Stand: 02.01.2019 10:37 Uhr  - NDR Info

Eine Leidenschaft: Rolf Liebermann und die Musik

von Beatrix Hasse
Er kam, sah und bestimmte Hamburgs kulturelles Leben: Rolf Liebermann.

Er habe das Glück, aus seiner Passion einen Beruf gemacht zu haben. Mit diesen Worten beschloss Rolf Liebermann sein Buch "Opernjahre" (1977). Musik war seine Leidenschaft. Sein Leben lang begeisterte sie ihn, ließ ihn nie wieder los - wie eine große, einzigartige Liebe. Als Komponist und Opernintendant hatte er sogar zwei Berufe, die er aber selten gleichzeitig ausübte. Zwei Mal landete der Schweizer in Hamburg: Ab 1957 leitete er zwei Jahre lang die Hauptmusikabteilung des Norddeutschen Rundfunks, im Anschluss daran war er ganze 14 Jahre Intendant der Hamburgischen Staatsoper, verhalf der Bühne zu neuem Ansehen. Von 1985 bis 1988 kehrte er noch einmal an das Haus am Hamburger Stephansplatz zurück.

Schweizer mit preußischen Wurzeln

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov

Der Komponist "vom Bau"

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 2. Januar 1999 stirbt Rolf Liebermann. Der Schweizer Komponist schuf unterschiedlichste Werke - von der Oper zum politischen Lied - und entdeckte einen großen Sänger.

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Am 14. September 1910 kam Rolf Liebermann in Zürich zur Welt. Die jüdische Familie des Jungen stammte ursprünglich aus Berlin, sein Großonkel war der bekannte Maler Max Liebermann. Doch Vater Franz hatte es der Liebe wegen in die Schweiz gezogen. Musik war schon früh wichtig. Die Mutter spielte Klavier, der Vater sang, und auch Sohn Rolf bekam schon in seiner Kindheit Klavierunterricht. Als Wunderkind entpuppte er sich zwar nicht - dennoch zeichnete sich eine musikalische Begabung ab. Sich zielstrebig für einen Beruf zu entscheiden fiel ihm aber schwer. Während sein älterer Bruder in die Fußstapfen des Vaters trat und Jura studierte, äußerte Rolf nur ganz vage, dass er "irgend etwas, was mit Musik zusammenhängt" machen wolle. Mehr auf Wunsch der Familie denn aus eigenem Interesse begann auch Rolf Liebermann nach der Schule ein Jurastudium, gab es jedoch nach dem Tod seines Vaters - er starb 1931 - auf. Kurz darauf bestimmte die Musik wieder sein Leben, zunächst durch eine Frau.

Erste Liebe als Schlüssel zur Musiker-Karriere

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Beflügelt durch die Liebe: Für Lieselotte Wilke alias Lale Andersen vertonte Rolf Liebermann in Zürich Texte.

1933 trat die Sängerin Lieselotte Wilke in sein Leben, später als Lale Andersen bekannt. Hitler hatte in Berlin die Macht übernommen. Die Künstlerin verließ die Stadt und lebte nun in Zürich, erhielt kleinere Rollen am Schauspielhaus, trat als Chansonsängerin in Kabaretts auf. Sie wurde Rolf Liebermanns erste große Liebe. Er vertonte Stummfilme, seine ersten kleineren Kompositionen entstanden. Schon bald bat ihn Lale Andersen, für sie zu komponieren. Mit vertonten Texten von Brecht, Ringelnatz, Kästner und anderen Autoren tourten die beiden durch Schweizer Städte, Liebermann begleitete ihren Gesang am Klavier.

Eine weitere Schlüsselperson in Rolf Liebermanns Leben war Hermann Scherchen, ein bekannter Dirigent und Komponist von Neuer Musik. Bei ihm bewarb sich der Endzwanziger 1937 für einen Dirigierkurs in Budapest. Scherchen erkannte sein Talent und machte ihn zu seinem Assistenten. Als Scherchen kurz darauf in Wien das "Musica viva"-Orchester gründete, folgte ihm Liebermann.

1938 besetzten die Nazis Österreich, das Orchester wurde aufgelöst. Rolf Liebermann gelang die Flucht aus Wien - zurück in die neutrale Schweiz. Kurze Zeit später machte er in Ascona im Tessin Station, wo er die Bekanntschaft des russischen Komponisten Wladimir Vogel machte. Ab 1940 lernte Liebermann bei ihm das Komponieren der Zwölftonmusik, prägend für sein weiteres musikalisches Schaffen. 1943 entstand seine erste bekanntere Komposition: "Polyphone Studien" für Kammerorchester.

Rolf Liebermanns erster Ausflug zum Radio

Nach Kriegsende berief ihn Hermann Scherchen zum Schweizer Sender Beromünster, wo Liebermann ab 1945 zunächst Tonmeister wurde. Fünf Jahre später übernahm er die Leitung der Musikabteilung. Rolf Liebermann achtete bei Orchesterarbeit und Programmgestaltung auf ein hohes Niveau und setzte sich für zeitgenössische Musik im Radio ein. Dirigent Hans Schmidt-Isserstedt, zu dieser Zeit Leiter des NDR Sinfonieorchesters, gehörte zu seinem Umfeld in der Züricher Radiozeit - und holte Rolf Liebermann einige Jahre später von der Limmat an die Elbe.

Karrierestart beim Rundfunk

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Das Rolf-Liebermann-Studio in einem ehemaligen jüdischen Tempel in Hamburg wurde nach dem ehemaligen NDR Musikchef benannt.

Beim Norddeutschen Rundfunk trat er 1957 die Nachfolge von Harry Hermann-Spitz an - und wurde zum Mitbegründer des Dritten Programms im Hörfunk, das er gemeinsam mit Radiopionier Ernst Schnabel aus der Taufe hob. Dafür hängte Rolf Liebermann seine Karriere als Komponist vorerst an den Nagel. Mittlerweile waren unter anderem die Opern "Leonore 40/45" (1952), "Penelope" (1954) und "Die Schule der Frauen" (1955) entstanden. Bis 1959 blieb er beim NDR. In seiner Amtszeit setzte er sich intensiv für die Nachwuchsförderung ein. Liebermann begründete das "Podium der Jungen", das 1996 zu seinen Ehren in "Podium Rolf Liebermann" umbenannt wurde. Musikgrößen wie die Dirigenten Christoph Eschenbach und Carlos Kleiber oder der Konzertpianist Rudolf Buchbinder waren dort zu Beginn ihrer Karriere zu Gast. Auch die Reihe "das neue werk" hat der NDR Rolf Liebermann zu verdanken. Nach seinem Tod bezeichnete der damalige NDR Intendant Jobst Plog ihn als "einen der ganz Großen dieses Jahrhunderts". Als Leiter der Musikabteilung habe er als Wegbereiter der modernen Musik Ende der 50er-Jahre Impulse gegeben, die bis heute wirkten.

Im März 2000 bekam das alte Studio 10 des NDR in der ehemaligen Synagoge an der Oberstraße einen neuen Namen: Rolf-Liebermann-Studio, zu Ehren des Opernintendanten und ehemaligen Leiters der NDR Musikabteilung. Dort finden vorwiegend Konzerte der NDR Klangkörper statt, aber auch die Reihe "Jazz Konzerte im Rolf-Liebermann-Studio". NDR 90,3 zeichnet dort zudem regelmäßig sonntags die Sendung "Sonntakte" auf. 

Krisenhilfe für die Staatsoper

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Den renommierten Komponisten Igor Strawinsky (r.) lud Rolf Liebermann nach Hamburg ein.

Doch die zwei Jahre beim NDR waren nur der Anfang seiner Hamburger Jahre. 14 Jahre sollte er noch bleiben. Hamburgs Bürgermeister Max Brauer brachte Liebermann ins Spiel, als potenziellen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper. Der zögerte jedoch zunächst, stimmte aber nach einigen Verhandlungen schließlich zu, und trat 1959 seinen Chefposten am Hamburger Opernhaus an.

Rolf Liebermann, 1964 © NDR Foto: Annemarie Aldag

Hamburgs neuer Opernintendant will mehr Demokratie

Ein Beitrag aus dem NDR Hörfunk über die Pläne Rolf Liebermanns als Intendant an der Hamburgischen Staatsoper.

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Liebermann kam und strukturierte das Haus neu. Dabei war er als Intendant immer ganz nah dran an seinen Mitarbeitern. Vom Parkett Reihe eins, Platz drei beobachtete er jede Vorstellung. Liebermann verfügte über exzellente Kontakte zu Sängern, Dirigenten und internationalen Künstlern. In seiner Zeit an der Staatsoper holte er wichtige Komponisten ans Haus, wie etwa Igor Strawinsky, der am 14. Juni 1962 sogar seinen 80. Geburtstag in der Hamburger Staatsoper feierte.

Liebermann bewies den Mut, moderne Werke auf die Bühne zu bringen, Alban Bergs "Lulu" oder Strawinskys "Oedipus Rex" gehörten dazu. Die Bilanz seiner ersten 14 Jahre als Intendant der Hamburgischen Staatsoper: 23 Uraufführungen, davon 21 Auftragswerke, die später auch in anderen Städten aufgeführt wurden. Liebermann hatte es geschafft: Das Hamburger Opernhaus genoss nun ein neues Ansehen in der internationalen Szene.

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Rolf Liebermann 1973: In diesem Jahr verließ der Intendant Hamburg und ging an die Pariser Oper.

1973 wurde Liebermann an die Pariser Oper berufen, dort blieb er bis 1980, dann sollte Schluss sein mit dem Musikmanagement. Eigentlich wollte sich der Musiker wieder dem Komponieren widmen - doch daraus wurde nur vorübergehend etwas.

Oper für jedes Publikum

Als Liebermann 1985 erneut für drei Jahre nach Hamburg gerufen wurde, steckte die Staatsoper wieder in der Krise. Sein direkter Vorgänger, Kurt Horres, hatte nach nur zwei Monaten Intendanz das Handtuch geworfen. Liebermann kämpfte in gewohnt souveräner Weise für seine Vision: die Oper des 21. Jahrhunderts. Dabei ging es nicht nur um künstlerische Ansätze, sondern auch um neue Strukturen im Spielbetrieb, eine Probebühne für die Schauspieler - wie sie kurz darauf in den ehemaligen Werkstätten des Schauspielhauses entstand - und veränderte Eintrittspreise.

Rolf Liebermann, 1964 © NDR Foto: Annemarie Aldag

Nachruf auf Rolf Liebermann

Am 2. Januar 1999 starb der Komponist und Intendant in Paris. Der NDR Hörfunk erinnert an Rolf Liebermann.

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Er wollte den Beweis antreten, dass "die Oper kein elitäres Museum nur für wohlhabende Menschen ist", sagte Liebermann in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk. Seine Forderung: 360 Plätze im dritten und vierten Rang sollten für den freien Verkauf bestimmt sein. Für weniger betuchte Menschen kosteten dort die Tickets nur vier und acht Mark. Demokratisierung der Oper nannte er das - und setzte sich durch.

Obwohl Liebermann seine letzten Jahre in Paris verbrachte, kam er 1995 wieder nach Hamburg. Seine Oper "Freispruch für Medea" wurde anlässlich seines 85. Geburtstages in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt. Auch seinen 88. Geburtstag hatte er noch in der Stadt verbracht, mit der ihn so viel verband. Wenige Monate später, am 2. Januar 1999, starb Rolf Liebermann in Paris.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 02.01.2019 | 20:15 Uhr

Geschichte in Video und Audio

04:53
Kulturjournal
05:34
Schleswig-Holstein Magazin