Stand: 29.10.2019 11:57 Uhr  | Archiv

Auf den Spuren der Reformation in Emden

von Gerhard Snitjer

Die ostfriesische Stadt Emden ist bis heute geprägt von der Reformation und trägt den Titel Reformationsstadt Europas. Auf einer Reformationsroute können Interessierte das alte und das neue Emden kennenlernen und erfahren, welch bedeutende Rolle die Stadt im 16. Jahrhundert für christliche Gläubige gespielt hat.

Eine Station der Route ist die Große Kirche. Wie fast die komplette Altstadt wurde sie bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erst in den 1990er-Jahren kam es zum Wiederaufbau und der Erweiterung des Gebäudes für die Johannes-a-Lasco-Bibliothek. Noch immer strahlt der Ort die Ruhe und Würde einer Kirche aus. Das ehemalige Mittelschiff dient jetzt als Tagungsort, Konzertsaal und Ausstellungsraum. Die Bibliothek ist nach Johannes a Lasco benannt, einem aus Polen stammenden Geistlichen, der 1542 als Superintendent in der Großen Kirche eingesetzt wurde. Der sehr entschiedene Reformator hatte sich von der katholischen Kirche seiner Heimat völlig gelöst, das Priesterzölibat gebrochen, geheiratet und war vor der Inquisition geflohen.

Emden: Zuflucht für Glaubensflüchtlinge

Der Reformer Johannes a Lasco © picture-alliance / united archiv
Der Reformer Johannes a Lasco lebte lange Zeit in Emden.

Seit Jahrzehnten war Emden damals bereits das Ziel von Glaubensflüchtlingen. Drei Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg hielt Georgius Aportanus 1520 die erste protestantische Predigt in der Großen Kirche. Zehn Jahre später fand in der Sakristei die erste Massentaufe von Erwachsenen statt. Emden gilt deswegen auch als Beginn der Täuferbewegung.

Als Johannes a Lasco nach Emden kam, gab es bereits mehrere christliche Gruppierungen in der Stadt, neben den Katholiken auch Lutheraner, in- und ausländische Reformierte verschiedener Prägung und die Täufer. Der hoch gebildete Kirchenmann sei ein guter Vermittler gewesen, erklärt Kestutis Daugirdas, wissenschaftlicher Leiter der Bibliothek: A Lasco habe es vermocht, den konfessionellen Auseinandersetzungen durch seine eigene liberale Einstellung die Schärfe zu nehmen. So sei Emden für Glaubensflüchtlinge noch attraktiver geworden. In den südlichen Niederlanden, in Flandern, Wallonien und Frankreich drohten ihnen die Scheiterhaufen, in Emden aber konnten sie ihren Glauben leben.

Wichtige Hafenstadt zu Beginn der Reformation

Der Strom der Glaubensflüchtlinge riss nicht ab, unter ihnen Handwerker und Kaufleute. Emden wurde immer größer und wohlhabender. Die Bevölkerungszahl stieg damals um das Siebenfache. Wie der Wissenschaftler Klaas-Dieter Voß von der Johannes-a-Lasco-Bibliothek erzählt, war Emden plötzlich der wichtigste Seehafen Europas: "Hier waren mehr Schiffe registriert als im gesamten englischen Königreich."

Von dem Reichtum ist heute kaum noch etwas zu erahnen. Nur in der Pelzerstraße, die ihren Namen vom damaligen Handel mit Tierfellen hat, stehen noch zwei der historischen Häuser mit ihren prachtvollen Fassaden nebeneinander. Die Pelzerhäuser beherbergen mittlerweile Ausstellungsräume Ostfriesischen Landesmuseums.

Reformatorische Schriften aus Emden

In der Lilienstraße ließen sich im 16. Jahrhundert viele niederländische und flandrische Buchdrucker in Emden nieder. In ihrer Heimat hatten sie keine Möglichkeit, reformatorische Schriften zu drucken - es war bei Todesstrafe verboten. Deswegen wurden fast alle protestantischen Schriften, die in den Niederlanden im Verborgenen kursierten, in Emden hergestellt - auch die erste Bibel in niederländischer Übersetzung.

Grundsätze der reformierten Synode gelten bis heute

In einem schlichten Lager- und Versammlungshaus, der Stadthalle, fand 1571 die reformierte Emder Synode statt. Bei dem Treffen kamen Vertreter mehrerer reformierter Flüchtlingsgemeinden zusammen, die es in vielen Orten entlang der Grenze gab. Deren Beschlüsse enthalten die Grundsätze des synodalen Prinzips, also der "Kirche von unten" und der Beteiligung der Gemeindebasis an wichtigen Entscheidungen. Diese Grundsätze gelten bis heute als kirchenrechtliches Modell in fast allen evangelischen Kirchen und haben ihren Weg in die weltlichen, demokratischen Verfassungen vieler Staaten gefunden. Die damalige Stadthalle fiel allerdings auch den Bomben im Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Ein Rathaus und das neue Faldern-Viertel

Aufnahme des historischen Rathauses in Emden - 1574 bis 1576 erbaut. © Stadt Emden
Das ursprüngliche Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Ende des 16. Jahrhunderts regierte in der Stadt ein von den Bürgern gewähltes Vierziger-Kollegium. Es tagte im Rathaus, einem prunkvollen Renaissance-Bau, der im Krieg zerstört wurde. An gleicher Stelle wurde in den Nachkriegsjahren ein Neubau errichtet, das heutige Ostfriesische Landesmuseum. Auf historischen Stadtplänen ist zu sehen, in welche Richtung sich Emden durch den Zuzug der Flüchtlinge ausgebreitet hatte: Neue Wohngebiete waren hinter dem Rathaus entstanden, im Ortsteil Faldern, wo zuvor noch Gärten und Felder lagen.

Im Faldern-Viertel finden sich noch immer die sakralen Räume vieler Glaubensgemeinden - allerdings keine Synagoge. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Emden seit der Pogromnacht 1938 nicht mehr. Aber im Viertel stehen eine katholische Kirche, eine Kirche der Mennoniten, eine Martin-Luther-Kirche und die evangelisch-reformierte "Neue Kirche", die das religiöse Leben in Emden seit 500 Jahren wie keine andere geprägt hat. Sie wurde als erste nachreformatorische Kirche Ostfrieslands im 17. Jahrhundert errichtet. Auch dieses Gebäude wurde 1944 schwer beschädigt, aber fast identisch wieder aufgebaut. Der Innenraum ist karg: keine Bilder, keine Statuen, kein Jesus am Kreuz. Denn was zählt, ist hier einzig das Wort des Predigers. Die Verkündung des reinen Evangeliums. Keine Ablenkung.

"Diaconie der Fremdlingen Armen": Bettler für die in Not Geratenen

Im 16. Jahrhundert gründeten Gräfin Anna und Johannes a Lasco die "Diaconie der Fremdlingen Armen", um sich um mittellose Menschen zu kümmern. Noch heute gibt es 12 bis 15 Brüder, allesamt angesehene Bürger der Stadt. Schwestern sind nicht dabei. Einer von ihnen ist Heino Ammersken. Sie würden sich als Bettler für die in Not geratenen sehen, erklärt Ammersken. "Das heißt, wir gehen persönlich zu unseren Gebern - das können Privatpersonen oder Firmen sein - und bitten da um eine Spende." Das Geld wird möglichst persönlich überbracht - und ohne Öffentlichkeit. Um die Mitgliedschaft kann man sich nicht bewerben, sondern man wird von der Diakonie berufen.

Gelebte Nächstenliebe und Fürsorge, angestoßen durch die Reformation, freiwillig und ehrenamtlich ausgeübt, schon seit über 460 Jahren und sicher auch weiterhin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Moin! Die Reportage | 31.10.2019 | 06:30 Uhr

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