher wieder zurückzukommen.

Helge Wiederich steht auf der Steganlage der Segelschule Plön und schaut in die Kamera. © NDR Foto: Anne Passow
Der erste Gang am Morgen führt Helge Wiederich, Inhaber der Segelschule Plön, immer auf seine Steganlage.

"Es gibt immer wieder Menschen, die den See unterschätzen. Wir mussten auch schon mal Leuten helfen, die mit einem Schlauchboot vom Discounter auf dem See waren und nicht mehr klarkamen", erzählt er. Wiederich kennt den Plöner See wie seine Westentasche. Und er kennt Plön, ist hier geboren und aufgewachsen, hat die Segelschule, die sein Großvater 1968 gegründet hat, vor 15 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Iris von seinen Eltern übernommen.

Der Markplatz von Plön, Anfang der 60ger Jahre. © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Der Marktplatz in Plön. © NDR Foto: Anne Passow

Anfang der 1950er Jahre durften noch Autos auf dem Plöner Marktplatz parken.

Robuste Boote für die Anfänger

Heinz Wiederich, Helges Großvater, war eigentlich Bäcker. Er musste seinen Job aber wegen einer Allergie aufgeben und heuerte dann bei der Marine an. Später arbeitete er als Segellehrer, brachte nach dem Zweiten Weltkrieg englischen Offizieren das Segeln bei. 1968 gründete er die Segelschule Plön. "Das war aber nur ein Hobby von ihm. Er hatte wenige Boote direkt an seinem Haus in der Rosenstraße", erzählt Helge Wiederich - und geht in die Bootshalle der Schule.

Der Bahnhof in Plön früher. © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Der Bahnhof in Plön heute. © NDR Foto: Anne Passow

Der Bahnhof hat sich im Vergleich zu 1934 gar nicht so sehr verändert. Aber wenn man auf die andere Seite des Plöner Sees blickt, sieht man zum Beispiel, dass die Windmühle von damals heute nicht mehr da ist.

Ganz oben unter der Decke der Halle hängen sie, die alten Holzboote. "Die hat mein Großvater noch in der Husumer Schiffswerft bauen lassen", erzählt Wiederich. Heute gibt es zig Boote in der Schule, die meisten davon allerdings aus Kunststoff. "Damit kann ein Segelschüler auch mal gegen den Steg fahren, ohne dass gleich was kaputt geht", meint Helge Wiederich. Auch an diesem Vormittag steht eine Handvoll Segelschüler auf der Wiese vor dem Haus. An einem roten Segelboot zeigt ihnen Segellehrer Ingo Kittler, wie man ins Boot steigt. "Jetzt machen wir das noch als Trockenübung, und heute Nachmittag geht's aufs Wasser", kündigt er an.

Segellehrer Ingo Kittler zeigt seinen Segelschülern, wie man ins Boot steigt. © NDR Foto: Anne Passow

AUDIO: Plön: Eine Segelschule mit Geschichte (4 Min)

Von Sport und Geschichte zum Segellehrer

Auch Helge Wiederich unterrichtet regelmäßig Segelschüler. Dabei wollte er das ursprünglich gar nicht zu seinem Hauptjob machen. Lehrer wollte er schon werden, nur eben Sport- und Geschichtslehrer. Beide Fächer studierte er in Kiel auf Lehramt. "Ich habe mich kurz vorm Referendariat dann entschieden, dass ich die Segelschule als Betrieb doch weitermachen möchte." Wiederichs Eltern waren erleichtert. Schließlich hatten sie schon viel in die Segelschule investiert, als sie sie 1979 von Helges Großvater übernahmen.

Die Segelschule mit geflicktem Dach 1972.  © Familie Wiederich Foto: Familie Wiederich Ein altes Haus von innen © NDR Foto: Anne Passow

Mitte der 1970er Jahre, als die Familie Wiederich mit ihrer Segelschule auf das Grundstück in die Ascheberger Straße zog, erkannte man dort noch überall die Überreste der ehemaligen Fäkal-Anstalt. Dort, wo damals die Goldeimer geleert wurden, steht heute der Unterrichtsraum der Schule.

Jens und Rita Wiederich leben noch immer auf dem Grundstück der Segelschule. Seit er in Rente ist, beschäftigt sich Jens Wiederich mit der Geschichte seiner Heimatstadt. An seinem Rechner zeigt er alte Fotos der Segelschule und der Stadt Plön und erinnert sich an eine Begebenheit vor etwa 70 Jahren. "Um 1950, 55 zog eine Windhose über Plön. Wir sahen riesige Platten mit Dachpappe durch die Luft fliegen, etliche Dächer wurden abgedeckt. Und Segelboote des Plöner Segelvereins wurden einfach in die Luft gehoben und umgedreht." Die Boote steckten schließlich mit dem Mast im Schlamm und mussten einzeln wieder herausgezogen werden.

Die Hamburger Straße, Anfang der 70ger Jahre © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Die Hamburger Straße © NDR Foto: Anne Passow

Mitte der 1960er Jahre wurde auf der Hamburger Straße am Kanalsystem gearbeitet. Heute fließt hier der Verkehr. Im hinteren Bereich erkennt man auch auf dem aktuellem Foto noch einige Gebäude von damals.

See war an Schlachttagen rot

Jens Wiederich kann zu jeder Ecke in Plön etwas erzählen. Bei einem Spaziergang durch die Plöner Innenstadt erinnert sich der 78-Jährige an einen kleinen Laden in der Fußgängerzone, wo er früher mit seiner Oma einkaufen ging. "Den gibt es heute nicht mehr", sagt er. Genausowenig wie den Schlachter am Strohberg. "Wenn der früher geschlachtet hat, floss das Blut über den Weg runter in den See", erinnert sich Wiederich. Deshalb waren Teile des Plöner Sees an Schlachttagen rot.

Die lange Straße in Plön, Anfang der 70ger Jahre. © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Die lange Straße in Plön. © NDR Foto: Anne Passow

In den 1960er Jahren gab es in der Langen Straße genau dort ein Café, wo heute wieder eines ist.

Über allem thront das Plöner Schloss, im 17. Jahrhundert erbaut. Es ist bis heute das Wahrzeichen der 9.000-Einwohner-Stadt. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 diente es der preußischen Provinz Schleswig-Holstein als Kadettenanstalt. "Die Kinder kamen hier mit zehn Jahren hin", berichtet Jens Wiederich. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog ein Internat im Schloss ein. "Dann hat es Fielmann gekauft, und jetzt finden hier Schulungen für Optiker statt", so Wiederich.

Die lange Straße in Plön, Anfang der 60ger Jahre. © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Die lange Straße in Plön. © NDR Foto: Anne Passow

Auf der Langen Straße war Anfang der 1960er Jahre immer sehr viel los.

Wo Uwe Barschel Seemannsknoten übte

Fielmann ist nicht der einzige große Name, den Wiederich zu bieten hat. Er kann sich noch gut an einen besonderen Segelschüler erinnern: Uwe Barschel lernte in den 1970er Jahren das Segeln, am ersten Standort in der Rosenstraße. Als junger Mann, lange bevor er Ministerpräsident wurde, übte er hier Seemannsknoten mit dem damals kleinen Helge. Mitte der 70er Jahre zog die Familie samt Booten auf das heutige Grundstück in der Ascheberger Straße. "Dieser Standort hat eine anrüchige Vorgeschichte", erzählt Wiederich, "das war früher eine Fäkal-Anstalt." Erst mit Pferdekutschen später mit Lastwagen wurden die sogenannten Goldeimer mit Inhalt bei den Gehöften eingesammelt. "Und hier wurde alles kompostiert und dann als Dünger wieder ausgegeben."

Die Kreisverwaltung in Plön früher. © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Die Kreisverwaltung in Plön. © NDR Foto: Anne Passow

Dort, wo 1961 die Kreisverwaltung war, steht heute das Gebäude der Sparkasse.

Rosa Flamingo-Tretboot ist der Renner

Die Grundmauern von damals stehen noch. Doch sonst erinnert nichts mehr an die einstige Fäkal-Anstalt. Die Schule hat inzwischen etwa 30 Segelboote, verleiht auch Kanus und Tretboote. "Vor allem unser rosa Flamingo ist sehr beliebt", berichtet Wiederich und lacht. Und tatsächlich kommen kurz darauf zwei junge Frauen, die mit eben diesem Flamingo zur Prinzeninsel rausfahren wollen. Helge Wiederich gibt ihnen ein paar Tipps mit auf den Weg und muss sich dann noch um die beiden Angler kümmern, denen er am Morgen ein Segelboot vermietet hat. "Die sind mit dem Wind gefahren, obwohl ich ihnen genau das Gegenteil geraten habe. Jetzt sitzen sie fest und kommen nicht mehr zurück."

Iris, Helge, Rita und Jens Wiederich stehen auf der Steganlage der Segelschule Plön und schauen in die Kamera. © NDR Foto: Anne Passow
Iris, Helge, Rita und Jens Wiederich (v.l.) leben zusammen auf dem Grundstück der Segelschule.

Der Segellehrer telefoniert mit den beiden und gibt ihnen den Tipp, bis zum Abend abzuwarten, wenn der Wind abflaut. Wiederich bringt das nicht aus der Ruhe. Und gelassen redet er auch über die Zukunft. "Es sieht im Moment so aus, als würde unser Sohn das hier irgendwann übernehmen", verrät er. Es wäre dann die vierte Generation. Nie hat Helge Wiederich den Schritt, die Schule zu übernehmen, bereut. Er brauche das Wasser, sagt er. Und er braucht eben auch den morgendlichen Blick von seiner Steganlage über den Großen Plöner See. Und natürlich die Geräusche von Wind und Wellen.

Die kleine Kirche in Plön früher. © Sammlung Familie Wiederich Foto: Sammlung Familie Wiederich Die kleine Kirche in Plön. © NDR Foto: Anne Passow

In den 1970er Jahren war der Blick von der Langen Straße auf die Kleine Kirche ein komplett anderer als heute, wo man das Gebäude zudem vor lauter Bäumen kaum noch sieht.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 12.07.2020 | 20:05 Uhr

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