Stand: 23.07.2017 12:52 Uhr  | Archiv

Kent Nagano: In der Musik zu Hause

von Lennart Westphal

Geht es um das Sammeln von Flugmeilen, kann kaum einer mit Kent Nagano mithalten. In Sachen klassische Musik schon gar nicht. Hamburgs Generalmusikdirektor ist ein Tausendsassa. Neben dem Chefposten in der Hansestadt hat Nagano unter anderem die musikalische Leitung des Orchestre symphonique de Montréal, zudem ist er künstlerischer Berater und Gastdirigent in Göteborg. Seine Tochter und seine Frau wohnen in Paris. Er selbst hat japanische Wurzeln und ist in den USA geboren. Die Frage nach seinem Zuhause? Kent Nagano ist ein Weltbürger. Seine Heimat: die Musik.

Hausmusik als Zeitvertreib

Schon als Achtjähriger dirigierte der heutige Weltstar den Kirchenchor in seiner Heimatstadt Morro Bay. Ein Umstand, den er aber selbst relativiert. Es habe in der Kirche eben jemanden gebraucht, der den Takt vorgab, wenn der Chorleiter an der Orgel saß. Zusammen mit seinem Bruder und den beiden Schwestern musizierte Nagano in jeder freien Minute. "Für uns war Musik einfach das Leben. Was sollte man auch sonst machen mitten auf dem Land?", so der Amerikaner gegenüber dem "Hamburger Abendblatt". Dass diese Beschäftigung mehr als nur Zeitvertreib für ihn war, zeigte sich in der Grundschule. Neben dem regulären Unterricht besuchte Nagano eine Musikschule. Diese Kombination konnte bis zu zwölf Stunden täglich in Anspruch nehmen.

"Aha, nun bist du ein Dirigent!"

Während des Studiums dirigierte er an der Universität schließlich sowohl eigens komponierte Werke als auch die seiner Kommilitonen.

Eines Tages habe Nagano dann plötzlich festgestellt: "Aha, nun bist du ein Dirigent!" Das Komponieren gab er in der Folge auf. Er wurde Assistent bei der Opera Company in Boston. 1978 bekam der heute 65-Jährige seine erste Stelle als Dirigent beim Berkeley Symphony Orchestra in Kalifornien - der Startschuss für eine Weltkarriere, entscheidend geprägt von Olivier Messiaen. Den großen französischen Komponisten bewundert Nagano sehr. Er war es auch, der ihm 1984 einen Assistenzjob bei Seiji Ozawa vermittelte. Es folgten unter anderem Stationen bei der Oper in Boston, in Lyon und beim Deutschen Symphonie-Orchester in Berlin.

Vorliebe fürs Schmuddelwetter

Im September 2015 wechselte Nagano schließlich von München nach Hamburg und übernahm den Posten als Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Der künftige Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Kent Nagano (r.) und der künftige Intendant Georges Delnon. © dpa Foto: Daniel Reinhardt
Seit 2015 ist Nagano (hier mit Opern- und Orchesterintendant Georges Delnon, l.) Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Fünfeinhalb Monate pro Jahr ist er in der Hansestadt. Das Graue und Nasse sei für ihn ein Zuhause, so der 65-Jährige. Eine Aussage, die auf den ersten Blick verwundert. Ist er doch ganz in der Nähe von Kalifornien geboren und liebt das Surfen. Mit dem typischen Beach-Boys-Klischee hat Nagano aber nicht viel am Hut. "Ich komme aus einem Ort zirka 150 Kilometer weiter nördlich, dort ist es viel ungemütlicher und wilder. Wir schmierten uns Vaseline gegen die Kälte ins Gesicht. Der Pazifik vor San Francisco ist eiskalt, die Meeresströmung kommt aus Alaska. Es gibt dort nur Felsküsten und jede Menge weiße Haie", erklärt er seine Vorliebe für raues Wetter in der "Süddeutschen Zeitung".

Naganos Ziel: Oper, die für jeden zugänglich ist

Für seine Zeit in Hamburg hat sich Kent Nagano viel vorgenommen: Er möchte die Oper zur wichtigsten Kunstform in der Hansestadt machen. Gleichzeitig soll diese Kunst für jeden Bürger zugänglich sein. Der Plan: "Oper für alle". Bereits in Bayreuth, München und New York organisierte er als Generalmusikdirektor mehrfach Veranstaltungen, in denen Aufführungen per Livestream öffentlich gezeigt wurden. Umsonst. Ein Konzept, das funktioniert. Bei der Hamburg-Premiere im September 2015 zählten die Veranstalter mehr als 1.000 Zuschauer am Jungfernstieg.

Junge Leute für Klassik begeistern

Ab Januar 2017 wird Nagano in der Elbphilharmonie dirigieren. Das so oft kritisierte Bauwerk sieht er als "Jahrhundertchance für Hamburg, die Musikgeschichte in die Zukunft zu führen". Dazu gehört für ihn auch die Begeisterung junger Leute für die klassische Musik. Etwas, was ihm bereits in Montreal außerordentlich gut gelang.

Vita Kent Nagano (Auszug)

  • geboren am 22. November 1951 in Berkeley (USA) als Sohn eines Architekten und einer Mikrobiologin - seine Mutter war auch eine gute Pianistin
  • aufgewachsen auf einer Farm in Morro Bay
  • Unterricht in Klavier und Klarinette
  • 1970 bis 1978 Studium an der Universität von Santa Cruz (Soziologie und Musik) und in San Francisco
  • ab 1984 Dirigent des Bostoner Sinfonie-Orchesters
  • danach Verpflichtungen unter anderem an der Opéra National de Lyon, beim Hallé-Orchester in Manchester und beim Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin
  • 2006 bis 2013 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper
  • seit 2015 Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg

Außerdem stand er bereits bei den Salzburger Festspielen, in der Metropolitan Opera in New York und bei den Bayreuther Festspielen am Pult.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 22.11.2016 | 10:00 Uhr

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