Heimkehrer gehen 1946 im Lager Friedland auf die als Notunterkünfte dienenden Nissenhütten zu. © dpa - Bildfunk Foto: dpa

Durchgangslager Friedland: Das "Tor zur Freiheit"

Stand: 18.03.2021 09:33 Uhr

Am 20. September 1945 wurde in Friedland das Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene eröffnet. Hunderttausende kamen zu Fuß und in Zügen. Noch heute werden dort Flüchtlinge untergebracht.

Mai 1945: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg verloren. Auf den Straßen der Besiegten herrscht Chaos, die Menschen leiden Hunger. Die Versorgung ist längst zusammengebrochen. Millionen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten wandern gen Westen, riesige Flüchtlingsströme ziehen durch das zerstörte Land. Die Besatzer müssen handeln, um Herr der Lage zu werden. Der britische Militärkommandant befiehlt, ein Auffanglager zu errichten.

Ställe der Uni Göttingen werden zu Unterkünften umgebaut

Er wählt dafür Friedland aus, ein Örtchen, das er als ideal für diesen Zweck befindet: Das Dorf liegt im südlichen Niedersachsen zwischen der britischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone. Es gibt dort einen Bahnhof, eine gut ausgebaute Straße und leer stehende Schweine- und Pferdeställe der Universität Göttingen. Auf Anordnung der Briten wird das Gelände zu einer Unterkunft für Kriegsflüchtlinge, Vertriebene, entlassene Kriegsgefangene und Heimatlose umgebaut.

Heimkehrer, Vertriebene, Flüchtlinge: Schnell wird es eng

Ein Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft sieht im Lager Friedland in den 40er-Jahren zum ersten Mal sein Tochter. © picture alliance / akg Foto: akg-images
Bewegende Momente im Lager Friedland in den 40er-Jahren: Ein Vater - zurück aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft - sieht zum ersten Mal seine Tochter.

Das Lager wird innerhalb weniger Tage aus dem Boden gestampft. Am 20. September 1945 ist es einsatzbereit. Hunderttausende kommen, viele zu Fuß, die meisten mit dem Zug. Bis Ende 1945 schleusen die Briten eine halbe Million Menschen durch das Lager für die Weiterreise in verschiedene Regionen Deutschlands - vor allem entlassene Kriegsgefangene und Vertriebene. Doch der Platz reicht bald nicht mehr. Die Anlage muss vergrößert werden - mit britischen Armeezelten, Holzbauten und Wellblech-Baracken, den sogenannten Nissenhütten. Für die Ankömmlinge gibt es im Durchgangslager den wichtigen Registrierschein, der Voraussetzung für neue Papiere, Arbeit, Wohnung und Lebensmittelkarten ist.

Am 13. August 1946 trifft in Friedland der erste geschlossene Transport deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion ein.

Die Verantwortung für die Einrichtung geht im Februar 1948 auf das neu eingerichtete Niedersächsische Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten über. Mittlerweile hat das Niedersächsische Innenministerium die Aufsicht.

Theodor Heuss begrüßt Heimkehrer aus Russland

Am 18. Oktober 1955 begrüßt Theodor Heuss die aus der der Sowjetunion heimgekehrten Zivilinternierte und ehemalige Soldaten im  Grenzdurchgangslager Friedland . © dpa - Bildfunk Foto: dpa
1955 treffen die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion ein. Bundespräsident Heuss begrüßt sie persönlich.

1955 erreicht Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in Moskau die Freilassung Tausender Kriegsgefangener. Auch sie kommen zuerst nach Friedland. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuss reist persönlich zu den Heimkehrern, um sie zu begrüßen. In den Folgejahren ist Friedland vor allem Zwischenstation für deutschstämmige Spätaussiedler aus Osteuropa. Neben diesen finden in Friedland auch immer wieder Menschen aus unterschiedlichsten Ländern Zuflucht. 1956 zum Beispiel sind es Flüchtlinge aus Ungarn, 1973 nach dem Militärputsch in Chile Verfolgte des Pinochet-Regimes, 1978 Bootsflüchtlinge ("Boatpeople") aus Vietnam, 1984 Tamilen aus Sri Lanka und 1990 Flüchtlinge aus Albanien. In den Wendejahren 1989/90 kommen auch Übersiedler aus der DDR, dann auch Aussiedler aus den Nachfolgeländern der Sowjetunion. Allein im Jahr 1990 treffen 400.000 Aussiedler in Friedland ein.

Friedland wird zum "Symbol für Nächstenliebe"

Die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Friedland. © dpa - Bildfunk Foto: Werner Schilling
1978 treffen Bootsflüchtlinge aus Vietnam im Grenzdurchgangslager ein.

Bis Ende der 90er-Jahre sinken die Zahlen der Aussiedler kontinuierlich, und so wird 1999 bekannt, dass Friedland nur noch als "Reservelager" erhalten bleiben soll. Doch es zeigt sich, dass der Rückhalt für die Einrichtung in der Bevölkerung stark ist. Bürger, Politiker und die örtliche Presse protestieren und sammeln fast 15.000 Unterschriften gegen die Schließung. Der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) gibt nach und sagt zum 60. Jahrestag: "Friedland ist zum Symbol geworden für Hilfe aus dem Flüchtlingselend, für Nächstenliebe und tätige Hilfe."

VIDEO: Friedland damals und heute (84 Min)

Flüchtlingskrise 2015 stellt Friedland vor große Herausforderung

Flüchtlingskinder schauen im Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Friedland auf eine meterlange Schlange. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner
Friedland im Spätsommer 2015: Unter den Flüchtlingen, die ankommen, sind viele Kinder.

Heute ist Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler und deren Angehörige in Deutschland. Seit 2012 ist die Zahl der Aussiedler wieder gestiegen. 2011 wird Friedland zudem zu einer der Erstaufnahme-Stellen des Landes Niedersachsen für Asylsuchende. Vor einer besonders großen Herausforderung steht Friedland im Jahr 2015 durch die riesigen Flüchtlingsströme vor allem aus Bürgerkriegsländern wie Syrien und Irak. Im Herbst 2015 ist das Durchgangslager zwischenzeitlich völlig überfüllt. Es hat zu diesem Zeitpunkt Kapazitäten für rund 700 Asylsuchende, zeitweise leben dort aber mehr als 3.500 Flüchtlinge. Erst gegen Ende 2015 entspannt sich die Lage wieder.

Dennoch bleibt die Zahl der Neuankömmlinge hoch: Im Jahr 2018 liegt sie bei insgesamt rund 7.200. Im Jahr 2019 haben dort insgesamt gut 12.800 Menschen vorübergehend eine Bleibe, darunter rund 7.200 Spätaussiedler, 4.800 Einreisende aus Humanitären Aufnahme-Programmen, zum Beispiel über das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, und rund 740 Asylbewerber. Im Jahr 2020 sind nach Angaben der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen bis Ende Juli insgesamt rund 3.000 Menschen in Friedland aufgenommen worden.

Corona in Friedland: Kritik an fehlenden Test

Im Sommer 2020 erreicht die Corona-Krise auch das Grenzdurchgangslager Friedland. Zwischen Mitte Juni und Anfang Juli werden mehr als 60 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet, die meisten unter ihnen sind nach Angaben der Niedersächsischen Landesaufnahmebehörde (LAB) Spätaussiedler, aber auch Asylsuchende und Mitarbeiter sind betroffen. Eine heikle Situation, was die weitere Verbreitung des Virus angeht, da Spätaussiedler die Einrichtung in der Regel nach einer, spätestens aber nach zwei Wochen wieder verlassen und auf die Bundesländer verteilt werden. Die LAB entscheidet Anfang Juli, zunächst keine weiteren Spätaussiedler aufzunehmen. Im Nachhinein wird Kritik am Bundesinnenministerium laut: Offenbar kamen die Spätaussiedler ins Grenzdurchgangslager, ohne vorher auf das Virus getestet worden zu sein.

Ein Museum für das "Tor zur Freiheit"

Ungeachtet der einzelnen Herausforderungen innerhalb der vergangenen 75 Jahre ist das Lager Friedland seit 1945 bereits für rund viereinhalb Millionen Menschen die erste Anlaufstelle in Deutschland gewesen. Für sie wurde es das "Tor zur Freiheit". Welche Bedeutung der Ort für die deutsche Nachkriegsgeschichte von 1945 bis in die heutige Zeit besitzt, zeigt seit März 2016 das Museum Friedland. Dort berichten Zeitzeugen in Filmen von ihrer Flucht und ihrer Ankunft in Friedland. Fotos, persönliche Gegenstände und historische Dokumente ergänzen die Ausstellung, die im früheren Bahnhof des Ortes untergebracht. Für das Jahr 2023 ist ein Neubau geplant, in dem vor allem die junge Geschichte der Migration nach Deutschland über Friedland ab 2015 dokumentiert werden soll.

Hintergrund
Das historische Bahnhofsgebäude, in dem sich das Museum Friedland befindet, in Außenansicht. © dpa - Bildfunk Foto: Swen Pförtner

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 17.03.2021 | 13:30 Uhr

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