Sendedatum: 06.02.2012 08:00 Uhr  | Archiv

Zeit für Gefühle mitten im Chaos

Überall ist die Feuerwehr im Einsatz, die Männer des Technischen Hilfswerks werden aufgerufen, zu ihren Leitstellen zu kommen. Irgendwann ruft uns unsere Mutter wieder rein, auch unsere Großeltern, die nebenan wohnen, sind bei uns. Wir sitzen bei Kerzenschein um den Küchentisch, und es wird langsam kalt. Unsere neue Ölheizung braucht Strom, um den Brenner zu betreiben, aber den gibt es nicht mehr.

Meine Mutter hat eine Idee: Das Gas geht noch, also zündet sie alle vier Flammen des Kochfeldes sowie die des Backofens an, das gibt uns ein wenig mehr Licht und vor allem wohlige Wärme. Irgendwann legen wir uns im Wohnzimmer auf die Sofas, unsere Großeltern kämpfen sich durch den Orkan ins Nachbarhaus. Wir schlafen, aber nicht lange. Als es hell wird, hören wir statt des Sturms (der hatte sich ein wenig gelegt) ein Knattern in der Luft. Als wir rausschauen, sehen wir Hubschrauber tief über unser Haus fliegen und auf dem gegenüberliegenden Sportplatz der Scharnhorstkaserne landen. Dieses Geräusch begleitet uns die nächsten Tage ununterbrochen.

Die ersten Hubschrauber kommen

Ein Hubschrauber landet am Wilhelmsburger Bahnhof © NDR Foto: Edith Vasicek
Hubschrauber, hier am Wilhelmsburger Bahnhof, sind ab Sonnabend für Rettungs- und Versorgungsflüge im Einsatz.

Es ist Samstag. Wir hatten schon am Abend im Autoradio gehört, dass überall in Hamburg an den Schulen der Unterricht ausfallen würde. Das macht uns natürlich froh, andererseits wollen wir wissen, was wirklich passiert ist. Nachbarsjungen kommen raus auf die Straße. 'Das Wasser steht am Unterelbebahnhof, die Deiche in Harburg sind gebrochen, Neuland ist überflutet, ebenso ganz Wilhelmsburg!' wissen Nachbarn zu berichten, die wohl die ganze Nacht ein Kofferradio hatten laufen lassen. Irgendwann ruft meine Mutter: 'Der Strom ist wieder da!'. Wir rennen wieder rein, setzen uns vor das Radio und erfahren vom Ausmaß der Katastrophe. Besonders in Wilhelmsburg sind viele Tausend Menschen vom Wasser eingeschlossen, die meisten seien vom Wasser überrascht worden, etliche ertrunken, viele Hundert Stück Vieh in den ländlichen Gegenden verendet. Das Militär, englische, holländische und deutsche Soldaten, seien seit der Nacht im Einsatz, um die Eingeschlossenen zu retten, mit Schlauchbooten und vor allem auch mit Hubschraubern, deshalb seit dem frühen Morgen das Knattern der Motoren beim Landen und Starten auf dem Kasernengelände.

Überflutete Gleise am Rangierbahnhof Wilhelmsburg 1962 © NDR Foto: Edith Vasicek
Viele Gleise, hier am Rangierbahnhof Wilhelmsburg, stehen unter Wasser.

Ich bin neugierig, will mit meinem Fahrrad zur Buxtehuder Straße fahren, bis zu der das Wasser stehen soll. Meine Mutter will mich abhalten, ich tue es trotzdem, fahre zum Schwarzenberg, von dem man das Gebiet jenseits der Gleise zum Harburger Hafen übersehen kann. Ich kann es kaum fassen: Es ist eine einzige Wasserwüste, die Gleise am Unterelbebahnhof, die parallel zur Buxtehuder Straße verlaufen, sind tatsächlich überflutet. Im Radio wird mittlerweile zur Hilfe aufgefordert. Decken und warme Kleidung sollen an Sammelstellen abgegeben werden. Eine der Sammelstellen ist meine Schule. Meine Mutter packt eine Tasche mit Kleidung, ich biete mich an, es dorthin zu bringen, Autos vom Roten Kreuz und THW stehen bereits dort, in der Turnhalle der Schule sind Strohlager aufgeschüttet, auf denen viele Menschen, die vor allem aus Wilhelmsburg gerettet worden sind, ein erstes warmes Quartier gefunden haben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 06.02.2012 | 08:00 Uhr

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