Stand: 09.06.2015 11:56 Uhr  - Hamburg Journal  | Archiv

Alsterhaus: Warenhaus mit bewegter Geschichte

Es hat zwei Weltkriege baulich nahezu unversehrt überstanden. Sein jüdischer Gründer wurde von den Nazis enteignet. Es erhielt danach zwangsweise den fortan als Inbegriff für deutsche Warenhäuser stehenden Namen "Hertie". Und Prinz Charles und Prinzessin Diana kamen als Ehrengäste zu seinem 75. Geburtstag: Das Alsterhaus an der Hamburger Binnenalster kann auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken, in der sich die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts widerspiegelt.

Ein Warenhaus mit Geschichte

Kontinuität mit "gehobenem Anspruch"

Das Synonym für Hamburger Einkaufschic und repräsentatives Shopping steht in der Mitte des Jungfernstiegs - gleichsam in der Mitte der Stadt - breit wie ein Häuserblock und mit hohen Fensterfronten. Am 24. April 1912 öffneten sich zum ersten Mal die Türen, damals hieß das Alsterhaus "Warenhaus Hermann Tietz", betrieben von dessen Neffen Oscar Tietz. "Seitdem ist es ein Haus mit gehobenem Anspruch, das sich mit Hamburg entwickelt hat", sagte anlässlich des 100. Geburtstages des Alsterhauses der damalige Geschäftsführer Sven Zahn zu NDR.de. In der Konzentration auf hohe Qualität liege die Kontinuität seit der Eröffnung. "Das Alsterhaus ist eine Hamburger Institution wie die Alster und der Michel."

Touristen vor der Champagner-Bar

Bild vergrößern
Im Erdgeschoss wird der Besucher in der Parfümabteilung von einer Wolke aus vielen einzelnen Düften empfangen.

Eine der besten Lagen in der Hansestadt zieht entsprechendes Publikum an: wirklich Betuchte und scharenweise Touristen. Wer das Alsterhaus vom Haupteingang am Jungfernstieg her betritt, ist hinter den Glastüren sofort von einer aus vielen Einzelgerüchen bestehenden Duftwolke gefangen. Die Parfümabteilung erstreckt sich sehr hell über das halbe Erdgeschoss.

Bei einem Besuch im Alsterhaus unter der Woche sucht man aber vergeblich nach den Klischeebildern der Frauen in Pelzmänteln und Männern mit Einstecktuch. Die Kunden wirken wie in anderen Kaufhäusern auch. Sie stöbern im ersten Stock nach Herren-Jeans, in der zweiten Etage nach Damen-Oberbekleidung oder suchen sich im dritten Stock ein neues Porzellanservice oder Bettwäsche aus.

Doch auf der vierten Etage, entlang des "Feinschmecker-Boulevards", bietet sich ein anderes Bild als in einfachen Karstadt- oder Kaufhof-Filialen. Hier trennen sich Käufer von Neugierigen: Die zahlungskräftige Kundschaft verlangt Räucherlachs an der Theke oder trinkt Champagner an der "Veuve Clicquot"-Bar. Viele Besucher, die nur mal kurz gucken wollen, was es alles so an Delikatessen gibt, lesen sich aufmerksam die Preise für Champagner, Kaviar und Trüffel durch - und ziehen dann um einige Erkenntnisse reicher weiter.

Gürtel zu Patronentaschen

Bild vergrößern
Die Schikanierung jüdischer Unternehmer durch Boykottaufrufe und wirtschaftliche Maßnahmen wie hohe Zinsen trifft auch die Familie Tietz.

Das heute international bekannte Warenhaus ist durch manche Höhen und Tiefen gegangen. Der Erste Weltkrieg stellt zwei Jahre nach der Kaufhausöffnung eine erste Zäsur dar: "Der Krieg und seine Erfordernisse regulierten das Warenangebot", heißt es in einem Firmenprospekt. "Alle Volllederbestände sollten zu Gürteln und Patronentaschen verarbeitet werden. Bettdecken, Feldbetten, getrocknete Erbsen, Linsen - haltbare Lebensmittel überhaupt mussten dem Militär zur Verfügung gestellt werden."

In den goldenen 20er-Jahren erlebt das Alsterhaus einen Aufschwung, die Firma "Hermann Tietz" entwickelt sich bis zur Weltwirtschaftskrise mit Filialen in ganz Deutschland zum größten Warenhauskonzern Europas. Dann übernehmen die Nationalsozialisten 1933 die Macht und schikanieren jüdische Unternehmer, darunter auch die Familie Tietz. Noch im gleichen Jahr wird ihr Hamburger Warenhaus für einen Schleuderpreis an ein Bankenkonsortium verkauft. "Systematisch war ihr Warenhaus von Politik und Wirtschaft des NS-Regimes in den Ruin getrieben worden", heißt es im Prospekt. Das Kaufhaus wird fortan unter der Abkürzung von Hermann Tietz weiterbetrieben: "Hertie" entsteht. Von 1935 an heißt es dann Alsterhaus.

Mehrfacher Eigentümer-Wechsel

Nach dem Krieg verlangen die Tietz-Erben ihr Eigentum zurück. Der neue Hertie-Chef Georg Karg weigert sich zunächst und behauptet, die Familie sei aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Unternehmen ausgeschieden. Schließlich einigt man sich auf einen Vergleich, nach dem die Familie die Filialen in München, Stuttgart und Karlsruhe zurückerhält. Bis 1965 ist das Alsterhaus auch der Hertie-Hauptsitz.

In den 70er-Jahren wird die Verkaufsfläche erweitert, 1983 für 40 Millionen Mark der Innenraum umgebaut und neu gestaltet. Drei Jahre später kommt der britische Thronfolger Charles mit seiner Frau Diana anlässlich des 75. Geburtstags zu Besuch ins Warenhaus. 1994 übernimmt schließlich Karstadt die Hertie-Gruppe und damit auch das Alsterhaus. 2006 geht es in die Karstadt Premium Group über. Im Juni 2015 erfolgt ein erneuter Wechsel: Die italienische Warenhausgruppe La Rinascente übernimmt von Karstadt-Eigner Benko die Mehrheit an dem Traditionskaufhaus.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 04.03.2012 | 19:30 Uhr

Mehr Geschichte in Video und Audio

04:01
Schleswig-Holstein Magazin
04:10
Hamburg Journal
06:04
Schleswig-Holstein Magazin

Norddeutsche Geschichte