Stand: 08.03.2020 11:31 Uhr  - Hamburg Journal

CCH: Wo Udo Jürgens in die Badewanne stieg

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, Simone Rastelli
Mitten in Hamburg, direkt neben dem Dammtorbahnhof, liegt das CCH. Hier ein Foto aus den 70er-Jahren.

Bei seiner Eröffnung 1973 gilt das Congress Center Hamburg (CCH) als größtes Kongresszentrum Europas. Es beschert Hamburg viele Touristen und Prominenz - von ABBA über Udo Jürgens bis zum Dalai Lama. Am 5. März 1970 legt Hamburgs damaliger Erster Bürgermeister Herbert Weichmann (SPD) den Grundstein. Derzeit wird der Gebäudekomplex saniert - mit den "üblichen" Überraschungen, die ein solches Großprojekt mit sich bringt. Die Geschichte eines Veranstaltungsriesen.

In den 1960er-Jahren erobert eine vergleichsweise neue Spezies den internationalen Tourismusmarkt: der Kongressist. Er ist meist männlich, in den besten Jahren, offen für Vergnügungen aller Art - und äußerst zahlungskräftig. Geschäftstüchtig, wie sie sind, werden die Hamburger Stadtväter schnell auf das gewinnversprechende Phänomen des Tagungsreisenden aufmerksam. Und da es bis dato deutschlandweit noch keine international relevante Tagungsstätte gibt, beschließen sie: Die Hansestadt braucht ein Kongresszentrum - beziehungsweise "eine Fabrik zur Erzeugung von Fremdenverkehr", wie es der damalige Erste Bürgermeister Herbert Weichmann (SPD) ausdrückt.

Name soll Assoziationen aus Nazi-Zeit vermeiden

Binnen weniger Jahre planen die Verantwortlichen mit Hilfe des Bauunternehmens Neue Heimat einen Bau für Tausende Tagungsteilnehmer, citynah gelegen am Rand des Parks "Planten un Blomen" und dank des Dammtor-Bahnhofs bestens angebunden an den Fernverkehr. 140 Millionen Mark kostet das Gebäude - eine damals gigantische Summe, die mancher Kritiker als unverhältnismäßig bemängelt. Um Assoziationen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu umgehen, die die Abkürzung "KZ" für Kongresszentrum geweckt hätte, wird bei der Namenswahl aufs Lateinische zurückgegriffen. Congress Centrum Hamburg, kurz CCH, heißt das Tagungszentrum im Herzen der Stadt. Nach drei Jahren Bauzeit wird es am 14. April 1973 eröffnet - und gilt fortan nicht nur als erste Kongressstätte Deutschlands, sondern gar als größte Europas.

Umstrittene Architektur - "schicke" Inneneinrichtung

"Anders als viele Großbauprojekte wurde unser Haus tatsächlich in der anberaumten Zeit fertig, und auch die Kosten blieben im Plan", berichtet Götz Eipper. Als langjähriger Leiter der Abteilung Veranstaltungstechnik erlebte er die Historie des CCH von Beginn an mit. "Klar, die Architektur war nicht unbedingt jedermanns Geschmack", so Eipper über das terrassenförmig angelegte, graue Gebäude, das böse Zungen auch schon als "Bunker" bezeichnet haben. "Aber von innen waren wir schick eingerichtet und mit hochmoderner Technik ausgestattet. Da hat uns niemand etwas vorgemacht."

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Moderne der 70er mit Telefonzellen und Dia-Projektoren

Hochmodern bedeutet in den 1970er-Jahren: Telefonzellen im Foyer, Tageslichtschreiber und Dia-Projektoren, zudem Dolmetscher-Anlagen und Tonaufnahme-Studios. Besonders stolz sind die CCH-Verantwortlichen damals auf ihr Eidophor-System, über das Fernsehbilder großflächig auf Leinwände projiziert werden können. "Das war damals weltweit der letzte Schrei", erinnert sich Eipper. Dennoch braucht das CCH anfangs einige Zeit, um sich zu etablieren. Auch, weil es den Hamburgern schlicht an professioneller Werbung und Management-Erfahrung fehlt. "Manchmal ging es ziemlich chaotisch zu", so Eipper.

Après-Kongress beim Shopping oder auf der Reeperbahn

Doch bereits das Jahr 1976 kann dank des CCH "ohne Übertreibung als das für Hamburg erfolgreichste Kongreßjahr bezeichnet werden", wie es in einem damaligen Bericht der Wirtschaftsbehörde heißt. 171.000 Teilnehmer strömen in dem Jahr zu Tagungen ins CCH und lassen es sich anschließend in Hamburg wohlergehen. Die Mark rollt beim Shopping in Pöseldorf, beim Besuch der Staatsoper oder im Nachtleben auf der Reeperbahn im Kultviertel St. Pauli. Diese und allerhand weitere Vorschläge zur Freizeitgestaltung beim Après-Kongress offeriert ein CCH-Werbeprospekt aus dieser Zeit.

Manager, Politiker und Tupperware-Vertreterinnen

Die Tagungsmaschine brummt, die Zahl der Kongress-Reisenden steigt in den Folgejahren kontinuierlich. Von Managern großer Autokonzerne und Pharmaunternehmen über Gewerkschafter bis hin zu Tupperware-Vertreterinnen und Leuchtturmwärtern. "Kaum einer, der nicht bei uns getagt hätte", sagt Eipper. Prominente Politiker wie Willy Brandt, Helmut Kohl, Helmut Schmidt halten hier Parteitagsreden. "Bis zu den Kommunisten waren alle bei uns", erinnert sich Eipper, der 1999 in den Ruhestand gegangen ist. Hartmut Hofmann, Eippers Nachfolger als Leiter der Veranstaltungstechnik bis 2017, ergänzt, dass manche bauliche Beschaffenheit des CCH, die heutzutage als Manko betrachtet werde, bestimmten Tagungsgruppen damals sogar gerade gefallen habe. Zum Beispiel Räume ohne Fenster. "Die mochten Vertreter des Militärs zur Zeit des Kalten Krieges besonders, weil sie als abhörsicher galten."

Eine Badewanne für Udo Jürgens

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Der legendäre weiße Bademantel: Im CCH wurde er zu Udo Jürgens' Markenzeichen.

Zusätzliche Einnahmen und Glamour bescheren Kunstausstellungen, Bälle und Abendveranstaltungen mit hochkarätigen Stars wie ABBA, Deep Purple oder Queen. Ob Eis-Revue, Auftritte von Liza Minnelli oder David Copperfield: "Das war eine unheimlich spannende Zeit", so Eipper. "Die Veranstaltungsdichte war unglaublich." Und so manchem Gast erfüllen die CCH-Verantwortlichen ausgefallene Extrawünsche. Zum Beispiel Sänger Udo Jürgens, der regelmäßig dort auftritt. "Er benutzte ungern Duschen und wollte nach seinem Auftritt lieber baden", berichtet Eipper. Also hätten sie ihm kurzerhand in die von ihm regelmäßig genutzte Garderobe Nr. 211 eine Badewanne eingebaut. Von da an habe Jürgens - stets frisch der Wanne entstiegen - nach seiner Vorstellung im CCH den Fans Autogramme gegeben - in dem weißen Bademantel, der zu seinem Markenzeichen werden sollte.

Umstrittener Erweiterungsbau eröffnet 2007

Doch die Ursprungsidee, den Geschäftstourismus nach Hamburg zu holen, gerät in Gefahr. Anfang der 2000er-Jahre sinkt das Interesse großer Kongressveranstalter am CCH. Die Kongresse werden größer, die Teilnehmerzahlen auch, erläutert Hofmann, der seit 2018 als Bereichsleiter für die Produktion neben der Veranstaltungstechnik auch das kaufmännische Projektmanagement verantwortet. Für Kongresse, zunehmend von der Industrie finanziert, wird Ausstellungsfläche zum relevanten Kriterium. "Für die Industrie war es attraktiv, direkt am Tagungssaal ausstellen zu können", so Hofmann. "Die haben um Hamburg einen Bogen machen müssen, weil die Stadt diese großen Ausstellungsflächen nicht bieten konnte." Eine neue Halle muss also her. Doch wegen der Park-Nähe stoßen die Erweiterungspläne zunächst auf Widerstand in Politik und Gesellschaft. Erst mit der CDU als Regierungspartei in der Hamburger Bürgerschaft ab 2004 ändert sich die Haltung: "Der Park war dann nicht mehr ganz so heilig", sagt Hofmann. 2007 schließlich ist die Erweiterung um die neue Halle H an der Süd-West-Seite des Geländes abgeschlossen. Rund 10.000 Quadratmeter mehr stehen jetzt zur Verfügung.

Wie viel Wandlungsfähigkeit braucht ein Kongresszentrum?

Die Auslastungszahlen steigen wieder - bis zur Vollauslastung 2012. Der Markt verändert sich jedoch weiter. Die Geschäftskunden setzen zunehmend auf Corporate Design - und wollen ihr Look and Feel auch auf ihren Veranstaltungen möglichst prominent zur Geltung bringen. Ein Anspruch, der sich mit der Innengestaltung der alten CCH-Räume laut Hofmann nicht umsetzen lässt. So kehren dem CCH abermals immer mehr Kunden den Rücken. "Die Innenausstattung war nicht mehr 'sexy'", sagt Hofmann. "Die Räume ließen sich optisch nicht so an die Bedürfnisse der Kunden anpassen." Als weiteres Manko erkennen die Betreiber, dass es nur einen Haupteingangsbereich gibt. "Wenn sich die Teilnehmer sensibler Veranstaltungen nicht kreuzen sollten, konnten keine zwei Großveranstaltungen gleichzeitig laufen", so Hofmann.

Umfangreiche Sanierung soll CCH zukunftsfähig machen

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Mittlerweile Geschichte: Die extra für Jürgens eingebaute Badewanne in der Star-Garderobe des CCH.

Eine weitere umfassende Modernisierung des Komplexes wird also unausweichlich. Und nimmt mit einer von der Wirtschaftsbehörde ins Leben gerufenen Projektgruppe ab 2012 Form an. Als Vorlage dient die DNA des Erweiterungsbaus aus 2007: nüchtern gestaltet, multifunktional. Seit Januar 2017 wird der Komplex nun - inklusive seines nahezu kompletten Innenlebens - umfassend saniert und umgestaltet. Udo Jürgens' Badewanne ist seitdem Geschichte. Sie flog bei der Entkernung gleich in den ersten Wochen der Bauarbeiten raus. Nur ein kleiner Teil der Inneneinrichtung soll erhalten bleiben, etwa eine denkmalgeschützte spektakuläre Deckenbeleuchtung aus den 1970er-Jahren und die Backsteinwände des größten Saales mit 3.000 Plätzen. Darüber hinaus erwartet die Gäste des CCH in Zukunft eine gänzlich neue Optik. Unter anderem erhält das Kongresszentrum eine andere Raumaufteilung und einen neuen Eingangsbereich, der laut Hofmann an den Mechanismus eines Flughafens angelehnt ist: viel Platz für die erste Orientierung und eine deutliche Aufteilung in die einzelnen Tagungsbereiche. So sollen künftig mehrere große Veranstaltungen parallel stattfinden können.

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CCH-Sanierung im Zeitraffer

Eine Baudokumentation der CCH-Sanierung in Zeitraffern, bereitgestellt vom Bau- und Sanierungsunternehmen Sprinkenhof. extern

Neues CCH kommt später - und wird deutlich teurer

"Das ist natürlich ein großes Wagnis, ein bestehendes Gebäude nicht einfach abzureißen, sondern zu erhalten und behutsam weiterzuentwickeln", sagt Hofmann. Und so geht es dem Großprojekt CCH-Sanierung - anders als bei den Bauarbeiten Anfang der 70er-Jahre - heute wie so vielen seiner Art: Überraschungen wie Asbest-Funde im Bauschutt, Streusalzschäden in der Tiefgarage und Korrosionsschäden an der Fassade ziehen extra Arbeit nach sich - und machen das Ganze deutlich teurer als geplant: Wurden für die Modernisierung ursprünglich 194 Millionen Euro veranschlagt, wird sie Stand März 2019 am Ende doch rund 230 Millionen Euro kosten. Finanziert wird diese "Revitalisierung" über die CCH Immobilien GmbH & Co. KG - eine 100-prozentige Tochter der Stadt. Im August 2020 soll das Kongresszentrum - ein Dreivierteljahr verspätet - mit 12.000 Sitzplätzen in bis zu 50 Sälen und rund 2,5 Hektar Fläche für Foyers und Ausstellungen wieder öffnen. Und soll dann wieder zu den größten und modernsten Kongresszentren Europas gehören.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 08.03.2020 | 19:30 Uhr

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