Stand: 03.12.2018 10:53 Uhr

Helmut Schmidt: Kühler Kopf und Krisenmanager

"Macher" während der Sturmflut

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Schmidt bat bei der Flutkatastrophe auch die Bundeswehr um Hilfe.

1961 wechselte Helmut Schmidt als Innensenator in seine Heimatstadt Hamburg. Während der Sturmflut im Februar 1962 erwarb er sich erstmals bundesweit Ansehen als "Macher" und Krisenmanager. Energisch und umsichtig koordinierte er die Hilfsaktionen. Mehr als 20.000 Helfer - darunter auch viele Bundeswehrsoldaten - kämpften in einem Wettlauf gegen die Zeit um das Leben der verzweifelten Menschen in der Hansestadt.

Bei der Bundestagswahl 1965 errang Schmidt erneut ein Mandat für den Bundestag. Die CDU unter Ludwig Erhard gewann die Wahl. Nach der Regierungskrise 1966, aus der die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger (CDU) hervorging, und dem Tod des SPD-Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler, übernahm Helmut Schmidt von 1967 bis 1969 den Vorsitz der SPD-Fraktion im Bundestag.

Aufstieg in der sozialliberalen Koalition

Nach dem Wahlsieg der SPD bei der Bundestagswahl 1969 holte Bundeskanzler Willy Brandt Schmidt, der für den Wahlkreis Hamburg-Bergedorf im Parlament saß, als Verteidigungsminister in das Kabinett der neuen SPD/FDP-Koalition. In seiner Amtszeit wurde der Grundwehrdienst von 18 auf 15 Monate verkürzt und die Gründung der Bundeswehr-Universitäten in Hamburg und München beschlossen. In den folgenden Jahren entwickelte sich Schmidt innerhalb des Kabinetts zum zweiten Mann hinter Brandt. Mit SPD-Fraktionschef Herbert Wehner und Brandt bildete er ein Dreigespann, das - bei allen Auseinandersetzungen untereinander - die Partei prägte und lenkte.

1972 übernahm Schmidt nach dem Rücktritt von Karl Schiller das Amt des Finanz- und Wirtschaftsministers. Nach der Bundestagswahl 1972 wurde dieses "Superministerium" wieder geteilt. Die FDP stellte fortan den Wirtschaftsminister, Schmidt führte weiterhin das Finanzministerium.

1974: Helmut Schmidt wird Bundeskanzler

Die zweite Amtszeit von Bundeskanzler Willy Brandt endete im Mai 1974 mit dessen Rücktritt, ausgelöst durch die Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume. Sein Nachfolger wurde Helmut Schmidt, der sich damals erst in letzter Minute durchgerungen haben soll, die Regierungsverantwortung als fünfter Kanzler der Bundesrepublik zu übernehmen.

Die ersten Jahre seiner Regierungszeit waren geprägt von einer weltweiten Rezession, die auch an Deutschland nicht spurlos vorüberging. Die Ölkrise überstand die Bundesrepublik unter Schmidt besser als die meisten anderen Industriestaaten. Im Ausland wurde der Kanzler dafür hoch angesehen, in Deutschland musste er sich von der CDU/CSU-Opposition vorwerfen lassen, die Wirtschaftskrise sei hausgemacht.

1977: RAF-Terror erschüttert das Land

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Schmidt weigerte sich im "heißen Herbst", auf die Forderungen der Terroristen einzugehen.

Innenpolitisch die größte Herausforderung seiner Amtszeit war der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) im sogenannten Deutschen Herbst. 1977 fielen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Bankier Jürgen Ponto RAF-Anschlägen zum Opfer. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde entführt. Gleichzeitig mit der Entführung Schleyers hatten Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert und forderten die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen. Eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, die GSG 9, befreite die Insassen der Maschine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Einen Tag später fand die Polizei die Leiche Schleyers im Elsass.

Schmidt übernahm die politische Verantwortung für den Tod Schleyers. Während der Entführung hatte er immer wieder erklärt, dass sich der Staat nicht erpressen lassen dürfe. Später sagte Schmidt, er wäre noch in der Nacht zurückgetreten, wenn die Befreiung der Geiseln in Mogadischu fehlgeschlagen wäre.

Kalter Krieg: Streit um NATO-Doppelbeschluss

In der Außenpolitik setzte Helmut Schmidt auf ein entschlossenes Auftreten gegenüber dem Warschauer Pakt. So erreichte Schmidt bei einem Treffen mit US-Präsident Jimmy Carter, Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing und dem britischen Premierminister James Callaghan die politische Entscheidung zum NATO-Doppelbeschluss. Demnach sollten atomare Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden, falls die Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion scheiterten. Der NATO-Doppelbeschluss war in der Bevölkerung und vor allem in Schmidts eigener Partei heftig umstritten.

Gemeinsam mit Giscard, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verband, verbesserte Schmidt die deutsch-französischen Beziehungen und vertiefte die europäische Integration. Auch die wirtschaftspolitisch bedeutendste Maßnahme seiner Regierungszeit erfolgte in Zusammenarbeit mit Giscard: die Einführung des Europäischen Währungssystems, aus dem später der Euro hervorgehen sollte. Auf eine Idee Schmidts und Giscards ging auch 1975 der erste Weltwirtschaftsgipfel zurück, der Vorgänger der heutigen G8-Treffen. Bis zuletzt war Schmidt ein glühender Verfechter der Europäischen Union. Er warnte vor einer schrumpfenden Erkenntnis, dass die europäische Integration zu den wichtigsten Interessen der Bundesrepublik gehöre und einer Renationalisierung.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 10.08.2018 | 18:45 Uhr

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