Wolfgang Borchert (1921) © picture alliance / akg-images Foto: akg-images

Wolfgang Borchert: Tragischer Held der Trümmerliteratur

Stand: 12.05.2021 10:44 Uhr

Das Drama "Draußen vor der Tür" von 1947 gilt als Wolfgang Borcherts größter Erfolg. Aber auch die Neubegründung der deutschen Kurzgeschichte geht auf den am 20. Mai 1921 geborenen Hamburger zurück. Er wurde nur 26 Jahre alt.

von Marc-Oliver Rehrmann

Die Hamburger Kammerspiele zeigen die Uraufführung von "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert am 21. November 1947. Das Stück wird ihn weltberühmt machen und prägt die Epoche der sogenannten Trümmerliteratur. Es ist das Drama über einen Kriegsheimkehrer namens Beckmann, der sich im zerstörten Hamburg nicht zurechtfindet, wird Borchert weltberühmt machen. Der Autor selbst erlebt die erste Bühnenversion seines Stückes allerdings nicht mehr. Am Tag zuvor stirbt er nach schwerer Krankheit in Basel - im Alter von 26 Jahren.

"Das Publikum war minutenlang totenstill"

Wolfgang Borchert: "Draußen vor der Tür", Szenenbild der Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen vom 21.11.1947, Hans Quest als Beckmann © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Hans Quest spielte in der Uraufführung die Rolle des Beckmann. Das Stück sei sein Schicksal gewesen, sagte Quest.

Für die Zuschauer in den Hamburger Kammerspielen ist die Uraufführung ein bewegender Abend. Erst tritt Intendantin Ida Ehre auf die Bühne und unterrichtet die Theaterbesucher über Borcherts Tod. "Das Publikum ist aufgestanden. Wir haben einige Minuten stillschweigend verbracht, bevor die Aufführung begann", erinnert sich die 1989 gestorbene Schauspielerin und Theaterleiterin später. Und die Reaktion auf die Inszenierung? "Bei der Uraufführung saß das Publikum, nachdem der Vorhang gefallen war, minutenlang totenstill im Saal", erzählt Hauptdarsteller Hans Quest 1985 in einem Interview mit dem NDR. "Erst dann setzte der Applaus ein, der nicht aufhören wollte."

Auch Siegfried Lenz verehrte Borchert

Plakat zur Uraufführung von "Draußen vor der Tür" am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen. © picture-alliance / akg-images
Freitag, 19 Uhr: Mit diesem Plakat warben die Hamburger Kammerspiele für die Uraufführung von "Draußen vor der Tür".

Seit seiner Uraufführung 1947 ist das Stück in mehr als 180 Inszenierungen allein auf deutschen Bühnen gespielt worden. Zuletzt feierte "Draußen vor der Tür" im Hamburger Ohnsorg Theater im Februar 2018 als "Buten vör de Döör" Premiere - einer erfolgreichen, auf den folgenden Privattheatertagen prämierten plattdeutschen Inszenierung von Ingo Putz.

Aber auch Borcherts Kurzgeschichten wie "Die Hundeblume" oder "Die Küchenuhr" und seine Gedichte sind nach wie vor beliebt. "Borchert ist derjenige Hamburger Nachkriegsautor, der heutzutage noch am meisten gelesen wird", erzählt Hans-Gerd Winter. Er ist Vorsitzender der Internationalen Wolfgang-Borchert-Gesellschaft, eine Art Borchert-Fanclub mit rund 200 Mitgliedern aus aller Welt - zu ihnen gehörten auch Helmut Schmidt (1918 - 2015), Hamburgs langjähriger Erster Bürgermeister Henning Voscherau (1941 - 2016) und Schriftsteller Siegfried Lenz (1926 - 2014).

"Für viele deutsche Schriftsteller war Borchert Vorbild"

"Für viele deutsche Schriftsteller war Borchert Vorbild", erzählt Winter. "Siegfried Lenz hatte erzählt, seine eigenen Kurzgeschichten seien ohne Wolfgang Borchert undenkbar gewesen, sie hätten ihn sehr geprägt." Nach Ansicht von Lenz ist Borchert der erste gewesen, der nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Sprache wiederfand. Als Lenz zum ersten Mal das Hörspiel von "Draußen vor der Tür" hörte, sei er völlig erschlagen gewesen, berichtet Winter.

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Hörspielproduktion von "Draussen vor der Tür" 1947 © NDR/NWDR
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Ungeheures Echo nach Hörspiel

Bei der Produktion des Hörspiels "Draußen vor der Tür": Regisseur Ludwig Cremer, Maria Janke, Heinz Ladiges, Hans Quest und Joseph Damen (von links) © NDR/NWDR
Szene von den Aufnahmen in Hamburg für die erste Hörspielfassung von "Draußen vor der Tür". Hans Quest (2. v. r.) spricht die Figur Beckmann.

So wie Lenz ergeht es damals vielen Deutschen. Neun Monate bevor "Draußen vor der Tür" als Theaterstück uraufgeführt wird, läuft das Stück bereits als Hörspiel im Programm des NWDR, dem Vorgänger des NDR. Die Ausstrahlung am 13. Februar 1947 hat eine ungeheure Wirkung auf die Hörer. Im Wolfgang-Borchert-Archiv der Universität Hamburg lagern bis heute Hunderte Briefe, die Hörer an die Rundfunkanstalt schickten: einige begeistert, andere schlichtweg entsetzt.

"Alle Welt empfand damals, hier ist der junge Mann, der ausspricht, was uns alle beschäftigt", erzählt der Journalist Axel Eggebrecht (1899-1991) später, der Wolfgang Borchert persönlich kannte. "Die Wirkung war so groß, weil Borchert als Zeuge der schrecklichen Geschehnisse im Krieg sprach - ohne Mätzchen. Das wirkte so kurz nach dem Krieg unglaublich auf die Menschen", so Eggebrecht.

"Draußen vor der Tür" - Kurzinhalt

Das Stück schildert den Tag, an dem der Soldat Beckmann nach Hamburg zurückkehrt.

"Draußen vor der Tür" im Krankenbett geschrieben

Wolfgang  Borchert beim Einstudieren einer Schauspieler-Rolle © Wolfgang-Borchert-Archiv, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Eigentlich wollte Borchert als Schauspieler auf der Bühne stehen - hier beim Üben einer Rolle 1941.

Borchert schreibt "Draußen vor der Tür" im Herbst 1946 auf dem Krankenbett - in der Wohnung der Familie Borchert in der Carl-Cohn-Straße in Hamburg-Alsterdorf. "Borchert selbst hat erzählt, er habe das Stück innerhalb einer Woche geschrieben", sagt Winter von der Wolfgang-Borchert-Gesellschaft.

Das Schreiben ist für Borchert damals eine Notlösung, weil er wegen einer schweren Gelbsucht seinem Traumberuf nicht mehr nachgehen kann. "Eigentlich wollte Borchert Schauspieler sein", erzählt Winter. Borchert selbst, ausgebildeter Buchhändler, sprach von einem "Theaterfimmel" und hatte sich privat unterrichten lassen.

Borchert schreibt Hitler-Parodie "Käse" mit 18 Jahren

Das letzte Foto von Wolfgang Borchert, bevor er 1941 als Soldat eingezogen wurde © Wolfgang-Borchert-Archiv, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Dieses Bild ist die letzte Aufnahme von Borchert, bevor er 1941 als Soldat eingezogen wurde.

Bevor er 1941 als Soldat eingezogen wird, hat er sich für einige Monate einer fahrenden Schauspieler-Gruppe der Landesbühne Osthannover angeschlossen. Borcherts Leidenschaft für die Bühne zeigt sich schon früh. Als 18-Jähriger schreibt er 1939 zusammen mit einem Freund das Theaterstück "Käse". "Eine Hitler-Parodie", erklärt Borchert-Experte Winter. Erzählt wird die Geschichte eine Käsehändlers, der die Welt erobert. Borchert schickt den Text an Theater-Ikone Gustaf Gründgens. "An eine Aufführung war in der damaligen Zeit aber nicht zu denken", so Winter. "Gott sei Dank ist der Text nicht der Gestapo in die Hände gefallen." Borchert sollte später noch genug Probleme mit dem Nazi-Regime bekommen.

Borchert entgeht der Todesstrafe

Wolfgang  Borchert bei einem Fronturlaub in Hamburg © Wolfgang-Borchert-Archiv, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Wolfgang Borchert bei einem Fronturlaub in Hamburg.

Borchert gilt als Hamburger durch und durch. Dort geht er zur Schule. 1939 beginnt er eine Lehre in der Hamburger Buchhandlung Boysen, bricht diese aber Ende 1940 ab. 1941 wird er als 20-Jähriger an die russische Front geschickt. Durch eine Schussverletzung im Februar 1942 verliert er einen Finger. Ihm wird daraufhin der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Er habe sich die Verletzung selbst zugefügt. Es folgen zwei weitere Prozesse wegen abfälliger Bemerkungen über das NS-Regime. Borchert entgeht der Todesstrafe, muss aber während der Verfahren viele Monate in Haft verbringen.

Im Frühjahr 1945 wird der Soldat Borchert von französischen Truppen bei Frankfurt gefangen genommen, ihm gelingt die Flucht. Zu Fuß schlägt er sich rund 600 Kilometer bis nach Hamburg durch. Dort kommt er am 10. Mai 1945 an, zwei Tage nach Kriegsende.

Zwei letzte Monate im Schweizer Sanatorium

Von seinen Leiden aus den Kriegsjahren erholt sich Borchert nicht. Mehrmonatige Krankenhaus-Aufenthalte in Hamburg bringen keine Besserung. Lange Zeit empfängt er seine Besucher deshalb vom Krankenbett aus - schwer gezeichnet von der Gelbsucht: "Er war quittegelb im Gesicht", berichtet Zeitgenosse Eggebrecht später. Und dennoch schreibt Borchert in dieser Zeit seine bedeutendsten Werke. Zwei Monate vor seinem Tod reist er in ein Sanatorium in der Schweiz. Aber auch die Ärzte dort können ihm nicht mehr helfen.

Held der Friedensbewegung

Germanistik-Professor Winter ist sich sicher, dass Borchert auch in Zukunft gelesen wird - die Kurzgeschichten in der Schule, sein Gesamtwerk von Liebhabern seines Lebenshungers und seiner "jungen" Sprache. Und als Antikriegsautor von Kriegsgegnern - auch wegen der dargestellten Traumata von Opfern und Tätern. Vor allem die Hamburger seien Borchert unerschütterlich treu. Lesungen und Aufführungen von Borchert-Werken seien immer ein Garant dafür, dass die Veranstaltung gut besucht ist, berichtet Winter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.05.2021 | 19:00 Uhr

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