Stand: 03.01.2020 10:01 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Fehmarnsundbrücke: Herzstück der Vogelfluglinie

Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm und sein dänischer Kollege Kai Lindberg sind am 4. Januar 1960 dabei, als mit dem offiziellen Spatenstich der Bau der Fehmarnsundbrücke beginnt. Große Hoffnungen ruhen auf dem Bauprojekt, das nicht nur die Insel Fehmarn mit dem Festland verbinden soll: Die Brücke über den Fehmarnsund schafft die Grundlage für eine schnellere Verbindung nach Dänemark damit die Vogelfluglinie zwischen Deutschland und Skandinavien. Drei Jahre dauern die Bauarbeiten, bis die kombinierte Straßen- und Eisenbahnstrecke am 30. April 1963 eingeweiht wird. "Heute Vormittag hat für die Insel Fehmarn die Zukunft begonnen", kommentiert ein NDR Reporter mit pathetischen Worte die Feierstunde. Bundesverkehrsminister Seebohm bezeichnet das ambitionierte Bauwerk als "Brücke des Friedens zwischen Deutschland und den nordischen Staaten Europas."

Bundespräsident Lübke eröffnet neuen Fährhafen

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Der dänische König Frederik IX. (l) und Bundespräsident Lübke (r) eröffnen 1963 die Fährverbindung zwischen Rødby und Puttgarden.

Zwei Wochen später - am 14. Mai 1963 - wird auch die Schiffsverbindung zwischen Puttgarden und Rødby in Betrieb genommen. Es ist ein großer Festtag, über den NDR Chefreporter Hermann Rockmann damals berichtet: "Bei strahlender Sonne verließ das Fährschiff 'Theodor Heuss' über die Toppen geflaggt mit dem Bundespräsidenten Dr. Lübke und annähernd 400 Ehrengästen den neuen Fährhafen Puttgarden zur ersten offiziellen Fahrt über den Fehmarnbelt nach dem dänischen Fährhafen Rødby." Heinrich Lübke eröffnet die Vogelfluglinie mit großen, pathetisch formulierten Erwartungen. Die Vogelfluglinie werde die "Entwicklung guter menschlicher, kultureller, wirtschaftlicher und auch politischer Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern wieder fördern". Der Bundespräsident erhebt sein Glas "auf die europäische Einigung, deren Verwirklichung wir alle aus vollem Herze wünschen". Dänemarks König Frederik IX. schließt sich dem Toast an und äußert den Wunsch, "dass die neue Verkehrsverbindung dazu beitragen möge, diese positive Entwicklung zum Nutzen unserer beiden Länder und zur Förderung der europäischen Zusammenarbeit zu festigen."

Vogelfluglinie: Politisches Symbol der Annäherung nach dem Krieg

So viel Einigkeit ist damals alles andere als selbstverständlich - 18 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Hitler-Deutschland Dänemark besetzt hatte. Mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg geht die neue Bundesrepublik auch auf die ehemaligen Feinde und Opfer des NS-Regimes zu. Deshalb ist die Vogelfluglinie mehr als ein wirtschaftliches Projekt, wie Tobias Etzold, Nordeuropa-Experte beim Forum Nordeuropäische Politik in Berlin, sagt: "Der Austausch von Gütern und Menschen hat sicherlich - gerade zwischen Ländern, die vorher im Clinch lagen - eine wichtige politische Bedeutung, um die Länder enger zusammenzuführen." Das habe besonders für diese Zeit der fortschreitenden europäischen Integration gegolten, sagt Etzold.

Zeitreise: Die Fehmarnsundbrücke

Schleswig-Holstein Magazin -

Die Fehmarnsundbrücke wird 1963 eröffnet. In unserer Zeitreise blicken wir auf die Entstehungsgeschichte zurück. Zeitzeuge Karl Wilhelm Klahn war dabei.

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Die Vogelfluglinie wird zum Vorreiter und Symbol für offene Grenzen und eine neue Zusammenarbeit in Europa - eine Idee, die durch die wiedereingeführten dänischen Grenzkontrollen zum Teil ad absurdum geführt wird. Etzold sagt, die 2016 von Dänemark wieder eingeführten Grenzkontrollen widersprächen massiv dem Gedanken eines freien Waren-, Güter- und Personenverkehrs an den europäischen Binnengrenzen und betont: "Daher müssen wir alles tun, um die ursprünglichen Symbole eines freien Europas aufrechtzuerhalten."

Stichwort Vogelfluglinie

Als Vogelfluglinie bezeichnet man seit den 1960er-Jahren die direkte Verkehrsverbindung zwischen den Großräumen von Hamburg und Kopenhagen über Fehmarn. Die Bezeichnung leitet sich ab von dem auf gleicher Route verlaufenden Vogelzug der Kraniche und anderer Wasservögel. Die Zugvögel fliegen auf dieser Strecke von Skandinavien nach Mitteleuropa und umgekehrt. Auf diese Weise müssen sie nur einen kurzen Weg über dem offenen Meer zurücklegen.

Schon im 19. Jahrhundert gibt es Pläne

Planungen für eine Verbindung zwischen Deutschland und Dänemark über Fehmarn gab es indes schon viel früher: Seit dem 19. Jahrhundert setzt man in eine Fährverbindung zwischen Fehmarn und Lolland große Hoffnungen. 1864 plant der deutsche Ingenieur Gustav Kröhnke die Fährlinie und versucht, sie erst Dänemark, dann Preußen schmackhaft zu machen. Doch sein Vorhaben scheitert - an Geldmangel, politischen Widerständen und am deutsch-dänischen Krieg. Dabei hatte Dänemark durchaus großes Interesse an einem schnellen Weg nach nach Mittel- und Südeuropa. "Für Dänemark stand immer eines im Vordergrund: die Erschließung der westlichen und südlichen Märkte. England vor allen Dingen war ein wichtiger Handelspartner, aber auch Deutschland", erklärt Chronist Carsten Watsack.

Anfang der 1940er-Jahre kommt es zu einer Neuauflage der Pläne. Die Nazis treiben das Projekt voran und planen einen Reichsautobahn von Hamburg ins besetzte Kopenhagen. Auf dänischer Seite wird bereits an Brücken und Straßen gearbeitet. Doch der Krieg stoppt den Bau, denn alle Männer müssen an die Front. Erst 20 Jahre später werden die Pläne tatsächlich realisiert und verbinden Fehmarn mit dem Festland.

Interview

"Eine ganz große Erfolgsgeschichte"

Carsten Watsack hat zwei Bücher über die Geschichte der Vogelfluglinie geschrieben. Im Interview erklärt er, warum die Verbindung so wichtig und erfolgreich ist. mehr

Brückenschlag in Richtung Dänemark

Während Politiker den Brückenschlag in Richtung Dänemark in den 1960er-Jahren als historisch feiern, sind viele Fehmaraner skeptisch. "Auf ideellen Gebieten wird sich unser Fehmarnland sehr verändern. Wir werden eine ganz neue Kultur bekommen. Das Unberührte ist vorbei. Wir sind entdeckt", sagt Heimatforscher Peter Wilpert damals. "Die Fehmaraner haben ihre Insel immer als Kontinent angesehen", erklärt Carsten Watsack, langjähriger Fährschiffkapitän und Chronist der Vogelfluglinie. Doch nur mit der Fehmarnsundbrücke habe man die Vogelfluglinie realisieren können, "denn hätte man den Fehmarnsund weiterhin mit Fähren überqueren müssen, wäre der ganze Zeitgewinn, der Vorteil der Vogelfluglinie, dahin gewesen."

Stärkung des Tourismus

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Die gute Anbindung über die Brücke bringt viele Touristen auf die Insel.

Die neue Verbindung erhöht den Handel zwischen den beiden Ländern Dänemark und Deutschland und stärkt den Tourismus auf der bislang abgeschiedenen Insel Fehmarn, wie Jan Wedemeier vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut betont. Darüber hinaus habe es aber keine nennenswerten ökonomische Vorteile oder Impulse für die Region - Ostholstein mit Fehmarn auf deutscher Seite und Lolland auf dänischer Seite - gegeben. Auch wenn Heimatforscher Wilpert zur Eröffnung der Vogelfluglinie prophezeite, Puttgarden auf Fehmarn werde "eine ganz große Stadt" werden - der Ort ist immer noch das kleine ruhige, abgelegene Dorf von damals geblieben, der Verkehr aus der große weiten Welt rauscht an ihm nur vorbei.

Scandlines-Fährschiffe als schwimmende Brücke

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Die Reederei Scandlines fährt im 30-Minuten-Takt auf der Vogelfluglinie.

Bislang bilden die Fährschiffe von Scandlines die schwimmende Brücke zwischen Puttgarden und Rødby. Mit jährlich mehr als 5,6 Millionen Passagieren, 1,4 Millionen Pkw, 550.000 Frachteinheiten und 23.000 Bussen sei die Vogelfluglinie eine Erfolgsgeschichte, sagt Scandlines-Aufsichtsratsvorsitzender Søren Poulsgard Jensen. Er bezweifelt allerdings, dass sich mit der Brücke die Vision vom Zusammenwachsen des südlichen Dänemarks und des nördlichen Deutschlands verwirklicht hat. Das liege aber nicht an einer fehlenden Straßen- und Schienenverbindung, so der Aufsichtsratschef. "Vielmehr liegt dieses Problem am Sprachunterschied, am wirtschaftlichen Aktivitätsniveau und verschiedenen politischen Entscheidungen, die die Mehrwertsteuer, andere Steuern und Abgaben und das Rentensystem betreffen."

Nächste Etappe: Der Fehmarnbelttunnel

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Ein 18 Kilometer langer Tunnel könnte Fehmarn und Dänemark in Zukunft verbinden. Die Animation zeigt die mögliche Einfahrt.

Derzeit laufen die Planungen für einen Tunnel durch den Fehmarnbelt auf Hochtouren: Der rund 18 Kilometer lange Eisenbahn- und Straßentunnel soll voraussichtlich von 2028 an die deutsche Insel Fehmarn mit der Dänemark verbinden. Doch während im Nachbarland alle politischen Gruppierungen hinter dem Millionenprojekt stehen, ist das Vorhaben in Deutschland umstritten. Unter anderem haben der Naturschutzbund NABU, die Stadt Bad Schwartau, die Stadt Burg auf Fehmarn und das "Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbeltquerung" Klagen gegen den Ende 2018 erlassenen Planfeststellungsbeschluss eingereicht. 

Der Kreis Ostholstein rechnet sowohl mit positiven als auch negativen Auswirkungen des Projekts. So werde zum Beispiel die Fahrzeit von und nach Skandinavien deutlich schneller, was mehr Kurzurlauber und Tagestouristen aus Skandinavien nach Fehmarn ziehen werde. Allerdings würden jahrelange Bauarbeiten und ein langer Ausfall der Bahnverbindung Fehmarn treffen, der zunehmende Transitverkehr werde keine wirtschaftlichen Vorteile für Ostholstein bringen. Auch Jan Wedemeier vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut prophezeit, dass der Tunnel keine großen ökonomischen Wirkungen für die Region bringen werde. Die Metropolregionen Hamburg und Kopenhagen/Malmö sowie auch Lübeck könnten hingegen profitieren. "Allerdings sind die Kosten immens und Kostensteigerungen werden in den nächsten Jahren zu erwarten sein."

Wie geht es weiter mit dem "Kleiderbügel"?

Offen ist, wie es mit der in die Jahre gekommenen Fehmarnsundbrücke weitergeht, die seit 1999 unter Denkmalschutz steht und die die Fehmaraner wegen ihrer Form liebevoll ihren "Kleiderbügel" nennen. Derzeit fahren laut einer Verkehrszählung aus dem Jahr 2015 rund 14.000 Autos täglich über die Brücke, dazu kommen rund 1.600 Lkw. Weil die Brücke dem erwarteten Verkehrsaufkommen im Zuge der Fehmarnbeltquerung nicht gewachsen sein dürfte, steht ein Neubau zur Diskussion. Aktuell sind noch zwei Brücken- und zwei Tunnelvarianten in der Diskussion, jeweils mit und ohne Weiterbetrieb der Fehmarnsundbrücke. Ein runder Tisch, an dem die umliegenden Gemeinden beteiligt sind, sprach sich zuletzt für einen Absenktunnel zwischen dem Festland und der Ostseeinsel aus. Der langsame Verkehr, also etwa Traktoren oder Autos mit Anhängern, solle über die ertüchtigte Fehmarnsundbrücke laufen. Die Deutsche Bahn betreibt das Verfahren federführend und will in Kürze eine Entscheidung bekannt geben.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.08.2019 | 19:30 Uhr

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