Stand: 05.11.2019 11:47 Uhr

Wolf Biermann: Grenzgänger und "Hamburger Jung"

Der Liedermacher Wolf Biermann reckt am Mikrofon die Faust in die Höhe. © dpa
In der fast ausverkauften Kölner Sporthalle gibt Wolf Biermann im November 1976 vor 6.800 Zuschauern sein erstes Konzert auf einer bundesdeutschen Bühne seit Ostern 1965.

Der Liedermacher und Schriftsteller Wolf Biermann ist ein "Hamburger Jung": In der Hansestadt, in der er auch heute wieder lebt, wurde er am 15. November 1936 geboren. Sein Vater, Werftarbeiter und Jude, war im kommunistischen Widerstand und wurde im KZ Auschwitz ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Wolf Biermann eines der wenigen Arbeiterkinder, die das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Hamburg besuchen. Und er tut sich früh politisch hervor: 1950 vertritt der 13-Jährige die Bundesrepublik Deutschland beim 1. Deutschlandtreffen der FDJ in der DDR.

Biermanns Wahlheimat ist die DDR

Nachdem er die Schule in Hamburg beendet hat, entscheidet sich der 17-Jährige, in die DDR überzusiedeln. Ein Grund dafür soll Margot Honecker gewesen sein, die er seit der Kindheit kennt. Noch Jahrzehnte später wird ihm vorgeworfen, von ihr protegiert worden zu sein. Zwei Jahre lebt Biermann in einem Internat in Gadebusch bei Schwerin. Dann studiert er politische Ökonomie an der Berliner Humboldt-Universität, später auch Philosophie und Mathematik. Zwischenzeitlich arbeitet er als Regieassistent am "Berliner Ensemble".

"Berliner Brautgang": Verbotenes Stück vom Mauerbau

Biermann beginnt, Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründet er das Ost-Berliner Arbeiter- und Studententheater (b.a.t.). Doch seine Inszenierung des Stückes "Berliner Brautgang", das vom Mauerbau handelt, wird verboten und das Theater noch vor der Premiere geschlossen. Der DDR-Staat, den Biermann aus freien Stücken als Heimat gewählt hatte, verbietet ihm als Künstler aufzutreten - zunächst für ein halbes Jahr. Auch in die SED wird er nicht aufgenommen, obwohl er dafür zwei Jahre kandidiert.

"Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)"

Nach einem Auftritt in dem Ost-Berliner Kabarett "Die Distel" hat Biermann 1964 seinen erstes Gastspiel in der Bundesrepublik. 1965 singt er in einem Programm von Wolfgang Neuss in Frankfurt am Main. Bald erscheint eine Langspielplatte unter dem Titel "Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)". Im gleichen Jahr veröffentlicht Biermann in der Bundesrepublik auch den Lyrikband "Die Drahtharfe". Daraufhin verhängt das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED ein totales Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn. Er habe "Klassenverrat" begangen und sei obszön, heißt es zur Begründung.

"Chausseestraße 131": Wohnung, Tonstudio und LP

Biermann hat lange auf Schallplatten-Veröffentlichungen in der Bundesrepublik verzichtet, weil er hoffte, dass seine Lieder irgendwann doch auf den DDR-Plattenlabels Amiga oder Eterna erscheinen würden. Nun nimmt er die Sache selbst in die Hand: Da er kein Tonstudio nutzen kann, entstehen die Aufnahmen zu seiner erste Langspielplatte Ost in seiner Wohnung - mit Hilfe westlicher Technik, die er eingeschmuggelt hatte. Die Wohnung liegt in der Chausseestraße 131, und so heißt dann auch die Platte.

Ausbürgerung nach Kölner Konzert 1976

Der Dichter, Musiker und Liedermacher Wolf Biermann zeigt eine von den Holzkisten, in denen ihm nach der Ausbürgerung seine Habe nachgeschickt wurde. © Hoffmann und Campe Verlag Foto: Thorsten Jander
In solchen Kisten hat Wolf Biermann seine Habe nach der Ausbürgerung aus der DDR geschickt bekommen.

Weitere Veröffentlichungen in der Bundesrepublik finden auch den Weg in die DDR und werden dort heimlich weitergegeben. Nach elf Jahren Berufsverbot tritt Biermann im September 1976 zum ersten Mal wieder auf - bei einem Konzert in der Prenzlauer Nikolaikirche. Inzwischen ist er verheiratet mit der Ärztin Christine Barg, mit ihr zusammen hat er drei Kinder. Im November fährt er zu einem Auftritt nach Köln. Nach einem Konzert bei der IG Metall, das die ARD überträgt, darf er nicht mehr nach Ostberlin zurückkehren. Bei seinem Auftritt hat er stellenweise die DDR kritisiert. Die Führenden der DDR nutzen den Anlass, um den Missliebigen loszuwerden. Biermann ist ausgesperrt - ausgebürgert. Später wird klar: Die DDR-Führung hatte die Aktion von langer Hand bereits vor Biermanns Ausreise geplant.

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Wolf Biermann, Liedermacher, Dichter, Philosoph © NDR
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Wolf Biermann zum Mauerfall

Wolf Biermann erinnert sich im Nachtmagazin am 9. November 1999, wie er den Tag des Mauerfalls zehn Jahre zuvor erlebt hat. 1 Min

Die Ausbürgerung des Liedermachers ist für die Dissidenten in der DDR einschneidend. In einer Petition protestieren Intellektuelle dagegen. In Ost und West werden Unterschriften gesammelt - vergeblich. Repressalien und Schikanen bringen in der Folgezeit viele andere Künstler und Intellektuelle dazu, die DDR zu verlassen. 1977 kommen so auch Biermanns frühere Gefährtin, die Schauspielerin Eva-Maria Hagen, und ihre Tochter aus früherer Ehe Catharina, heute bekannt als die Sängerin Nina Hagen, in die Bundesrepublik.

VIDEO: Die besten Mauer-Songs (3 Min)

Biermann: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu"

Biermann kritisiert in seinen Texten weiter die DDR - und macht im Westen Karriere. 1989 erhält er den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg vor der Höhe, 1991 den Mörike-Preis und den Georg-Büchner-Preis. 1993 zeichnet ihn die Stadt Düsseldorf mit dem Heinrich-Heine-Preis aus. Am 17. Mai 1998 bekommt er den Deutschen Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung, erst kürzlich den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2006.

Biermann lebt heute wieder in Hamburg. Er ist Vater von insgesamt zehn Kindern. Seine ehemalige Lebensgefährtin Eva-Maria Hagen hat über ihr Leben und ihre Liebe zu Biermann das Buch "Eva und der Wolf" geschrieben (erschienen 1998).

AUDIO: Wolf Biermann im Porträt ( Min)

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 04.11.2019 | 22:45 Uhr

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