Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf: Der frühe Tierschützer

Stand: 04.10.2020 06:00 Uhr

Seit 1925 findet am 4. Oktober der Welttierschutztag statt. Doch das Engagement für die Tierwelt ist schon deutlich älter. Johann Adolf Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf nimmt sich bereits im 17. Jahrhundert des Bibers an.

von Sabine Knor

Norddeutschland ist im Mittelalter von dichten Wäldern bedeckt, Lebensgrundlage und Lebensraum vieler Tierarten, die aus heutiger Sicht exotisch erscheinen: Auerochsen, Wildpferde, Bären, Elche und Wisente streifen umher. Auch Biber sind zu jener Zeit in ganz Europa anzutreffen und weit verbreitet. Doch mit der zunehmenden Jagd finden sie immer weniger Lebensgrundlagen. Der Mensch steht damit in Konkurrenz zur Lebenswelt der Tiere. Deshalb gilt der Biber in Schleswig-Holstein schon im späten Mittelalter als ausgestorben.

Vom ersten protestantischen Bischof zum jungen Herzog

Fassade von Schloss Gottorf © dpa - Bildarchiv Foto: Fotoreport Stadt Schleswig
Auf Schloss Gottorf geboren wird Johann Adolf mit nur 15 Jahren zum Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf.

Ein Fürst aus Schleswig-Holstein erkannte die Bedrohung - und versuchte sich in Artenschutz: Johann Adolf Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf. Vielleicht war es sein Wissensvorsprung, den er, 1575 auf Schloss Gottorf geboren, als sechstes Kind und dritter Sohn Adolf I. von Schleswig-Holstein und Christine von Hessen, genoss: Er wird am Hofe seines Onkels Wilhelm IV. von Hessen-Kassel erzogen. Gelehrte inspirieren und prägen ihn, sein Wissensdurst treibt ihn voran. Als seine beiden älteren Brüder Friedrich II. und Philipp, letzterer im zarten Alter von 20 Jahren, sterben, wird Johann Adolf Herzog.

Weitere Informationen
Ein Mann steht barfuß im Sand, vor ihm sind zwei Fußabdrücke, einer von einem Stiefel, einer von einem nacktem Fuß. © photocase.de, panthermedia Foto: Tom Baur

DAS! historisch

DAS! erinnert mit norddeutschen Zeitzeugen und Prominenten an bewegende Ereignisse der Geschichte und geht regelmäßig auf historische Spurensuche im Norden. DAS! macht Geschichte lebendig. mehr

Dabei hatte der Vater eigentlich zunächst ganz andere Pläne: Johann Adolf bekam mit zehn Jahren das Amt des Erzbischofs von Bremen - und ein Jahr später auch von Lübeck - zugedacht und war damit der erste protestantische Bischof. Mit dem Tod der beiden älteren Brüder ändert sich sein Leben schlagartig. Johann Adolf ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 15 Jahre alt.

Strategische Familienplanung für Machtausbau

Johann Adolf wächst heran, stellt sich strategisch geschickt auf und positioniert sich in großer Nähe zu König Friedrich II. von Dänemark, die er mit der Hochzeit mit Tochter Augusta auch familiär unterstreicht, mit ihr sieben Kinder bekommt und damit die Nachfolge sichert. Die Quellen sprechen bei der Verbindung nicht von Liebe - aber von großem strategischem Geschick des neuen Herzogs.

Mit Johann Adolf wird das Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf glanzvoll und mächtig. Endlich kann sich Johann Adolf nach der Einigung mit seinem Bruder darauf konzentrieren, seine eigene und die Position des Herzogtums weiter auszubauen.

Weitere Informationen
Fassade von Schloss Gottorf © Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Foto: Bodo Nitsch

Schloss Gottorf: Zwei Museen und ein Barockgarten

Die schöne Anlage in Schleswig beherbergt die Landesmuseen für Kulturgeschichte und Archäologie. Dahinter liegt ein weitläufiger Park. mehr

Schloss Gottorf wird zum kulturellen Hotspot

Der umtriebige Herzog gilt als großer Mäzen: Johann Adolf baut Schloss Gottorf aufwendig aus und legt eine umfassende Bibliothek, Bilder-, Münz- und Waffensammlung an, von der zahlreiche Stücke noch heute auf der Museumsinsel Schloss Gottorf besichtigt werden können. Nicht zuletzt durch den Bibliothekar Heinrich Lindenbrog und der Bestände der ehemaligen Kloster-Bibliotheken Bordesholm und Cismar wächst die Gottorfer Bibliothek in seiner Regierungszeit beträchtlich. Der exzellente Ruf der Bibliothek lockt auch auswärtige Gelehrte wie den italienischen Humanisten Aemilius Portus nach Gottorf und machen das Herzogtum weit über die eigenen Grenzen hinaus zum norddeutschen Wissenszentrum.

Der Biber im Mittelalter: gefragt und gejagt

Ob es jene Gelehrten waren, die Johann Adolf für die heimische Tierwelt sensibilisierten, eigene Studien oder schlicht rein praktische Überlegungen, ist nicht überliefert. So oder so: Johann Adolf macht das Verschwinden des Bibers in seinem Herzogtum zu schaffen. Denn der Nager ist begehrt. Sowohl sein Pelz, vor allem aber sein Fleisch: Der Biber darf in Fastenzeiten gegessen werden, gilt er doch nach mittelalterlichem Papst-Edikt wegen seines Lebens am Wasser als Fisch. Auch in der Volksmedizin spielt er eine große Rolle. So sollte beispielsweise die Galle des Bibers gegen Magenkrämpfe helfen, die Kniescheibe vor Zahnschmerzen schützen und die Biber-Leber gegen Durchfall. Auch Hildegard von Bingen, die große Heilkundlerin, steuerte regelrechte Biber-Rezepte bei:

[…] ein Mensch, der in der Milz Schmerzen hat, der esse oft gekochte Biberzunge […] Oder pulverisiere diese Zunge, und schütte von diesem Pulver in Honig, und so iss es mit dem Honig, und es wird dem Kranken in der Milz besser gehen. Hildegard von Bingen: Physica. Heilkraft der Natur

Darüber hinaus hatte das sogenannte Biber-Geil, ein Duftstoff zur Markierung des Reviers, den Ruf eines wahren Wundermittels. Es sollte gegen Impotenz, bei Geburten, Epilepsie, Koliken, Atemnot und vielem mehr helfen. Viele Gründe also, die den Bestand des Bibers gefährdeten und immer weiter reduzierten.

Biber-Wiederansiedlung: Herzog versucht sich in Artenschutz

So versuchte der Herzog Anfang des 17. Jahrhunderts in einem groß angelegten Wiederansiedelungsversuch, den kostbaren Biber wieder heimisch zu machen. Anfänglich sogar mit Erfolg. Experten gehen davon aus, dass - wie bei heutigen Ansiedlungsversuchen - auch im Herzogtum lebende Tiere ausgesetzt wurden, die sich anfangs erfolgreich vermehrten. Gerhard Schwab, Biologe vom BUND, hat solche Wiederansiedelungsversuche in ganz Europa begleitet: "Der Grund für die Ausrottung der Tiere ist immer vor allem die Überjagung gewesen. Ansonsten ist der Biber recht genügsam und kann sich in vielen Lebensräumen zurechtfinden." 

Weitere Informationen
Ein Biber mit Schnee im Fell © NDR Foto: Peter Schmidt / NDR

Erlebnis Erde: Die Rückkehr der Biber

Die Rückkehr der Biber ist eine der größten Erfolgsgeschichten des Naturschutzes in Deutschland. Wie kam es dazu? Die NDR Dokumentation in der ARD-Mediathek. extern

Weil Biber nicht besonders empfindlich gegenüber Störungen sind, leben sie sogar manchmal in unmittelbarer Nähe zum Menschen und seinen Behausungen - manchmal sogar mitten in Städten, Parks oder Gärten. Der bevorzugte Lebensraum der Biber sind aber feuchte Wälder mit langsam fließenden oder stehenden Gewässern, die im Sommer nicht austrocknen und im Winter nicht zufrieren. Demnach optimale Bedingungen im mittelalterlichen Herzogtum in Schleswig-Holstein. Schwab vermutet, dass auch die Jäger vom Hofe Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf lebende Tiere gefangen und sie ausgesetzt haben.

Das Biber-Projekt scheitert

Warum das historische Biber-Projekt am Ende gescheitert ist - darüber kann nur spekuliert werden. Zwei Probleme könnten dabei aufgetreten sein, wie Gerhard Schwab meint: Entweder wurden zu wenige Tiere verteilt, sodass die Population sich nicht ausreichend vermehrt und schnell wieder eingegangen ist. Das könnte an der zu geringen Erfahrung des Herzogs mit Wiederansiedelungen gelegen haben. Oder die herzoglichen Biber seien nicht ausreichend bewacht worden - und wurden von Wilderern wegen ihres begehrten Fleisches getötet. 

Weitere Informationen
Ein Biber an der Peene © NDR Foto: Cornelia Wermke

Biber-Verordnung in MV bislang ohne Wirkung

In Nordosten leben inzwischen mehrere Tausend Biber, ein Problem für Landwirte. Doch Maßnahmen, die Tiere zu vertreiben, zeigen kaum Wirkung. (19.05.2020) mehr

Dr. Heinz Klöser, Biologe vom BUND Niedersachsen, weist darauf hin, dass die friedliche Koexistenz von Biber und Mensch heutzutage aus anderen Gründen schwierig ist: "Die siedelnden Biber können in einzelnen Fällen in Konflikt mit den Interessen der Bauern geraten." Gerade Landwirte sind dem kleinen Säugetier nicht immer wohlgesonnen. "Die Biber halten sich nicht an Grundstücksgrenzen und gestalten ihren Lebensraum einfach nach ihrem Geschmack", so Klöser. "Da kann es schon mal sein, dass ein Biber seine unterirdischen Höhlen unter landwirtschaftliche Flächen gräbt." Das könne zu einem Schaden für den Landwirt führen. So habe es bundesweit einige wenige Fälle gegeben, in denen Bauern die Biber getötet hätten.

Am Ende scheitert die Mission des Herzogs. Ein erfolgloser Artenschützer also - aber ein Beleg dafür, dass Artenschutz aus unterschiedlichen Beweggründen die Menschen schon seit Jahrhunderten beschäftigt.

"Gottorfer Kultur" - und Sensibilisierung für heimische Tierwelt

Als Johann Adolf 1616 im Alter von gerade einmal 41 Jahren überraschend stirbt, hinterlässt er dem ältesten Sohn Friedrich III. nicht nur einen Berg Schulden und das Herzogtum von Schleswig-Holstein-Gottorf mit seinem prächtigen Schloss. Mit seinem Engagement leitete Johann Adolf auch die "Gottorfer Kultur" des 17. Jahrhunderts ein. So entstand in seiner Regierungszeit der gute Ruf des nördlichen Herzogtums als Ort der Wissenschaft, Kunst und Kultur - und Sensibilisierung für die heimische Tierwelt.

Der Biber weiterhin vom Aussterben bedroht

Durch die Wiederansiedlungsversuche seit den 1970er-Jahren leben heute wieder mehr als 2.000 Biber in Norddeutschland, die meisten in Mecklenburg-Vorpommern. Manchen sind sie eine Plage - trotzdem gilt der Nager noch immer als eine vom Aussterben bedrohte Tierart.

VIDEO: Biber: Geschützt und kaum zu vertreiben (3 Min)

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 13.05.2020 | 18:45 Uhr

Mehr Geschichte

Bronzestatue von Martin Luther © fotolia Foto: AVTG

Reformationstag: Ein Feiertag für Martin Luther

Am 31. Oktober feiern evangelische Christen den Reformationstag. In Norddeutschland ist er seit 2018 Feiertag. mehr

Eine Fernsehansagerin des NDR bei Aufnahmen 1957 im Studio. © NDR

NDR Retro: Rein ins Fernseh-Archiv - und unsere Geschichte

Der NDR zeigt seine Fernseh-Schätze aus den 50ern und 60ern: Online wächst ein Archiv mit Tausenden historischen Videos. mehr

Screenshot: © NDR

75 Jahre NDR Elbphilharmonie Orchester

Aus der Geschichte in die Gegenwart: Das NDR EO feiert sein 75. Jubiläum mit Festkonzerten und Konzertmitschnitten. mehr

Diego Maradona (r.) mit einem Meppener Gegenspieler. © imago/Fricke Foto: Fricke

Maradona wird 60: Erinnerungen an seinen Auftritt in Meppen

1982 hat Meppen Fußballgeschichte geschrieben: Diego Armando Maradona feierte im Emsland sein Debüt als Spieler des FC Barcelona. mehr

Norddeutsche Geschichte