Stand: 20.01.2019 06:14 Uhr  | Archiv

Als KZ-Gefangene mitten in Hamburg schufteten

Viele Häftlinge starben

In den Außenlagern herrschten katastrophale sanitäre Verhältnisse. Die Männer und Frauen erhielten viel zu wenig zu essen und waren durch die dünne Häftlingskleidung nicht vor Kälte und Nässe geschützt. Die mitunter weiten Wege von den Lagern zu den Einsatzorten verlängerten ihre Arbeitstage zusätzlich. Durch die harte Arbeit geschwächt, erkrankten viele Häftlinge und starben. Die höchste Sterblichkeit mit mindestens 800 Toten hatte das Außenlager in der Spaldingstraße.

"Sie konnten nicht mehr ihren Namen nennen"

"Jeden Abend kommen zehn bis zwölf Sterbende herein, bereits komatös oder einfach nur abgestumpft, erstarrt, verlangsamt in ihren Bewegungen und unfähig, ihren Namen zu nennen", schilderte der französische Chirurg Paul Lohéac. Er war im Juli 1944 ins KZ Neuengamme verschleppt worden. Zunächst reparierte er Gleisanlagen, dann arbeitete er als Häftlingsarzt im Außenlager in der Spaldingstraße.

Einige warfen Steine nach den KZ-Häftlingen

Mit den Hamburgern ging der Arzt und Ex-Häftling hart ins Gericht. "Die Deutschen konnten die schlechte Behandlung der Häftlinge nicht ignorieren", sagte Lohéac nach dem Krieg. "Das elende Erscheinungsbild, die fahlen Gesichter, der müde Gang verrieten deutlich das Leid der Sklaven-Truppe, die morgens und abends die Stadt durchquerte. Das Mitleid, das Einzelne bei unserem Anblick empfanden, wog weder die feindliche Gleichgültigkeit der großen Mehrheit auf noch die boshaften Gesten der jugendlichen Fanatiker, die Steine nach uns warfen."

Karte: Die 15 Aussenlager des KZ Neuengamme in Hamburg

"Manchmal haben wir Suppe bekommen"

Nur wenige Norddeutsche zeigten sich hilfsbereit. Sie steckten den Häftlingen - zum Beispiel in der Straßenbahn - heimlich Lebensmittel zu oder versuchten, ihnen Mut zu machen. Der Hamburger Harry Börsing erinnert sich, dass seine Mutter Martha in der "Hamburger Regenmantelfabrik GmbH Harefa" arbeitete, wo auch KZ-Häftlinge im Einsatz gewesen seien. "Meine Mutter steckte den hungrigen Männern am Fabriktor heimlich Essen zu. Als Dankeschön bekam sie einen selbstgefertigten Fingerring aus Blech", schildert Harry Börsing im Gespräch mit NDR.de. Der Ex-Häftling Zbigniew Piper aus Polen berichtete über seine Leidenszeit in Hamburg Folgendes: "Manchmal haben wir Suppe von der Bevölkerung bekommen. Einmal habe ich gebeten, werfen Sie meinen heimlich an die Mutter geschriebenen Brief ein. Sie haben es gemacht."

Die meisten Hamburger aber waren gleichgültig bis feindselig. Von der NS-Propaganda beeinflusst glaubten sie, die Gefangenen seien zu Recht inhaftiert.

Aufarbeitung erst in den 80er-Jahren

Nach dem Krieg waren die Hamburger KZ-Außenlager jahrzehntelang nahezu völlig vergessen. Erst Anfang der 1980er-Jahre begann die Aufarbeitung. Heute erinnern Gedenksteine oder kleine Gedenkstätten an neun Außenlager-Standorten an das Leiden der KZ-Häftlinge. Sie entstanden überwiegend auf private Initiative. Wiederholt wurden die Gedenkzeichen geschändet. An 13 ehemaligen Außenlager-Standorten stellte das Hamburger Denkmalschutzamt zwischen 1985 und 2016 Informationstafeln auf.

Blohm + Voss verweigerte Info-Tafel

Nur wenige Firmen übernahmen Verantwortung für den Einsatz der KZ-Häftlinge in ihren Werken. Die Firmenchefs gaben an, sie seien dazu gezwungen worden und hätten die Häftlinge gut behandelt. "Die Werft Blohm + Voss verweigerte sogar die Aufstellung einer Informationstafel", weiß Historikerin Beßmann. Entschädigungen zahlten einzelne Unternehmen erst im Jahr 2000 im Rahmen der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, als in den USA Sammelklagen drohten. Die Drägerwerk AG hingegen förderte bereits 1989 eine Besuchsreise ehemaliger Häftlinge in die Hansestadt.

"Es ist nicht zu erklären"

Auf ihren Besuchen in Hamburg schilderten Überlebende der Außenlager ihre Erlebnisse in der Hansestadt. "Überwiegend zeigten sich die ehemaligen KZ-Häftlinge sehr entsetzt über die Ignoranz in der Bevölkerung", sagt Beßmann.

Unter den Leidtragenden war auch Lucille Eichengreen, die als Hamburger Jüdin in das KZ Auschwitz und von dort in die Hamburger Außenlager Veddel und Sasel deportiert worden war. "War Sasel ein besserer Ort als das Getto Lodz? Nein", fasste Eichengreen bei einem Besuch in der Hansestadt zusammen. "Die Saseler Einwohner schauten weg. Wir existierten für sie einfach nicht." Dass die Einwohner Lebensmittel für die KZ-Häftlinge gegeben hätten, sei eine Nachkriegsgeschichte, die nicht stimme. "Es ist beschämend, es ist nicht zu erklären, es ist nicht zu vergessen, wie eine Bevölkerung so weit gehen kann", sagte Eichengreen über die Hamburger.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 17.01.2019 | 19:30 Uhr

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