Stand: 08.05.2020 14:15 Uhr

Politischer Widerstand brachte Muslime ins KZ

von Susanne Birkner
Loren und Klinkerwerk auf dem Gelände des KZ Neuengamme (1944). © dpa Foto: Kz-Gedenkstätte_Neuengamme
Auch Muslime wurden von den Nationalsozialisten unter anderem in das KZ Neuengamme deportiert - allerdings nicht aus religiösen oder ethnischen Gründen.

Gab es in den Konzentrationslagern der Nazis auch Muslime? Diese Frage stellen gerade Schulklassen immer wieder, hat die ehemalige Mitarbeiterin der norddeutschen KZ-Gedenkstätte Neuengamme Rosa Fava beobachtet. Doch die Antwort darauf ist gar nicht so leicht. Denn ja, es gab Muslime in den Konzentrationslagern - aber dort waren sie nicht aus religiösen Gründen.

Ob jemand Muslim war oder nicht - das war für die Nationalsozialisten nicht wichtig, betont Rosa Fava: "Religionszugehörigkeit spielte gar keine Rolle. Im Gegenteil, die Nazis versuchten eher mit islamischen Regimes zusammenzuarbeiten, weil das meistens Gebiete waren, die von Frankreich oder Großbritannien kolonisiert waren. Man hat versucht, mit diesen Regimes nach dem Motto 'der Feind meines Feindes ist mein Freund' zusammenzuarbeiten."

Deswegen sei es auch schwer zu sagen, wie viele Musliminnen und Muslime in Neuengamme mit seinem Stammlager und den rund 90 Außenlagern gewesen seien. Rosa Fava schätzt, circa 500 von 100.000 Gefangenen: "Die Gründe, warum Muslime in den KZs waren, waren die gewöhnlichen: vor allem wegen politischen Widerstands." Insbesondere seien das Menschen aus den französischen Kolonien gewesen, die sich in Frankreich der Resistance angeschlossen hatten.

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Auch sowjetische und bosnische Muslime in Neuengamme

"Wenn diese Menschen erwischt wurden, sind sie häufig in deutsche KZ deportiert worden", erzählt Fava. "Es gab auch eine kleine Gruppe sowjetischer Muslime in Neuengamme. Deutschland hat ja sehr viele sowjetische Kriegsgefangene gemacht. Die Sowjetunion bestand aus vielen Republiken, auch den Turkrepubliken. Deswegen waren auch Muslime unter den Häftlingen."

"In Neuengamme gab es aber auch eine kleine Gruppe bosnischer Muslime", so Fava. Die 300 Männer der SS-Einheit Handschar. Die Nationalsozialisten hatten in vielen besetzten Ländern oder Ländern, mit denen sie kollaboriert haben, sogenannte Hilfstruppen. Auch auf dem Balkan. Die bosnische SS-Hilfstruppe Handschar war eine speziell muslimische Einheit.

"Bei den Nazis gab es einerseits die rassistische Abwertung gegen alle Menschen, die als nicht arisch galten", sagt Fava. "Gleichzeitig haben einige Nationalsozialisten den Islam als sehr ähnlich empfunden. Sie hatten eine sehr begrenzte Sichtweise auf den Islam und sahen nur seine politisch-autoritäre Richtung."

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Wegen Meuterei ins Konzentrationslager

Die bosnische SS-Einheit Handschar wurde rekrutiert, um gegen kommunistische Partisanen zu kämpfen. Ein Teil wurde aber in Frankreich eingesetzt und nicht in der Heimat - und dagegen gab es wohl eine Meuterei, so Rosa Fava: "Zur Strafe hat die SS diese Einheit nach Deutschland deportiert." Unter anderem nach Neuengamme.

Anton Pötzl, Kapo in der Küche des Häftlingslagers, erinnerte sich 1985 in einem Interview: "Ich erinnere mich deshalb daran, weil in unserem Block für sie ein Teil besonders abgegrenzt wurde. Es waren ein oder zwei Züge, je Zug 50 Mann. Als sie ankamen, wollte ich ihnen Essen in die Blocks schicken. Da wurde mir gesagt, sie bekämen zur Strafe zwei Tage lang nichts zu essen."

Ausübung der Religion in den KZ

Der Leiter der neuen Gedenkstätte für ehemalige Kriegsgefangene im Lager Sandbostel, Andreas Ehresmann. © dpa Foto: Ingo Wagner
Andreas Ehresmann ist Leiter der Gedenkstätte für ehemalige Kriegsgefangene im Lager Sandbostel.

Und ihre Religion durften sie in den Konzentrationslagern wie Neuengamme auch nicht ausüben, erzählt Andreas Ehresmann, Leiter der Gedenkstätte Lager Sandbostel: "Das war komplett heimlich und illegal in den Baracken. In stiller Stunde wurde dort religiöse Praxis praktiziert."

In den Kriegsgefangenenlagern wie Sandbostel hingegen war die Ausübung der Religion nicht explizit untersagt, denn dort galt das Kriegsvölkerrecht nach den Genfer Konventionen. Allerdings galten die Genfer Konventionen nicht für die sowjetischen Kriegsgefangenen, also auch nicht für die muslimischen aus den Turkrepubliken wie Tadschikistan oder Turkmenistan.

Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik

AUDIO: Politischer Widerstand brachte Muslime ins KZ (5 Min)

Ruf des Muezzin im Lager Sandbostel

"Wir haben wenige Aussagen, vor allem von anderen Kriegsgefangenen, die darüber berichten, dass es dort durchaus den Ruf des Muezzin zu hören gab", so Ehresmann. "Der Lagerteil war kaum einsichtig, aber es war zu hören, dass dort mehrmals am Tag das muslimische Ritualgebet gen Mekka ausgeführt wurde."

Wie viele Musliminnen und Muslime die norddeutschen Kriegsgefangen- und Konzentrationslager überlebten, weiß man nicht. Viele starben ausgezehrt von Hunger und von der harten Lagerarbeit. Oder sie wurden ermordet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 08.05.2020 | 15:20 Uhr

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