Stand: 17.03.2016 10:19 Uhr  | Archiv

Als die Neuengamme-Täter vor Gericht kamen

von Irene Altenmüller, NDR.de

Keine Reue bei den Angeklagten

Bei den Angeklagten ist von Reue bis zum Prozesssende nichts zu spüren. Alle plädieren zu Prozessbeginn auf "nicht schuldig". Nach ihrem Verständnis haben sie lediglich auf Befehl und im Rahmen des geltenden Rechts gehandelt. Zugleich streiten sie ab, von Verbrechen gewusst zu haben, verharmlosen die Zustände oder behaupten, sie hätten versucht, das unter den gegebenen Umständen Beste für die Gefangenen zu tun.

Der Zynismus der Täter

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Ganz links auf der Anklagebank: Lagerkommandant Max Pauly, daneben weitere führende SS-Männer des KZ Neuengamme.

So sagt der SS-Mann Walter Kümmel vor Gericht aus, er habe die Inhaftierten aus fürsorglichen Motiven geschlagen: "Manche Häftlinge tauschten ihrer Brotration gegen Zigaretten, und da sie so wenig Brot hatten und ich sie vor Krankheit bewahren wollte, schlug ich sie manchmal. Wenn ich es gemeldet hätte, wären sie zur Strafkompanie gekommen und ich konnte nicht verantworten, diese armen halbverhungerten Leute solch einer schlimmen Bestrafung auszusetzen". Aus der Aussage des Lagerkommandanten Max Pauly spricht dagegen vor allem Stolz auf die eigene Arbeit: "Neuengamme war meiner Meinung nach eines der am besten organisierten und geführten Konzentrationslager. Neuengamme war Nummer 1".

Das Royal Warrant - entscheidend für die Bestrafung der Täter

Nicht immer lässt sich im Prozess einem einzelnen NS-Täter ein bestimmtes Verbrechen nachweisen. Um diesem besonderen Problem der Beweisführung Rechnung zu tragen, haben die Briten bereits im Juni 1945 im sogenannten Royal Warrant festgelegt, dass auch einzelne Mitglieder einer festen Gruppe, der ein Verbrechen nachgewiesen werden kann, für dieses Verbrechen mitverantwortlich gemacht werden können - auch, wenn sie bei der Tat selbst nicht anwesend waren. Damit ist bereits die Mitwirkung am System der Konzentrationslager strafbar. Dies war im deutschen Strafrecht nicht möglich.

Elf Todesurteile, drei Gefängnisstrafen

Nach 39 Verhandlungstagen verkündet das britische Militärgericht am 3. Mai 1946 die Urteile gegen die 14 Angeklagten. Gegen elf von ihnen, darunter Max Pauly, verhängt das britische Militärgericht die Todesstrafe. Sie werden am 8. Oktober 1946 im Zuchthaus Hameln hingerichtet. Die übrigen drei Verurteilten - darunter Walter Kümmel - erhalten Gefängnisstrafen. Das Gräberfeld in Hameln, auf dem neben den Tätern von Neuengamme weitere NS-Verbrecher begraben werden, entwickelt sich über Jahrzehnte zu einem Wallfahrtsort für Alt- und  Neonazis. Erst 1986 wird es eingeebnet.

"Man wollte das nicht hören"

Bis heute ist der Curiohaus-Prozess nicht nur für die juristische Aufarbeitung der Verbrechen, die im KZ Neuengamme begangen wurden, von großer Bedeutung. Erstmals werden diese Verbrechen 1946 überhaupt öffentlich benannt. Doch entsetzte Reaktionen bleiben aus. "Man wollte das nicht hören. Die Deutschen waren eine durchnazifizierte Gesellschaft - und jetzt wurde ihnen vorgehalten, dass sie moralisch verwerflich seien. Das konnten sie mit ihrem Selbstbild nicht vereinbaren", deutet der für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme tätige Historiker Reimer Möller dieses Verhalten 2011 in einem Interview mit der "taz".

Großteil der Täter kommt straflos davon

Nach dem ersten Curiohaus-Prozess finden eine Reihe weiterer Prozesse rund um das Konzentrationslager Neuengamme statt. Bis zum Jahr 1948 klagen die Briten 109 SS-Angehörige an, darunter 19 Frauen, die in den Lagern als Aufseherinnen gearbeitet hatten. Bundesrepublik und DDR leiten in den folgenden Jahrzehnten insgesamt lediglich 142 Ermittlungsverfahren ein - eine verschwindend geringe Anzahl angesichts der Zahl von rund 4.500 SS-Leuten, die im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern tätig waren. Der Großteil der Verfahren wird eingestellt. So kommen etwa Täter wie Arnold Strippel, der nachweislich an der Ermordung der Kinder vom Bullenhuser Damm beteiligt war, unbehelligt davon.

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Dieses Thema im Programm:

18.03.1996 | 19:30 Uhr

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