Stand: 21.10.2008 17:44 Uhr  | Archiv

Als Indie-Rock noch Schule machte

von Beatrix Hasse

Funktionierende Szene, große Außenwirkung

Band Tocotronic © picture-alliance / jazzarchiv Foto: Isabel Schiffler
Neu in der Hamburger Schule: 1994 wurde die Band Tocotronic entdeckt.

Die Band Tocotronic hatte sich 1993 gegründet und tingelte zunächst durch sämtliche Hamburger Läden, bevor sie 1994 von Carol von Rautenkranz entdeckt wurde. "Unser erstes Konzert war in der Roten Flora", erzählt Jan Müller, Bassist der Band. "Da haben wir mehrmals gespielt. Und dann hat auch schon recht bald 'Heinz Karmers Tanzcafé' aufgemacht. Dort haben wir wirklich oft gespielt." Man war unter Hamburger Musikern, Freunden, man kannte sich. Auf ihrer zweiten Platte "Nach der verlorenen Zeit" spielt das Lied "Ich bin neu in der Hamburger Schule" auf die Etikettierung an. "Der Song reagiert darauf, weil das ja irgendwie ein merkwürdiger Begriff ist: Schule. Gerade, wenn man eben noch nicht so lange erwachsen ist", kommentiert Jan Müller. "Alle Musiker hassen es, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden - egal wie der Begriff heißt." Tocotronic ging es nicht um ihre Herkunft. Wichtiger sei der Austausch mit anderen gewesen, die mit einer ähnlichen Geisteshaltung Musik betrieben, so Müller.

Schlagzeuger Daniel Koch spielte damals in einer Bochumer Band, deren Musik von der Hamburger Schule beeinflusst wurde, und war selbst ein großer Fan. "Als Bochumer habe ich da mit wohlwollendem Neid hingeguckt, weil ich das einfach großartig fand", sagt er. "Ich denke, das ging allen Musikern so. Die haben auf Hamburg geschaut und sich gedacht: 'Mensch, die haben eine total funktionierende Szene.' So würden wir das am liebsten in unserer Stadt auch haben." Die immense Außenwirkung ließ sich nicht verleugnen. Hamburger Schule war Mitte der 90er-Jahre zum Begriff geworden - weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus.

Die Nachfolger

Die Hamburger Band Kettcar
Kettcar gehört zur zweiten Generation von Hamburger-Schule-Bands.

Was ist geblieben von der Hamburger Schule? Von den Bands der ersten Stunde wie Huah! oder Die Regierung hört man heute nichts Neues mehr. Jochen Distelmeyers Formation Blumfeld löste sich 2007 auf. Geblieben sind wichtige Alben wie "L'état et moi" (1994) oder "Jenseits von Jedem" (2003). Die Sterne gibt es nach wie vor. Tocotronic macht erfolgreich Musik, brachte 2007 mit "Kapitulation" das achte Studioalbum heraus. Bei Bands wie Erdmöbel, Spillsbury, Tomte oder Kettcar sind die Einflüsse der Hamburger Schule in Text und Musik deutlich zu spüren, sie zählen heute zu ihren Nachfolgern.

Neue Strategien für Indie-Labels

Für Indie-Labels sind die Zeiten schwieriger geworden, das bekam auch L'Age D'Or zu spüren. Im vergangenen Jahr entging das Unternehmen nur knapp der Insolvenz. "Die Situation der Independent-Labels in Hamburg unterscheidet sich nicht von denen aus anderen Regionen und Ländern", erklärt Andreas Rautenberg vom Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, VUT Nord. Die Verlagerung vom physischen Tonträger zum Download aus dem Internet habe die wirtschaftliche Situation stark verschlechtert. "Wer heute sein Label gründet, weiß nicht, womit er morgen sein Geld verdient", so Rautenberg.

Tomte © www.pertramer.at Foto: www.pertramer.at
Musiker und Indie-Labelbetreiber in einem: die Band Tomte.

Dass es dennoch funktionieren kann, zeigen positive Beispiele aus der Hansestadt. Bei Tapete Records etwa konzentriert man sich nicht nur auf CD-Verkäufe, sondern hält sich auch mit Promotion und Tourbooking für Bands über Wasser. Mit der Gründung von Grand Hotel van Cleef (GHvC) haben Tomte-Sänger Thees Uhlmann und die Kettcar-Musiker Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff 2002 etwas Ähnliches gewagt wie L'Age D'Or vor 20 Jahren. Sie sind Musiker und Indie-Labelbetreiber in einem. Mit eigenem Bandbooking, einem MP3-Shop und als Festivalveranstalter hat sich GHvC auf nahezu alle Anforderungen des Marktes eingestellt. Das Konzept geht auf: "Wir machen wenig Platten und nur solche, bei denen wir wissen, dass wir gut für die Künstler arbeiten können", erklärt Thees Uhlmann. "Wir machen nur Platten, die uns gefallen. Und scheinbar trauen die Leute unserem Geschmack."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 03.10.2015 | 23:05 Uhr

Mehr Geschichte

Heinz-Friedrich Harre und Reinhard Lüschow küssen sich am 1. August 2001 vor dem Standesamt Hannover, nachdem sie ihre Lebenspartnerschaft haben eintragen lassen. © epd-bild / Dethard Hilbig Foto: Dethard Hilbig

20 Jahre "Homo-Ehe": Heirate mich - zumindest ein bisschen

Am 1. August 2001 schließt das erste schwule Paar in Deutschland den eheähnlichen Bund. Ein Etappensieg auf dem Weg zur "Ehe für alle". mehr

Norddeutsche Geschichte