Herzogin Louise von Mecklenburg-Strelitz, Königin Luise von Preußen und Friedrich Wilhelm III. von Preußen auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin. Digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Bildagentur-online/Sunny Celeste

600 Jahre Weihnachtsmarkt: Von der Versorgung zum Vergnügen

Stand: 08.10.2021 10:00 Uhr

Weihnachtsmärkte gehören zum Advent wie Kerzen und "Last Christmas" im Radio. Die Tradition eines vorweihnachtlichen Marktes reicht bis ins Mittelalter zurück. Damals dient er der Versorgung, mittlerweile steht geselliges Beisammensein im Vordergrund.

von Janine Kühl

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie mussten die Menschen 2020 allerdings weitestgehend auf dieses Vergnügen verzichten. Wo Weihnachtsmärkte in diesem Jahr stattfinden, werden sich die Besucher auf Beschränkungen wie etwa die 3G-Regel einstellen müssen. Denn heutzutage erleben wir den Weihnachtsmarkt üblicherweise vor allem als dichtes Gedränge zwischen den Ständen. Aber auch der Becher mit dampfendem Glühwein, der Duft von gebrannten Mandeln, unterschiedliche Speisen, Kunsthandwerk und ein Weihnachtsmann, der Geschenke an die Kinder verteilt, gehören dazu. Große Städte haben oftmals mehrere Märkte, die vom ersten Advent bis kurz vor Heiligabend oder sogar darüber hinaus geöffnet sind. Auch viele kleinere Ortschaften oder Höfe halten Weihnachtsmärkte ab, oft lediglich für einen oder wenige Tage.

Erste vorweihnachtliche Märkte im 14. Jahrhundert

Bereits vor über 600 Jahren finden die ersten Weihnachtsmärkte im deutschsprachigen Raum Erwähnung. So soll der Bautzener Wenzelsmarkt bereits 1384 stattgefunden haben. Der Dresdener Striezelmarkt wird 1434 urkundlich genannt. Ähnlich lange gibt es den Nürnberger Christkindlesmarkt oder den Augsburger Lebzeltermarkt. Ein Wiener "Wintermarkt" geht gar auf das Jahr 1382 zurück.

Mittelalterliche Märkte dienen der Versorgung

Ein Mann mit Einkäufen und Weihnachtsbaum fährt auf einer Kutsche mit Esel. Grafische Darstellung, digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Bildagentur-online/Sunny Celeste
Besorgen, was man für Winter und Weihnacht so braucht - vor Jahrhunderten ist man dafür auf den Weihnachtsmarkt gezogen.

Allerdings haben die Märkte im Mittelalter wenig mit unseren heutigen Vergnügungsveranstaltungen zu tun. Die mittelalterlichen Stadtbewohner konnten sich hier mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen für den anstehenden Winter und das Weihnachtsfest eindecken. Neben den Händlern erhielten Handwerker wie Korbflechter, Schuster und allmählich auch Spielzeugmacher das Recht, auf den Märkten ihre Waren anzubieten. Kuchenbäcker durften vielerorts für das leibliche Wohl sorgen. Oft sorgten schon im Mittelalter fahrende Musikanten für musikalische Untermalung.

18. Jahrhundert: Treffpunkt für geselliges Beisammensein

Altkolorierter Kupferstich eines Heiligen Abends von Johann Michael Voltz (1784-1858). © picture-alliance / akg-images
Im 18. Jahrhundert entwickelt sich Weihnachten zum bürgerlichen Familienfest.

Der Übergang vom Versorgungsmarkt zum stimmungsvollen Vergnügen beginnt im 17. und 18. Jahrhundert. In dieser Zeit vollzieht sich ein Wandel des Weihnachtsfests vom rein religiösen hin zu einem bürgerlichen Familienfest. Geselliges Beisammensein und Geschenke für die Kinder gewinnen an Bedeutung für die Mittel- und Oberschicht. Auf den vorweihnachtlichen Märkten sind vermehrt Speisen und Getränke im Angebot, aber auch Spielzeug. Aus dieser Zeit stammt auch der Brauch, Krippen aufzustellen. Die ersten Krippen kamen zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Italien. Lebende Krippen mit Schafen, Ziegen und Eseln findet man manchmal noch heute vor allem auf ländlichen Märkten.

Weihnachtsmärkte spiegeln gesellschaftlichen Wandel

Lebkuchenherzen hängen an einem Weihnachtsmarktstand © dpa Foto: Jens Büttner
Lebkuchen, Spekulatius, Zuckerwatte, heiße Maronen und gebrannte Mandeln sind bis heute Klassiker auf dem Weihnachtsmarkt.

Mit dem gesellschaftlichen Wandel durch die Industrialisierung ändern sich im 19. Jahrhundert auch viele Weihnachtsmärkte. Berichte über Zusammenstöße beispielsweise auf dem Berliner Weihnachtsmarkt weisen auf soziale Konflikte hin. Mit dem Aufkommen der Kaufhäuser ab 1920 verschwinden viele Waren von den Märkten, da sie in den Geschäften in größerer Auswahl und günstiger zu haben sind. Dafür erlebt die folkloristische Ausrichtung der Märkte einen Aufschwung. Tannenbäume und Lichter sorgen für eine gemütliche Atmosphäre. Traditionell gestaltete Buden, feierliche Zeremonien und Musik sowie Vergnügungen wie Karussells bestimmen zunehmend das Geschehen. Ausnahmen sind einige katholische Gegenden, in denen die Adventszeit als Fastenzeit gilt.

Kaum Märkte während Zweitem Weltkrieg und Nachkriegszeit

Unter den Nationalsozialisten werden die Weihnachtsmärkte zum heidnischen Winterfest umgedeutet und im Sinne des Nationalsozialismus ideologisiert. Allerdings setzt der Zweite Weltkrieg dem Treiben bald ein Ende. Auch in der Nachkriegszeit finden aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage kaum Märkte statt. Erst mit dem wieder aufkeimenden Wohlstand in den 1960er Jahren nimmt auch die jahrhundertealte Tradition wieder an Fahrt auf.

Moderner Weihnachtsmarkt: Zwischen Kommerz und Kunsthandwerk

Zwei Hände halten jeweils einen Glühweinbecher © picture alliance/Rainer Jensen/dpa Foto: Rainer Jensen
Viele Weihnachtsmärkte kreieren ihre eigenen Glühweinbecher - die oft zu begehrten Sammelobjekten werden.

Allein in Deutschland finden mittlerweile mehr 2.500 Weihnachtsmärkte jährlich statt. Der Leipziger Weihnachtmarkt gilt mit rund 250 Ständen als einer der größten des Landes. Neben den großen Weihnachtsmärkten mit Hunderten Buden und einem bunten Rummelangebot wie Fahrgeschäften oder Eisbahnen entstehen auch immer mehr kleine Märkte - beispielsweise in städtischen Hinterhöfen oder auf abgelegenen Gutshöfen. Sie heißen Weihnachts-, Christkindl- oder Adventsmarkt. Auch die Bezeichnung Wintermarkt findet in Zeiten, in denen die christliche Tradition in den Hintergrund tritt, immer mehr Anklang.

Historisch anmutende Stände, mit Rindenmulch ausgelegter Boden und traditionelles Kunsthandwerk liegen im Trend. Zum obligatorischen Glühwein gibt es - neben regionalen Spezialitäten - noch immer Lebkuchen oder Zuckerwatte. Auch weihnachtliche Blasmusik und frisch gebackene Waffeln gehören für viele zum Erlebnis Weihnachtsmarkt.

Rostock größter Weihnachtsmarkt in Norddeutschland

Blick über den Rostocker Weihnachtsmarkt mit der Weihnachtspyramide © picture alliance/Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Bernd Wüstneck
Die begehbare Weihnachtspyramide auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt ist mehr als 20 Meter hoch. Über drei Kilometer ziehen sich Buden und Attraktionen durch die Innenstadt.

Rund 140 Marktstände, eine über 20 Meter hohe Weihnachgspyramide und zig Fahrgeschäfte samt Riesenrad: Rostock hat nach eigenen Angaben den größten Weihnachtsmarkt Norddeutschlands. Bekannt sind auch die Märkte in Hamburg, Hannover, Osnabrück, Oldenburg und Schwerin. Als besonders stimmungsvoll gelten die traditionsreichen und vor historischer Kulisse stattfindenden Märkte in Lübeck und Lüneburg, die üblicherweise Tausende Besucher anlocken. Skandinavisch angehaucht ist der wohl nördlichste Weihnachtsmarkt nahe der dänischen Grenze in Flensburg.

Winter Wonder Land in London

Auch in unseren europäischen Nachbarländern haben Weihnachtsmärkte eine lange Tradition. In Wien, Salzburg, Rom, Bozen, London oder Zagreb bummeln die Menschen ebenso von Stand zu Stand wie in Kopenhagen, Stockholm, Prag oder Riga. Städtereisen mit Weihnachtsmarktbesuch sind deswegen in der Adventszeit sehr beliebt.

"German Christmas Market": Exportschlager Weihnachtsmarkt

Der Christkindlmarket Chicago auf der Richard J. Daley Plaza in Chicago © dpa - Bildfunk Foto: DB Johanna Durnbaugh
Der "Christkindlmarket Chicago" auf der Richard J. Daley Plaza gilt als einer der größten deutschen Weihnachtsmärkte außerhalb Deutschlands.

Seit einigen Jahrzehnten gibt es auch in Übersee Weihnachtsmärkte. In zahlreichen Städten der USA erfreuen sich "German Christmas Markets" großer Beliebtheit. Aber auch in Tokio, Peking, Kapstadt, Sydney oder Auckland haben entweder Einwanderer an der Tradition festgehalten oder die Globalisierung hat den beliebten Budenzauber in aller Welt verteilt.

Weihnachtsmärkte nach Corona-Zwangspause wieder möglich

Im Winter 2020 wurde die Tradition der Weihnachtsmärkte unterbrochen, wie es zuletzt während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. Das Coronavirus zwang die Menschen auf Distanz. Aufgrund der Hygienevorschriften mussten die meisten Märkte deswegen abgesagt werden. In diesem Jahr werden in den norddeutschen Bundesländern voraussichtlich wieder Weihnachtsmärkte stattfinden können - je nach zugrunde liegender Verordnung dürften die meisten Kommunen dann auf das 2G- oder 3G-Modell setzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 08.10.2021 | 06:00 Uhr

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