Stand: 10.12.2013 11:30 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Neue Wege: Willy Brandt und die Ostpolitik

von Kathrin Weber, NDR.de

Der Kniefall von Warschau

Parallel zu den Gesprächen mit Moskau nimmt Bonn im Februar 1970 den Dialog mit Polen auf. Zentrale Punkte sind ein Gewaltverzicht, die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und die Aussiedlung von Deutschen.

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Eine große Geste, mit der niemand gerechnet hat: Brandt knier vor dem Mahnmal im ehemaligen Warschauer Ghetto.

Am 7. Dezember unterzeichnet Brandt in der polnischen Hauptstadt den Warschauer Vertrag. Am selben Tag besucht er das Mahnmal für den Aufstand im ehemaligen Warschauer Ghetto. Statt nur einen Kranz abzulegen, kniet er vor dem Denkmal nieder. "Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien - weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland", beschreibt Reporter Hermann Schreiber die Szene in einem Bericht im "Spiegel". Das Bild geht um die Welt und macht den Kanzler zu einem international anerkannten Friedenspolitiker. Dennoch ist das Echo in Deutschland auf die große Geste Brandts geteilt. Laut einer Blitzumfrage im Dezember 1970 halten nur 41 Prozent der Befragten den Kniefall für angemessen, 48 Prozent hingegen für übertrieben.

Über die Frage, ob der Kniefall geplant war, gibt es jahrelang Spekulationen. In seine Erinnerungen verneint Brandt das ganz klar: "Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt."

Brandt erhält den Friedensnobelpreis

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Die norwegische Politikerin und Vorsitzende des Nobelkomitees Aase Lionaes überreicht Brandt in Oslo den Nobelpreis.

Im Ausland verschafft sich Brandt mit seiner Entspannungspolitik und den hohen moralischen Ansprüchen Vertrauen und hohe Anerkennung. Das US-Magazin "Time" kürt ihn zum "Mann des Jahres 1970". Im 10. Dezember 1971 wird er in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Bundeskanzler Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnung zwischen alten Feindländern ausgestreckt", heißt es in der Begründung. Als besondere Verdienste werden die Verträge von Moskau und Warschau sowie der Einsatz für die Rechte der Westberliner Bevölkerung genannt. Brandt nimmt die Auszeichnung gerührt entgegen und betont in seiner Dankesrede, wie viel es ihm bedeute, "nach den unauslöschlichen Schrecken der Vergangenheit den Namen meines Landes und den Willen zum Frieden in Übereinstimmung gebracht zu sehen".

Heftige innenpolitische Widerstände

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Der CDU-Vorsitzende Rainer Barzel gratuliert Willy Brandt am 20. Oktober 1971 im Bundestag zum Friedensnobelpreis.

Während das Ausland Brandts Kurs unterstützt, stößt er im Inland zum Teil auf heftigen Widerstand. Ein Großteil der Unionspolitiker lehnt die Ostverträge ab. Sie werfen der Regierung "einen Ausverkauf deutscher Interessen" vor und sehen die Freiheit der Bundesrepublik in Gefahr. Als die Nachricht von der Vergabe des Friedensnobelpreises während einer Bundestagssitzung bekannt wird, erhebt sich nur ein Teil der Abgeordneten und applaudiert. Die Mehrheit der Opposition bleibt schweigend sitzen. In der Presse werden sogar Verdächtigungen laut, einige Stimmen des Nobelpreiskomitees seien gekauft worden.

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NDR Info | 17.12.2013 | 07:08 Uhr

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