Stand: 22.01.2020 08:53 Uhr

Neuengamme: Hamburgs spätes Gedenken

von Martina Kothe

Das KZ Neuengamme vor den Toren Hamburgs war lange Jahre beinahe in Vergessenheit geraten. Auf das Schicksal der insgesamt mehr als 100.000 Häftlinge, die Ziegel für Hamburger NS-Prachtbauten brennen mussten, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg fast nur von den Überlebenden des Lagers aufmerksam gemacht. Erst nach und nach konnte eine Gedenkstätte entstehen. 1953 wurde ein einfaches Mahnmal am Rand des Geländes errichtet. Über die Jahrzehnte hinweg kamen auch ein internationales Mahnmal, eine Skulptur, eine Dauerausstellung in den ehemaligen Walther-Werken hinzu, und zum 60. Jahrestag der Befreiung wurde im Mai 2005 die neue Gedenkstätte eröffnet.

Ansicht der KZ-Gedenkstätte Neuengamme  Foto: Martina Kothe
Einst standen in der Halle des Klinkerwerks haushohe, begehbare Brennöfen, mit denen die Häftlinge millionenfach Klinkersteine zu produzieren hatten. Heute ist der Ort zum Innehalten der Besuchergruppen vorgesehen.

Über zwei langgestreckten Rotklinker-Gebäuden drehen sich Windräder. Pappeln und Birken säumen gerade Wege. Dazwischen: kniehohe, rechteckige Metallfassungen, in denen Bruchsteine aufgehäuft sind. Sie wurden entlang der Grundrisse der ehemaligen Häftlingsbaracken aufgeschichtet. Neue, helle Steine im Inneren - eingerahmt von zerbrochenen roten Klinkern, bei deren Herstellung viele der KZ- Häftlinge zu Tode kamen.

"Das waren die Todeskommandos"

Das riesige Klinkerwerk steht heute unter Denkmalschutz. Eine Lore, eine Tongrube, weiter weg ein Schiff in einem nahen Kanal, der erst zu Lagerzeiten ausgehoben wurde, um die Ziegel mit Schuten nach Hamburg zu bringen. "Das sind die Todeskommandos gewesen", sagt die Historikerin Ulrike Jensen, die bereits seit 1985 für die KZ-Gedenkstätte in ihren unterschiedlichen Ausprägungen arbeitet: "Die Tongrube und den Stichkanal, das konntest Du nicht überleben. Solltest Du auch nicht. Also was hier gemacht worden ist, das ist das sogenannte Prinzip 'Vernichtung durch Arbeit'. Das hat die SS so genannt, nicht wir", unterstreicht Jensen. "Die Häftlinge sollten nützlich sein und auf dem Weg im Lager, während sie nützlich waren, dann sterben."

1938 wurde das KZ Neuengamme gegründet, zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen. Von 1940 bis 1945 war es das zentrale Konzentrationslager Norddeutschlands. Insgesamt wurden hier mehr als 80.000 Männer und mehr als 13.000 Frauen mit einer Häftlingsnummer registriert.

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Wachturm und Mauer in der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme. © dpa Foto: Maurizio Gambarini

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Hamburgs Deal mit der SS

Die Inhaftierten stammten überwiegend aus den besetzten Ländern Europas, sie kamen aus der Sowjetunion, aus Polen und Frankreich. Darunter waren politisch Verfolgte, Mitglieder der Résistance, Juden, Zeugen Jehovas, Roma und Sinti.

"Das Gelände hatte große Tonvorkommen und gehörte der Stadt Hamburg, die am Elbufer - also Landungsbrücken elbaufwärts - große Prachtbauten errichten wollte, um sich als Führerstadt zu präsentieren", erklärt Jensen. "Das führte dazu, dass die Stadt Hamburg damals einen Deal mit der SS gemacht hat, die einen Ort für ein großes Lager suchte." Die Stadt habe der SS das Gelände verkauft - und die wiederum mit der Herstellung von Millionen Klinkersteinen bezahlt.

"Die Schrecken des Lagers müssen ausgelöscht werden"

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Versuch gemacht, das Kapitel Neuengamme seitens der Hamburger Regierung zu schließen. 1948 ließ man die Häftlingsbaracken abreißen und an ihrer Stelle Gefängnisse errichten. Im Antrag der Gefängnisbehörde an den Senat vom Oktober 1947 heißt es:

"Das Konzentrationslager Neuengamme lastet wie ein Fluch auf Hamburgs Gewissen, seiner Ehre und seinem Ruf. Der Ruf seiner Unmenschlichkeit und die grauenhaften Schrecken dieses Lagers müssen ausgelöscht werden aus der Erinnerung an unsere Zeit. Hierzu wird jetzt die Gelegenheit geboten, nämlich hier eine vorbildliche Gefangenenanstalt aufzubauen, die den Ruf von Neuengamme und damit Hamburgs wieder herstellt."

Starkes Engagement der Überlebenden

"Wenn ich etwas über etwas anderes baue, lasse ich das, was darunter ist, verschwinden", erläutert Jensen das zugrundeliegende Prinzip. "Und die einzigen Menschen, die aufgestanden sind und dagegen protestiert haben, sind überlebende KZ- Häftlinge gewesen." Sie seien über Jahrzehnte an die jeweiligen Hamburger Regierungen herangetreten sind und hätten gefordert, dass hier ein Gedenkort entsteht.

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Polizeireservisten bewachen Häftlinge des KZ Neuengamme bei Aufräumarbeiten in Hamburg. © KRONOS Media GmbH, Sammlung Uwe Petersen, HHWW2-Rolle 48_20140624_0010 Foto: Andreas Werner (Polizeiangehöriger)

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Herausforderung: Erinnern ohne Zeitzeugen

Nach jahrelanger öffentlicher Auseinandersetzung beschloss der Hamburger Senat 1989 die Verlagerung der Gefängnisse, was jedoch erst 2003 und 2006 in die Tat umgesetzt wurde. Heute umfasst die Gedenkstätte fast das gesamte Areal des einstigen Konzentrationslagers. Die Zeitzeugen, die Überlebenden, waren über die Jahrzehnte hinweg bereit, von Ihren Erlebnissen zu berichten. Sie werden immer weniger. "Ohne Überlebende ist es schwerer und wir müssen andere Dinge machen, um junge Leute zu interessieren. Für die ist das ungefähr so weit weg wie das Mittelalter", fasst Jensen die Herausforderung zusammen.

Die pädagogische Arbeit geht jetzt neue Wege - vor allem über die Biografien von mehr als 80 ehemaligen Häftlingen. Deren Erzählungen, deren Erlebnisse werden in der eindrucksvollen Dauerausstellung nachgezeichnet wird.

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Das ehemalige Klinkerwerk Neuengamme. © picture-alliance/dpa Foto: Soeren Stache

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.01.2020 | 11:20 Uhr

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