Stand: 20.01.2020 10:52 Uhr

Ladelund: Wie Erinnerungskultur zu Versöhnung führt

von Michael Hollenbach

Hoch im Norden - an der Grenze zu Dänemark - liegt eine der ältesten KZ-Gedenkstätten Deutschlands: Ladelund. Sie ist die einzige Gedenkstätte in kirchlicher Trägerschaft. Schon Anfang der 50er-Jahre begann hier die Aufarbeitung der Lagergeschichte. Und es entstand eine ungewöhnliche Partnerschaft zwischen Ladelund und dem niederländischen Ort Putten, die ihren Ursprung in einem grauenvollen Gewaltakt wenige Monate vor Kriegsende hat.

Bei einem Anschlag niederländischer Partisanen wurde am 1. Oktober 1944 ein deutscher Offizier getötet. In einem Racheakt zerstörten deutsche Soldaten daraufhin in Putten mehr als 100 Häuser. Frauen und Kinder mussten aus dem Ort fliehen, mehr als 600 Männer wurden in deutsche Konzentrationslager deportiert.

Weitere Informationen
KZ-Gedenkstätte Ladelund. Im Vordergrund ist ein Teil der Versöhnungsskulptur zu sehen. © NDR Foto: Bettina Meier

Versöhnung: Die KZ-Gedenkstätte Ladelund

Vor 75 Jahren ließ die SS das KZ Ladelund errichten. In nur sechs Wochen starben Hunderte Häftlinge durch die unmenschlichen Bedingungen. Jährlich wird ihrer am Volkstrauertag gedacht. mehr

Nur 48 Männer aus Putten kehrten zurück

Viele von ihnen kamen in das Lager Ladelund, eine Außenstelle des KZ Neuengamme, das die SS am 1. November 1944 hatte errichten lassen. Die Bedingungen dort: kaum Nahrung, harte Arbeit, keine medizinische Versorgung. "Das führte dazu, dass viele einfach an Schwäche, an Hunger starben oder krank wurden", sagt Katja Happe, die Leiterin der Gedenkstätte Ladelund. Viele der Häftlinge seien geprügelt und misshandelt worden, was ebenfalls zum Tod vieler Lagerinsassen geführt habe. "Von den über 600 Männern, die in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden, sind nach Kriegsende nur 48 nach Putten zurückgekommen." Das habe ein Trauma in Putten ausgelöst, das bis heute andauere. 110 Männer aus Putten starben im Lager Ladelund.

In Namensgräbern bestattet

Dass später Versöhnung zwischen den Menschen aus Putten und Ladelund möglich wurde, dafür hat Johannes Meyer die Grundlage gelegt. Der damalige Pastor, der in den 1930er-Jahren noch ein glühender Nationalsozialist war, hat die Toten würdevoll und christlich in Namensgräbern bestattet. Und er sorgte dafür, dass die Hinterbliebenen in Putten nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhren, was mit den Männern geschehen war, berichtet Jan van den Hoorn, Vorsitzender der Stiftung "Oktober 44": "Der damalige Pastor Meyer hat gesagt: 'Wir schämen uns für das, was da passiert ist. Aber wir sorgen jetzt gut für die Gräber.'" Dadurch seien wieder Kontakte nach Putten entstanden.

Niederländer und Deutsche gedenken gemeinsam

1950 haben die ersten Hinterbliebenen aus Putten Ladelund besucht. Nach Deutschland zu fahren, zu den "Moffen", wie die Deutschen verächtlich genannt wurden, war ein schwerer Schritt für sie. Doch sie sahen: Hier begann schon Anfang der 50er-Jahre die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Lagers - und die Aufarbeitung.

Frische Kränze liegen an den Gräbern auf dem St. Petri Friedhof in Ladelund im Kreis Nordfriesland. © NDR Foto: Sabrina Santoro
Die Gräber sind der zentrale Kern der Gedenkstätte Ladelund.

Sowohl in Ladelund als in Putten erinnern sich die Menschen bis heute gemeinsam an die Opfer. Das sei das Besondere, was in anderen Orten in den Niederlanden nicht stattfinde, sagt Michel Kooij, Vorsitzender der Stiftung Samen Verder Putten: dass Deutsche an den Gräbern stehen und man zusammen der Toten gedenke.

Kern der Gedenkstätte in Ladelund sind auch heute noch die Gräber. Es sind keine anonymen Massengräber, wie Gedenkstätten-Leiterin Happe sagt. Von jedem der 300 Toten wisse man den Namen, das Geburts- und Todesdatum, und auch, in welchem Grab er liegt.

Vom Ort der Trauer zur Begegnungsstätte

Doch längst sei die Gedenkstätte mehr als ein Ort der Trauer, sagt Happe, als sie zwischen dem Ausstellungshaus und dem Gräberfeld steht. Hier haben junge Menschen aus Putten und Ladelund im vergangenen Jahr gemeinsam eine Blumenwiese gepflanzt: einen Garten der Begegnung. In Ladelund und Putten ist es gelungen, dass auch die nächste Generation das Gedenken an die Opfer wach hält.

Weitere Informationen
Das ehemalige Klinkerwerk Neuengamme. © picture-alliance/dpa Foto: Soeren Stache

Holocaust: Die Gedächtniskultur in Norddeutschland

Am 27. Januar 1945 befreite die Sowjet-Armee die Häftlinge aus dem KZ Auschwitz. Auch im Norden gab es etliche Konzentrationslager. Wie wird dort an den Holocaust erinnert? mehr

Ausgemergelte Männer liegen dicht an dicht in Holzkojen - Aufnahme von 1944 aus einer Gefangenen-Baracke in Auschwitz. © picture-alliance / Mary Evans Picture Library/WEIMA

Konzentrationslager: "Alltag" in der Hölle

Das Leben im KZ war ein Martyrium für die Gefangenen. Der Willkür der SS vollkommen ausgeliefert endete es oft mit dem Tod. mehr

Ein sowjetischer Militärarzt untersucht kurz nach der Auschwitz-Befreiung einen bis auf die Knochen abgemagerten Häftling aus Wien. © dpa - Bildarchiv

Auschwitz: "Das Schrecklichste, was ich je sah"

Am 27. Januar 1945 befreien russische Soldaten Auschwitz. Mindestens 1,1 Millionen Menschen hatten die Nazis dort ermordet. mehr

SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift 'Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden' an die Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäfts. © picture-alliance / dpa Foto: dpa

Die NS-Zeit: Krieg und Terror

1933 wird der Nationalsozialist Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Fortan setzt das NS-Regime seinen absoluten Führungsanspruch durch - mithilfe von Terror und Propaganda. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.01.2020 | 14:20 Uhr

Mehr Geschichte

Zwei Männer im klassischen Nikolaus-Gewand mit Mitra und Bischofsstab. © dpa Foto: Felix Kästle

Warum bringt der Nikolaus Geschenke?

Wer artig war, hat am 6. Dezember eine süße Überraschung im Stiefel. Woher kommt der Nikolaus-Brauch und wer war der Heilige? mehr

Ein Mädchen zündet die erste Kerze an einem Adventskranz an © picture alliance / dpa Foto: Patrick Pleul dpa/lbn

Warum ein Theologe den Adventskranz erfunden hat

Der Hamburger Johann Hinrich Wichern soll 1839 erstmals einen großen Kranz gebastelt haben - zunächst mit 23 Kerzen. mehr

Altkolorierter Kupferstich eines Heiligen Abends von Johann Michael Voltz (1784-1858). © picture-alliance / akg-images

Weihnachten und Advent: Die Geschichte unserer Bräuche

Nikolaus, Christkind, Adventskranz, Weihnachtsbaum: Welchen Ursprung haben die Bräuche und Symbole? mehr

Auf einem alten schwarzweiß-Foto sind dutzende Polizisten zu sehen, die ein Waldstück durchkämmen. © Michael Behns/NDR

Die "Göhrde-Morde" und das Verschwinden der Birgit Meier

1989 werden zwei Paare in der Göhrde getötet, kurz darauf verschwindet in Lüneburg eine Frau. Erst 2017 steht der Täter fest. mehr

Norddeutsche Geschichte