Stand: 09.01.2020 00:01 Uhr  - NDR Info

Der "König von Deutschland" wäre 70 geworden

von Simone Glöckler
Deutsche Texte und klare Worte für die linke Sache: Mit seiner Band Ton Steine Scherben und später auch als Solo-Musiker krempelte Rio Reiser den deutschen Rock in den 70ern und 80ern um.

Rio Reiser: Mit Ton Steine Scherben als einer der ersten deutschsprachigen und sozialkritischen Rock-Bands hat er in den 70er-Jahren die Republik aufgerüttelt - mit seinem Solo-Debüt "König von Deutschland" wurde er in den 80ern zu eben diesem innerhalb der hiesigen Musikszene. Er hat für die Musik gelebt - ein schnelles, wildes Leben. Am 9. Januar 2020 wäre er 70 Jahre alt geworden.

Ralph Christian Möbius, so der bürgerliche Name von Rio Reiser, wird am 9. Januar 1950 in Berlin als jüngstes von drei Kindern geboren. Mit seinen Eltern zieht er oft um, wächst unter anderem in Mannheim, Stuttgart und Nürnberg auf. Die Musik packt ihn früh: Klein-Möbius sieht 1961 den Film "Ben Hur" und ist von der Filmmusik begeistert. Er beginnt am Klavier die Melodien des Komponisten Miklós Rósza nach Gehör nachzuspielen. Als er die Beatles 1963 zum ersten Mal im Radio hört, ist er fasziniert. Mit 14 Jahren ist er "tödlicher Fan" der Jungs aus Liverpool und ihrer neuen Art der Musik. Für ihn steht fest: Er selbst will nichts anderes als Musik machen und Songs schreiben. Mehrere Instrumente bringt er sich selbst bei.

Schule und Lehre geschmissen

Während sich der Sohn lieber mit Musik als mit Schule beschäftigt, muss die Familie wieder umziehen: nach Nieder-Roden nahe Frankfurt. In der hessischen Kleinstadt wird Ralph von einem Freund in "Rio" umgetauft und nennt sich fortan auch selbst so. Die Schule schmeißt er schließlich, ebenso eine Fotografenlehre - um sich ganz der Musik zu widmen.

Rio Reiser - der "König von Deutschland"

Hymne einer Generation: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht"

Im Januar 1966 lernt Rio den gleichaltrigen Gitarristen Ralph Peter Steitz kennen und wird von ihm als Sänger seiner Band engagiert. Aus dieser Begegnung wird eine lebenslange Freundschaft. Ein Jahr später folgt Rio seinen Brüdern nach Berlin und gründet mit ihnen später die Theatergruppe Hoffmanns Comic Theater. Rio ist Hauskomponist. Eines der Lieder aus dieser Zeit - "Macht kaputt, was euch kaputt macht" - wird später zur Hymne einer Generation. Obwohl er sich dem Theater verbunden fühlt, bleibt es sein Traum, eine Band auf die Beine zu stellen und deutsche Rockmusik zu machen.

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Die Band Ton Steine Scherben räumt mit kompromisslosem Rock ordentlich ab.

Mit seinem Freund Steitz, dem Bassisten Kai Sichtermann und dem Schlagzeuger Wolfgang Seidel gründet Rio im Sommer 1970 die Band Ton Steine Scherben. Die Jungs treten im September beim Love-and-Peace-Festival auf der Ostseeinsel Fehmarn zum ersten Mal auf - und werden schlagartig bekannt. Bei der legendären Veranstaltung gibt Jimi Hendrix sein letztes Konzert. Für die neue anarchische Band um Rio beginnt der Aufstieg.

"Keine Macht für niemand"

Die erste Schallplatte "Warum geht es mir so dreckig" wird produziert und veröffentlicht. Es folgt 1972 die zweite LP mit dem Titel "Keine Macht für niemand" - und spätestens nach dieser Veröffentlichung kennt die Musiker, die sich ins Herz der linken Szene gespielt haben, fast jeder in Deutschland. Ihre Lieder sind in einer Zeit, in der die Terror-Organisation Rote Armee Fraktion von sich reden macht, der gewaltfreie Gegenpol und sprechen vor allem den Jugendlichen aus der Seele.

Aufs Land nach Schleswig-Holstein

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Das Rio-Reiser-Haus in Fresenhagen - hierhin zieht Reiser sich mit Musikerkollegen Mitte der 70er-Jahre zurück.

Um den Einflüssen der kommerziellen Musikbranche zu entgehen, gründen die Musiker von Ton Steine Scherben das Plattenlabel David Volksmund Produktion und veröffentlichen darüber ihre Alben. Privat zieht Rio mit Freunden und Band 1975 von Berlin nach Fresenhagen in Schleswig-Holstein, wo sie sich ein altes Bauernhaus kaufen. Im eigens eingerichteten Tonstudio schreibt und komponiert er mit seinen Kollegen verschiedene Theaterstücke und Filmmusik.

Aus Ralph Möbius wird Rio Reiser

Ein Film ist es auch, der Möbius in Reiser verwandelt: Für die Rolle des Johnny West im gleichnamigen Fernsehfilm möchte Rio Möbius seinen zu "sehr nach Arztroman" klingenden Nachnamen ablegen. Den neuen Namen entnimmt er dem Roman "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz. Für sein darstellendes Spiel erhält Rio Reiser 1977 den Bundesfilmpreis in Gold. Es folgen mehrere Filmrollen. Mit Ton Steine Scherben bringt er zwei weitere Alben heraus: "Wenn die Nacht am tiefsten" und "IV", auch bekannt als "Die Schwarze".

Rio Reiser arbeitet nicht nur für seine Band, er textet und komponiert auch Lieder für andere Musiker und gibt Ende 1983 ein erstes Solo-Konzert. Auf Kampnagel in Hamburg sitzt Reiser allein am Flügel und singt Stücke von Marlene Dietrich, den Rolling Stones und eigene Kompositionen. Zwei Jahre später, 1985, trennen sich Ton Steine Scherben und Reiser beginnt seine Solo-Karriere.

Ein missverstandener König

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Mit "König von Deutschland" landet Rio Reiser einen Riesenhit.

Das Jahr 1986 wird für ihn das musikalisch erfolgreichste seiner Solo-Karriere. Mit Liedern wie "Alles Lüge" und "Junimond" von seiner ersten Veröffentlichung "Rio I." katapultiert er sich in die deutschen Charts. Sein erfolgreichster Song von diesem Album, "König von Deutschland", wird von da an mit ihm in Verbindung stehen: Der von der Presse neu ernannte "Volkssänger" landet damit seinen größten Hit.

Ein Jahr später tritt Rio Reiser der Anti-AKW-Bewegung bei und lässt seinen Song "Alles Lüge" für die Grünen als Wahlkampflied zu. Der rastlose Künstler veröffentlicht zwei weitere Solo-Alben. Diese können kommerziell nicht an den Erfolg der ersten Platte anknüpfen, doch Reiser arbeitet unermüdlich weiter. Er komponiert wieder Filmmusik, unter anderem auch für einen "Tatort", übernimmt kleinere Rollen in Fernsehfilmen und schreibt für die Stadt Unna 1989 eine Oper.

"König von Deutschland" als Wahlkampf-Song der PDS

Um kurz darauf seinem Unmut über die Art und Weise der Wiedervereinigung Ausdruck zu verleihen, tritt der Sänger 1990 in die PDS ein, da er sich schon "immer für Außenseiter eingesetzt habe", und erlaubt der Partei, seinen "König von Deutschland" für den Wahlkampf zu benutzen. Für einige Zeit ist das Stück unbeliebt und wird von Radiosendern boykottiert. Der Sänger kann sich aber auch ohne Radio Gehör verschaffen. Es folgen weitere Konzerte mit seinen Freunden und ehemaligen Kollegen aus der Zeit der Ton Steine Scherben, alleine am Flügel in der "Mitternachtsshow" des Hamburger Schmidt Theaters oder als Gast in diversen Talk-Shows.

Gesundheitliche Probleme - Der König tritt ab

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In den 90er-Jahren geht es Rio Reiser gesundheitlich nicht gut - trotzdem macht er weiter.

Sein unermüdlicher Arbeitseinsatz für die Musik und vermehrter Alkoholkonsum machen sich ab 1992 bemerkbar. Trotz beginnender körperlicher Schwäche veröffentlicht Rio Reiser weitere Platten. Als 1995 seine sechste und letzte erscheint, schreibt ein Musikjournalist des Magazins "Rolling Stone": "Niemand in Deutschland schreibt so wahre, aufrichtig-radikale und nachzuempfindende Texte wie dieser melancholische Spielmann." Dem letzten Album entstammt auch wieder ein Tatort-Song zur Folge "Im Herzen Eiszeit", in der Reiser in einer Hauptrolle zu sehen ist.

Reiser stirbt mit 46 Jahren

Im Mai 1996 begibt sich der Musiker gegen ärztlichen Rat noch einmal auf Deutschland-Tour, doch die muss er abbrechen. Körperlich total ausgelaugt, kehrt er nach Fresenhagen zurück und stirbt dort am 20. August 1996 an Kreislaufversagen und inneren Blutungen. Unzählige trauernde Fans nehmen gemeinsam mit Musikerkollegen am 1. September 1996 im Berliner "Tempodrom" beim "Konzert der Freunde" Abschied.

Der Einfluss Reisers auf die heutige Musikwelt zeigt sich unter anderem in den erfolgreichen Interpretationen der Lieder durch Jan Plewka. Der Frontmann der Hamburger Band Selig ist immer wieder mit seinem Rio-Reiser-Programm unterwegs, "weil Rio Visionen bis über seinen Tod hinaus hatte. Seine Texte, Melodien und Utopien für Menschlichkeit und Gerechtigkeit werden diese Welt überleben". Plewka trägt sie weiter. Zum 70. Geburtstag würdigt auch das Berliner Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg den ehemaligen Hausbesetzer. Der Heinrichplatz wird demnächst in Rio-Reiser-Platz umbenannt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub Classics | 09.01.2020 | 07:55 Uhr

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Hamburg Journal