Stand: 30.04.2020 16:12 Uhr

Nie wieder Krieg - Die Lehren aus dem 8. Mai 1945

von Herfried Münkler

Die Folgebereitschaft und Zuversicht der Deutschen

Wer die Folgebereitschaft der Deutschen gegenüber Hitlers Kriegspolitik verstehen will, muss sich noch einmal an das Ende des Ersten Weltkriegs, an dessen politisch-psychologische Verarbeitung sowie dessen militärische Lernergebnisse zurückerinnern. Hindenburg und Ludendorff hatten sich damals aus der Verantwortung geschlichen und danach die Legende vom "Dolchstoß" der politischen Linken in den Rücken des "im Felde unbesiegten Heeres" lanciert. Die Vorstellung, man habe den Krieg nur verloren, weil man zu früh aufgegeben habe, erklärt unter anderem auch den Durchhaltefanatismus am Ende des Zweiten Weltkrieges - eingeschlossen die obsessive Vorstellung, die Deutschen hätten den Ersten Weltkrieg nur verloren, weil sie nicht hart genug gegen Deserteure und "Drückeberger" vorgegangen seien. Wer im Verdacht stand, aufgeben zu wollen, wurde noch in den letzten Kriegstagen 1945 als abschreckendes Beispiel öffentlich gehenkt.

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Wehrmachtssoldaten ergeben sich 1945 und halten weiße Tücher hoch. © picture alliance/akg-images Foto: akg-images

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Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Bereits zuvor haben die Alliierten viele Städte und Konzentrationslager befreit. Ein Dossier. mehr

Für die deutsche Zuversicht der Jahre 1939 bis 1941 war ausschlaggebend, dass man aus den Fehlern des Ersten Weltkriegs gelernt zu haben glaubte: Man musste einen Zwei-Fronten-Krieg vermeiden, und deswegen war der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 ein politischer Coup, dessen psychologische Wirkung auf Militär und Bevölkerung kaum überschätzt werden kann. Die französisch-britische Kriegserklärung nach dem deutschen Überfall auf Polen hat diese Wirkung kurzzeitig begrenzt, aber als Polen bald bezwungen war, breitete sich Zuversicht aus, dass es dieses Mal besser laufen würde als im Ersten Weltkrieg - zumal man dieses Mal auch nicht in Materialschlachten und Stellungskrieg verwickelt wurde wie damals. Also zog man frisch und fröhlich von Feldzug zu Feldzug - und mit einem Mal befand man sich in einem Weltkrieg, den man doch unter allen Umständen hatte vermeiden wollen.

Weltkriege werden nicht geplant oder gewollt

Weltkriege, so lässt sich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts resümieren, werden nicht geplant oder gewollt, sondern entstehen hinter dem Rücken der Akteure und zumeist auch gegen den Willen derer, die den Krieg begonnen haben. Das war bereits 1914 so, als Deutsche, Franzosen, Russen Plänen folgten, die eine schnelle Kriegsentscheidung sicherstellen sollten. Einzig Seemächte haben eine Tendenz, Kriege auf lange Dauer hin zu planen. Landmächte dagegen setzen in ihren Kriegsplanungen auf schnelle Entscheidungen. Aber wenn die nicht fallen und sich der Krieg in die Länge zieht, entstehen Weltkriege, die dadurch definiert sind, dass sie lange dauern und auf mehreren "Kriegsschauplätzen" geführt werden. Der Blick in die Gegenwart zeigt, dass die Ära der Weltkriege nicht zu Ende ist, wenn man "Weltkrieg" so versteht. Die Europäer freilich sind darin allenfalls marginal verwickelt, und die Deutschen haben sich politisch dahingehend positioniert, dass sie einen solchen Weltkrieg nie wieder auslösen wollen. Da der freilich hinterrücks entsteht und so weder gewollt noch geplant wird, heißt das, dass sie sich am besten an keinem Krieg beteiligen. Das gilt auch für die Japaner, die auf der anderen Seite der Erdkugel eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie die Deutschen.

"Kleine Weltkriege" räumlich und zeitlich begrenzen

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Der Dritte Weltkrieg, wie man prophylaktisch eine mit Nuklearwaffen ausgetragene Konfrontation zwischen West und Ost genannt hat, hat nicht stattgefunden. Stattdessen haben sich "kleine Weltkriege" entwickelt. Da ist etwa der "afrikanische Weltkrieg", der im Gebiet der großen Seen ausgetragen wurde und wird: Internationale Organisationen schätzen die Zahl der in diesem Krieg Getöteten und an seinen Begleiterscheinungen Gestorbenen auf über vier Millionen Menschen. Ein anderer "kleiner Weltkrieg" ist der, welcher zwischen Maghreb und Hindukusch stattfindet, mit Libyen, Syrien, Jemen und Afghanistan als Hauptstationen. Auch das ist ein Krieg, der sich über Jahrzehnte hinzieht, dabei seine Schwerpunkte immer wieder verlagert und den auch von außen eingreifende Interventionsmächte nicht zu beenden vermochten - im Unterschied zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Vor allem die USA haben das schmerzlich lernen müssen.

Will man die Formel "Nie wieder Weltkrieg" auf diese "kleinen Weltkriege" anwenden, dann heißt das, dafür Sorge zu tragen, dass sie auf das Gebiet, in dem sie ausgetragen werden, beschränkt und die Kriegsherde möglichst voneinander getrennt bleiben. Die Lernformel ist umgestellt worden von der Selbstverpflichtung, sich aus allen Kriegen herauszuhalten, auf ein politisches Handeln, das "kleine Weltkriege" räumlich wie zeitlich begrenzen soll. Das ist normativ deutlich bescheidener, realpolitisch aber sehr viel anspruchsvoller. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist das die politische Lektion, die inzwischen auch Deutschland gelernt hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.05.2020 | 19:00 Uhr

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