Stand: 30.04.2020 16:12 Uhr

Nie wieder Krieg - Die Lehren aus dem 8. Mai 1945

von Herfried Münkler

Die Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 beendet den Zweiten Weltkrieg in Europa. Die Alliierten befreien Deutschland vom Nationalsozialismus und schenken uns eine Stunde Null. Zu beklagen sind die Opfer der NS-Verbrechen: Dutzende Millionen Menschen, die im Holocaust und durch den "totalen Krieg" ihr Leben verloren haben. Städte sind verwüstet, Menschen heimatlos. Welche Verpflichtung legt uns dieser Tag der deutschen Geschichte auf, welche Lehren ziehen wir aus ihm für unsere Außen- und Sicherheitspolitik? Und von welcher Weltregion geht eigentlich heute die größte Gefahr für einen möglichen neuen Weltkrieg aus?

Herfried Münkler © imago Foto: Christian Thiel
Herfried Münkler ist Professor für Theorie der Politik an der Berliner Humboldt-Universität.

Am Ende des Ersten Weltkrieges, Anfang November 1918, stellte das Deutsche Reich die Weiterführung eines Krieges ein, den es nach übereinstimmender Einschätzung seiner Generäle nicht mehr gewinnen konnte. Die Verbündeten Deutschlands hatten inzwischen allesamt um Waffenstillstandsverhandlungen nachgesucht, man stand also allein da, und die eigenen Truppen waren erschöpft. Die Politiker, die während des Krieges von den Militärs in den Hintergrund gedrängt worden waren, nahmen das Heft des Handelns wieder in die Hand und unterzeichneten das Waffenstillstandsabkommen.

Kapitulation im letzten Augenblick

Am Ende des Zweiten Weltkrieges, Anfang Mai 1945, sah die Lage für Deutschland gänzlich anders aus: Sowjetische, US-amerikanische und britische Divisionen waren tief ins Deutsche Reich vorgedrungen und hatten den von der Wehrmacht gehaltenen Raum in mehrere Gebiete aufgespalten. Fast alle deutschen Großstädte waren zu Trümmerwüsten geworden, und auf den Straßen ballten sich Flüchtlingstrecks. Doch selbst nach Hitlers Selbstmord dauerte es noch mehr als eine Woche, bis sein Nachfolger Dönitz in die Kapitulation einwilligte. Zuletzt hatte Dönitz damit rechnen müssen, dass britische Truppen sein Hauptquartier in der Marineschule Mürwick besetzen würden. Es war eine Kapitulation buchstäblich im letzten Augenblick.

Hitler und seine Paladine hätten Deutschland und Europa viele Tote ersparen können, wenn sie zu einem früheren Zeitpunkt kapituliert hätten - im August 1944 etwa, als Briten und Amerikaner aus den Brückenköpfen in der Normandie ausgebrochen und tief nach Frankreich hinein vorgestoßen waren und auch die Rote Armee den Mittelabschnitt der deutschen Ostfront zerschlagen und mit dem Vormarsch Richtung Weichsel begonnen hatte. Aber für Hitler war dieser Krieg ein Weltanschauungskrieg, den man nicht nach Stand der militärischen Lage beenden konnte, sondern der bis zum Schluss durchzuziehen war. Obendrein hatten sich die Kriegsgegner inzwischen darauf verständigt, dass sie nur eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands akzeptieren würden. Und angesichts der verbrecherischen Art der Kriegführung konnten weder Politiker noch Generäle in Deutschland damit rechnen, dass sie straflos bleiben würden - also setzten sie den Krieg fort und hofften bis zuletzt auf ein Wunder.

Krieg ja, aber kein Weltkrieg

Es gehört zu den Gründungserzählungen der alten Bundesrepublik, dass die Deutschen einigermaßen glimpflich hätten davonkommen können, wenn Hitler den Krieg beendet hätte, als er noch "Faustpfänder" in der Hand hatte. Nicht dass er den Krieg begonnen hatte, nahmen viele Deutsche ihm übel, sondern dass er ihn nicht "rechtzeitig" beendet hatte. Sie übersahen dabei, dass man einen Krieg zwar aus eigenem Entschluss beginnen, ihn aber nicht gleichermaßen beenden kann - außer man steht bereits eindeutig als der Sieger fest. Dieser Illusion waren viele Deutsche seit 1938 erlegen: Man führte räumlich und zeitlich getrennte Kriege, die man dann als "Feldzüge" bezeichnete - "Polenfeldzug", "Frankreichfeldzug" usw. Wovor man sich hüten musste, war, mit vielen Gegnern in einen lange währenden Krieg verwickelt zu werden, den man, wie sich im Ersten Weltkrieg gezeigt hatte, nicht gewinnen konnte. Das war die Sicht der national-konservativ Eingestellten: Krieg ja, aber kein Weltkrieg. Als der "Russlandfeldzug" im Spätherbst 1941 vor Moskau erst im Schlamm und dann im Eis steckenblieb, dämmerte einigen, dass diese "Feldzüge" erneut auf einen Weltkrieg hinauslaufen würden, zumal nach Hitlers Kriegserklärung an die USA.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.05.2020 | 19:00 Uhr

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