Stand: 11.04.2020 18:03 Uhr

Wie das KZ Buchenwald befreit wurde

von Beatrix Hasse, NDR.de
Angehörige der U.S.Army laden nach der Befreiung des KZ Buchenwald im April 1945 einen auf einer Trage liegenden kranken Häftling in einen Krankenwagen ein. © Yad Vashem, Jerusalem / Public Domain
Auf rund 21.000 Überlebende stoßen die Amerikaner, als sie im April 1945 das KZ Buchenwald erreichen. Viele brauchen umgehend medizinische Versorgung und werden in Sanitätsstationen gebracht.

Im Juli 1937 auf dem Ettersberg bei Weimar durch die SS errichtet, wird das KZ Buchenwald bis zum Kriegsende mit seinen 139 Außenlagern zum größten Konzentrationslager im Dritten Reich. Fast 280.000 Menschen werden innerhalb von acht Jahren interniert, mehr als 56.000 werden ermordet oder sterben infolge von Folter, Hunger oder Medizin-Experimenten. Vor 75 Jahren, am 11. April 1945, erreichen US-Truppen das Lager. Die Häftlinge hatten zuvor einen riskanten Hilferuf abgesetzt.

"Kameraden, wir haben das Lager in unserer Hand", schallt es am frühen Nachmittag des 11. April 1945 über das Lagergelände des Konzentrationslagers Buchenwald, gelegen auf dem Ettersberg bei Weimar. Die Stimme kommt aus demselben Lautsprecher, aus dem bis dahin für gewöhnlich die SS lautstark ihre Befehle erteilte. "'Kameraden', sagte diese Stimme - unglaublich. Die SS hatte sich dieses Wortes nie bedient", schildert Rolf Kralovitz, ehemaliger Häftling in Buchenwald, in seinen Memoiren diesen bewegenden Moment.

Danach habe er es in dem Block, in dem er sich versteckt hielt, nicht mehr ausgehalten und sei zum Appell-Platz gelaufen. "Dort sah ich den ersten amerikanischen Panzer. Auf ihm stand ein amerikanischer Soldat, der zu den umstehenden Häftlingen sprach. Jemand übersetzte: 'Habt keine Angst, der Krieg ist bald aus'", so Rolf Kralovitz. Das Ende des Lagers kommt für den als Juden inhaftierten Kralovitz und seine überlebenden Mithäftlinge so überraschend, dass sie erst allmählich begreifen, dass der Grauen nun ein Ende hat - dass sie frei sind.

Todesmärsche und Deportationen: Die Gräueltaten der SS

Zuvor, in den letzten Tagen des Konzentrationslagers Buchenwald , ist die Stimmung unter den Häftlingen des Lagers bereits unerträglich angespannt. Im April 1945 befinden sich noch rund 48.000 Häftlinge im Lager. Schon seit Mitte März 1945 ist klar, dass die westlichen Alliierten auf dem Vormarsch in Richtung Mitteldeutschland sind. Seit dem 5. April 1945 bereitet die Lager-SS die Räumung des KZ Buchenwald vor. Am 6. April gibt Himmler den Befehl, das Lager zu evakuieren. Die SS schickt mehrere Tausend jüdische Häftlinge auf den ersten Evakuierungsmarsch. Wer den Razzien der SS entkommen kann, taucht unter - ein Glücksspiel. Auch Rolf Kralovitz, Häftling "ZehnNullNeunzig", hält sich versteckt und kann der SS und dem für viele tödlichen Marsch so entkommen.

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Wenige Tage vor der Befreiung durch die US-Amerikaner geht die Kommandatur dazu über, alle Häftlinge zu deportieren. Auf insgesamt 60 Marschrouten - meist zu Fuß - müssen etwa 28.000 Häftlinge des Stammlagers und mindestens 10.000 Häftlinge der Außenlager in den letzten Tagen seiner Existenz das Lager verlassen. Die meisten finden auf den berüchtigten Todesmärschen der SS nach Theresienstadt oder nach Süddeutschland den Tod - sie werden erschossen oder sterben vor Hunger und Erschöpfung.

Widerstand gegen die Nazis im KZ Buchenwald wächst

Das KZ Buchenwald gerät in diesen Tagen Stück für Stück außer Kontrolle. Der SS-Befehlsapparat verliert zunehmend seine Handlungsfähigkeit. Längst hat sich eine interne Widerstandsbewegung organisiert, der es gelingt, die SS in die Irre führen und schwer zu kontrollieren ist. Sie stiftet Chaos, versteckt verfolgte Häftlinge, widersetzt sich den Befehlen, ruft zum Ungehorsam und zur Geschlossenheit unter den Häftlingen auf. Bei einem Bombenangriff auf das KZ im August 1944 hatte sich dieses illegale Lagerkomitee das entstandene Chaos zunutze gemacht und war in den Besitz von Waffen aus einem Lager der SS gelangt, die in den Blocks versteckt, vergraben oder eingemauert wurden.

Hilferuf über heimlich installierten Sender

Einen bewaffneten Aufstand planen die Widerständler allerdings nicht. Vielmehr können sie sich bemerkbar machen und warten auf die Unterstützung der Alliierten: In der Kino-Baracke des Lagers installieren zwei Elektriker im Auftrag der illegalen Lagerleitung heimlich einen Sender, um die herannahenden US-Truppen zu informieren. "An die Alliierten! An die Armee des Generals Patton! S.O.S.! Wir bitten um Hilfe. Man will uns evakuieren. Die SS will uns vernichten", lautet der Funkspruch, der am 8. April bei den US-Truppen unter General Georg Smith Patton eingeht.

Rettung durch die Amerikaner

Am 11. April erreichen die Amerikaner das Stammlager in Buchenwald. Im Lagerbericht Nr. 1 halten Häftlinge des KZ die Ereignisse des Tages fest. Etwa um 14.30 Uhr rollen die Panzer der US-Truppen demnach in den SS-Bereich. Kurze Zeit später starten die Häftlinge ihre Aktion zur Entwaffnung der noch verbliebenen SS-Leute und zur Übernahme des Lagers. Bereits um 15 Uhr nehmen Gruppen von Häftlingen nach Kämpfen mit den Wachen den Befehlsturm der SS in Besitz.

Besichtigung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die Weimarer Bevölkerung am 16. April 1945. © National Archives, Washington / Public Domain
Konfrontation mit der Realität: Die Weimarer Bevölkerung besichtigt das KZ Buchenwald kurz nach dessen Befreiung.

Die Befreiung des Lagers ist geglückt. Rund 21.000 Häftlinge können befreit werden. Für viele politische Gegner der Nazis - Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sogenannte Zigeuner, "Berufsverbrecher" und "Asoziale" kommt die Befreiung allerdings zu spät. Mehr als 56.000 Menschen wurden von der Gründung des Konzentrationslagers 1937 bis zu dessen Ende 1945 in Buchenwald ermordet. Insgesamt hatten fast 280.000 Inhaftierte das Haupt- beziehungsweise die 139 Außenlager durchlaufen.

Der Mythos von der Befreiung des KZ Buchenwald

Selbstbefreiung oder Befreiung von außen? In der geschichtlichen Darstellung der DDR wird die Widerstandsbewegung im KZ Buchenwald später heroisiert. Der Mythos von der Selbstbefreiung dominiert die sozialistische Geschichtsschreibung. Tatsächlich hat es ein illegales Lagerkomitee gegeben, das auch den Widerstand gegen die SS organisierte. Ohne die Hilfe der US-Armee jedoch hätten die Häftlinge keine Chance gehabt. Sie verfügten nur über wenige Waffen. Nach Schätzungen der Gedenkstätte Buchenwald waren es etwa 70, mit denen sie auf keinen Fall in der Lage gewesen wären, die SS zu überwältigen.

Buchenwald: Vom KZ zum sowjetischen Internierungslager

Von August 1945 an wird das Lager auf dem Ettersberg als sowjetisches "Speziallager 2", als Internierungslager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD für Nazi- und Kriegsverbrecher eingerichtet. Es gilt als "Schweigelager” und ist vollkommen von der Außenwelt isoliert. Insgesamt 28.455 Menschen werden dort bis zur Auflösung des Lagers 1950 und der Übergabe der Insassen an die DDR-Justiz interniert. Neben NS- und Kriegsverbrechern sowie kleinen und mittleren Funktionären der NSDAP und Militär- und HJ-Angehörigen gehören zu den Inhaftierten auch viele, die infolge von Denunziationen, Verwechslungen und willkürlichen Festnahmen in dieses Lager kommen. Nach sowjetischen Quellen sterben dort insgesamt 7.113 Menschen. Beerdigt werden sie in Massengräbern. Etwa 1.500 Menschen werden von hier aus in die Sowjetunion deportiert. Die Angehörigen sollen niemals eine offizielle Benachrichtigung erhalten.

Gedenkstätte Buchenwald: Neukonzeption nach der Wende

Buchenwald: Mahnmal für die Opfer des KZ. © Gedenkstätte Buchenwald
Ein Mahnmal erinnert 1958 an die Opfer des KZ Buchenwald.

Diese Speziallager dienen der Durchsetzung der sowjetischen Besatzungspolitik. Bis zum Ende der DDR ist das Thema ein Tabu. Stattdessen dient das Gelände von 1958 an mit der Einweihung eines monumentalen Mahnmals als "Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald", in der ausschließlich an das Konzentrationslager der Nationalsozialisten und die heroische Selbstbefreiung erinnert wird - gewissermaßen als Gründungsmythos der DDR.

Das soll sich mit dem Mauerfall ändern. Im November 1989 beginnen Mitarbeiter, die Gedenkstätte neu zu konzipieren und die Erinnerungsarbeit auch um die anderen Opfergruppen zu öffnen. Weitere Dauerausstellungen kommen hinzu. Heute trägt der Erinnerungsort nur noch den Namen Gedenkstätte Buchenwald.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 26.01.2011 | 20:30 Uhr

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