Stand: 29.01.2020 08:34 Uhr  - NDR Kultur

KZ Moringen: Ein Lager für "falsche" Jugendliche

von Michael Hollenbach
Drei Konzentrationslager betrieben die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 in Moringen - hier eine undatierte Aufnahme der beflaggten Kommandatur.

Das Konzentrationslager Moringen in Südniedersachsen gehörte zu den ersten Lagern, die von den Nationalsozialisten aufgebaut wurden. Gleich drei dieser Lager hatten die Nazis zwischen 1933 und 1945 nacheinander in der Kleinstadt im Landkreis Northeim errichtet. Während des Zweiten Weltkrieges waren es vor allem Jugendliche, die hier inhaftiert waren.

Das "Verbrechen" dieser Jugendlichen? Sie hörten die falsche Musik oder trugen die falsche Kleidung. So sei es in Moringen darum gegangen, die jungen Menschen auszugrenzen, die aufgrund ihrer musikalischen Vorlieben wie der Swing-Musik nicht ins Bild der sogenannten Volksgemeinschaft passten, sagt Dietmar Sedlaczek, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Moringen. Jugendliche, die durch ihre andere äußere Erscheinung aufgefallen seien: sich etwa anders kleideten. Und zum Beispiel "mit langen Haaren und englischen Sakkos und mit ihrem ganzen Gebaren zum Ausdruck gebracht haben, dass sie mit diesem System nichts am Hut hätten", erläutert Sedlaczek. "Und das wurde als Bedrohung empfunden."

Jugendliche mussten Autobahnbrücken bauen

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Seit 1993 befindet sich in einem ehemaligen Torhaus die KZ-Gedenkstätte Moringen.

Bis zum Kriegsende waren knapp 300 Jugendliche und junge Männer im KZ Moringen eingesperrt. Die jüngsten waren erst 13 Jahre alt. Die Inhaftierten mussten innerhalb und außerhalb des Lagers für Firmen arbeiten, unter anderem waren sie auch am Bau der Autobahnbrücken an der A7 beteiligt.

Unterschlagungsversuche in den 80er-Jahren

Nach dem Krieg wollten sich die Moringer nicht mehr an dieses dunkle Kapitel erinnern. Zur 1.000-jährigen Feier des Ortes 1983 habe man versucht, die Existenz des KZ zu unterschlagen: "Es gab sogar eine Abstimmung im Stadtrat, ob es denn tatsächlich ein Konzentrationslager gegeben hat. Das ist einmalig: Ein Stadtrat entscheidet darüber, ob es ein bestimmtes Ereignis gegeben hat", sagt Sedlaczek.

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Schicksal von Altersgenossen ruft besondere Nähe hervor

Doch seit 1993 befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine Gedenkstätte. Vor allem Schülerinnen und Schüler seien oft sehr wissbegierig, wie Sedlaczek beobachtet hat. Die Geschichte des Jugend-KZ rufe ein besonderes Interesse hervor, da die Jugendlichen hier auf die Schicksale von Altersgenossen aus der NS-Zeit stoßen. "Das hat natürlich eine andere Nähe, wenn es das Schicksal von anderen Jugendlichen ist."

Vermittlung des Grauens über Comics und Theaterstücke

Die Gedenkstätte Moringen versucht daher auch gezielt, Jugendliche anzusprechen. Zum Beispiel mit dem Theaterstück "Die Besserung", das in Zusammenarbeit mit der Theaterproduktion Göttingen entstand. So war die Gedenkstätte auch die erste, die das schwere Thema der nationalsozialistischen Verfolgung in Form von Comics aufgegriffen hat.

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Zudem arbeitet die Gedenkstätte mit der Kooperativen Gesamtschule in Moringen zusammen. Dort ist Stefan von Huene Geschichtslehrer. Seine Schülerinnen und Schüler besuchen die Gedenkstätte im Ort in der 6. und in der 9. Klasse, und mit einem Oberstufenkurs fährt von Huene auch jeweils für eine Woche nach Auschwitz: dorthin, wo auch Inhaftierte aus Moringen den Tod fanden. Für dieses sehr intensive Projekt habe er sehr positive Rückmeldungen von den Schülern und deren Eltern bekommen, erzählt von Huene. Es habe die Schüler sehr viel weiter gebracht, sich mit diesen Abgründen der Geschichte auseinanderzusetzen.

"Geschichte und politisches Engagement gehören zusammen"

Einer seiner Schüler ist Steven Achterberg. Der 18-jährige hat seine Facharbeit über medizinische Versuche an sterilisierten Frauen in Auschwitz geschrieben. Für ihn gehört der Blick zurück in die Geschichte des NS-Systems und politisches Engagement heute zusammen: "Die Geschehnisse sind schon weit weg. Aber dadurch, dass wir heute wieder einen Rechtsruck spüren, muss man wieder deutlicher in den Mittelpunkt rücken, wie es damals war - damit so was nicht noch mal passiert."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.01.2020 | 11:20 Uhr

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