Stand: 28.04.2020 09:15 Uhr

Kriegsende: Hollywood-Regisseur dreht im zerbombten Hamburg

von Konstantin von zur Mühlen
Bild des zerstörten Hamburg, gedreht vom späteren Hollywoodregisseur George Stevens. Im Hintergrund ist die Nicolaikriche zu sehen, auf der Straße Männer in deutschen Uniformen. Sie hatten nicht anderes anzuziehen. © NDR/SpiegelTV
Hamburg ist im Juni 1945 eine Ruinenlandschaft. Hier ein Blick Richtung St. Nicolai, aufgenommen von George Stevens.

Erst vor Kurzem wurden sie wiederentdeckt: einzigartige Farbaufnahmen Hamburgs aus dem Juni 1945. Eindringlich zeigen sie die Situation der Hansestadt wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Gedreht wurden die Bilder vom späteren Ocsar-Gewinner, dem Hollywood-Regisseur George Stevens (1904 - 1975).

Im Rahmen der Dokumentation Unsere Geschichte: Als der Frieden in den Norden kam, sind seine Bilder erstmals im Zusammenspiel mit Erzählungen von Zeitzeugen aus Hamburg zu sehen. 

Wieso dreht ein Hollywood-Regisseur das Ende des Zweiten Weltkriegs?

Als die westlichen Alliierten von den Stränden der Normandie im Juni 1944 in das Herz von Hitlers Reich und nach Norddeutschland vorrückten, werden sie auch von zahlreichen Kamerateams begleitet. Als US-Soldat erlebt so auch George Stevens das dramatische Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Der Regisseur hatte in den USA bereits große Erfolge gefeiert und wird nach dem Zweiten Weltkrieg für seine Filme "Giganten" mit James Dean und "Ein Platz an der Sonne" mit Elizabeth Taylor Oscars gewinnen. Er zählt heute zu den Ikonen der US-Traumfabrik Hollywood.

Als Mitglied einer "Special Coverage Unit" hat Stevens von Regie-Legende John Ford den Auftrag erhalten, den Vormarsch der Truppen auf dem von den Nazis besetzten Kontinent zu dokumentieren. Die Teams um George Stevens werden mit besonderem 16mm-Farbfilmmaterial ausgerüstet, das sich seit Mitte der 1930er-Jahre erfolgreich verbreitet.

Historische Szenen - gebannt auf Farbfilm

Viele der Filmaufnahmen aus der Zeit gehen um die Welt, einige sind uns noch heute im Gedächtnis, andere verschwinden für Jahrzehnte in den Archiven dieser Welt. Nach mehr als 70 Jahren sind nun auch die vergessenen Aufnahmen, die George Stevens und seine Teams gedreht haben wieder in ihrer ganzen Brillanz zu sehen.

Als Teil der sich langsam vorkämpfenden Amerikaner bieten sich Stevens' Team immer wieder beeindruckende Szenen. Ein erster Höhepunkt war die Befreiung von Paris im August 1944: Als Filmprofi weiß George Stevens um die Bedeutung der historischen Momente. Als die Unterzeichnung der Pariser Kapitulationsurkunde im Bahnhof Montparnasse bei schlechten Lichtverhältnissen stattfindet, lässt er die Beteiligten die Zeremonie draußen wiederholen. Der Untergang des Dritten Reichs und Adolf Hitlers macht er zu seiner Story.

Verstörende Bilder aus dem KZ Dachau

Im Gefolge der amerikanischen Truppen und auf persönlichen Wunsch des Alliierten-Oberbefehlshabers General Eisenhower reist das Team weiter Richtung Nazi-Deutschland, wo es die Eroberung von Aachen 1944 und das Zusammentreffen von Amerikanern und Sowjets an der Elbe nahe Torgau filmt.

Besonders verstörende Aufnahmen dreht Stevens mit seinem Kamerateam im Konzentrationslager Dachau bei München: unterernährte, misshandelte, kranke und unzählige tote Häftlinge. "Es war, als würden wir durch Dantes Visionen der Hölle wandern", schreibt Stevens damals in einem Bericht.

Wie kommt es zu den Dreharbeiten in Hamburg?

Undatiertes Porträt des amerikanischen Regisseurs George Stevens. © dpa - Bildarchiv Foto: Bert Reisfeld
George Stevens war schon vor dem Krieg ein bekannter Hollywood-Regisseur

Aber warum dreht George Stevens auch in Hamburg? Das eigentliche Ziel des Hollywood-Regisseurs ist die ehemalige Reichshauptstadt Berlin. Er hat eigentlich gar keinen Auftrag, in der Hansestadt zu filmen. Aber die westlichen Alliierten haben von den Sowjets noch keinen Zugang zu Berlin erhalten. Den wird es erst im Juli 1945 geben. Und so fährt George Stevens durch Norddeutschland und besucht im Juni 1945 auch Hamburg. Auf diese Weise entstehen die eindrucksvollen Aufnahmen Hamburgs und des Hafens eher zufällig.

Historische Bilder in ganz neuer Qualität

Was macht das Farbfilmmaterial von Mitte 1945 so besonders? Noch Ende 1944 werden schließlich auch deutsche Propaganda-Wochenschauen mit dem deutschen Agfacolor-Farbfilm produziert. Doch die Produktion des Agfa-Materials wird zum Kriegsende immer schwieriger. Es gibt kaum noch Farbfilm in deutschen Beständen. Vom Kriegsende und aus der Nachkriegszeit sind so weitgehend nur US-amerikanische Farbfilme mit dem US-amerikanischen Kodak Kodachrome-Film entstanden.

Durch eine Restaurierung dieser alten Aufnahmen präsentiert sich die Vergangenheit den Zuschauerinnen und Zuschauern in einer nicht gekannten Qualität. Und da Farbfilm viel eher unseren Sehgewohnheiten entspricht, kommen uns die farbigen Bilder vertrauter vor - und zerstörte Straßenzüge dadurch noch näher als schwarz-weiße.

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