Stand: 29.08.2008 11:41 Uhr  | Archiv

Die Befreiung des KZ Buchenwald

von Beatrix Hasse, NDR.de

Rettung durch die Amerikaner

Wer die Qualen in dem Lager überlebt hatte, war meist bis auf die Knochen abgemagert.

"An die Alliierten! An die Armee des Generals Patton! S.O.S.! Wir bitten um Hilfe. Man will uns evakuieren. Die SS will uns vernichten", lautete ein Funkspruch, der am 8. April bei den US-Truppen unter General Georg Smith Patton einging. In der Kinobaracke des Lagers hatten zwei Elektriker im Auftrag der illegalen Lagerleitung heimlich einen Sender installiert, um die herannahenden US-Truppen zu informieren.

Am 11. April erreichten die Amerikaner das Stammlager in Buchenwald. Im Lagerbericht Nr. 1 hielten Häftlinge des KZ die Ereignisse des Tages fest.

Mehr als 56.000 Menschen starben in Buchenwald, 21.000 überlebten.

Etwa um 14.30 Uhr rollten die Panzer der US-Truppen in den SS-Bereich. Kurze Zeit später starteten die Häftlinge ihre Aktion zur Entwaffnung der noch verbliebenen SS-Leute und zur Übernahme des Lagers. Bereits um 15.00 Uhr nahmen Gruppen von Häftlingen nach Kämpfen mit den Wachen den Befehlsturm der SS in Besitz.

Die Befreiung des Lagers war geglückt. Rund 21.000 Häftlinge wurden befreit. Für viele politische Gegner der Nazis, Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sogenannte Zigeuner, "Berufsverbrecher” und "Asoziale” kam die Befreiung zu spät. Über 56.000 Menschen wurden von der Gründung des Konzentrationslagers 1937 bis zu dessen Ende 1945 in Buchenwald ermordet; insgesamt hatten etwa 250.000 das Lager durchlaufen.

Der Mythos von der Befreiung

Die Weimarer Bevölkerung besichtigt am 16. April 1945 das Konzentrationslager Buchenwald.

Selbstbefreiung oder Befreiung von außen? In der geschichtlichen Darstellung der DDR wurde die Widerstandsbewegung im KZ Buchenwald heroisiert. Der Mythos von der Selbstbefreiung dominierte die sozialistische Geschichtsschreibung. Tatsächlich hat es ein illegales Lagerkomitee gegeben, das auch den Widerstand gegen die SS organisierte. Ohne die Hilfe der US-Armee hätten die Häftlinge jedoch keine Chance gehabt. Sie verfügten nur über wenige Waffen. Nach Schätzungen von Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, waren es etwa 70, mit denen sie auf keinen Fall in der Lage gewesen wären, die SS zu überwältigen.

Vom sowjetischen Speziallager zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte

Ein Mahnmal erinnert seit 1958 an die Opfer des KZ Buchenwald.

Von August 1945 an wurde das Lager auf dem Ettersberg als sowjetisches "Speziallager 2", als Internierungslager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD für Nazi- und Kriegsverbrecher eingerichtet. Es galt als "Schweigelager” und war völlig von der Außenwelt isoliert. Insgesamt 28.455 Menschen wurden dort bis zur Auflösung des Lagers 1950 und der Übergabe der Insassen an die DDR-Justiz interniert. Neben NS- und Kriegsverbrechern sowie kleinen und mittleren Funktionären der NSDAP und Militär- und HJ-Angehörigen gab es unter ihnen auch eine große Zahl von Personen, die infolge von Denunziationen, Verwechslungen und willkürlichen Festnahmen in dieses Lager gekommen war. Nach sowjetischen Quellen starben dort insgesamt 7.113 Menschen. Beerdigt wurden sie in Massengräbern. Ihre Angehörigen erhielten nie eine offizielle Benachrichtigung. Etwa 1.500 Menschen wurden von hier aus in die Sowjetunion deportiert.

Die Speziallager dienten der Durchsetzung der sowjetischen Besatzungspolitik. Bis zum Ende der DDR war das Thema ein Tabu. Stattdessen diente das Gelände seit 1958 mit der Einweihung eines monumentalen Mahnmals als "Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald”, in der ausschließlich an das Konzentrationslager der Nationalsozialisten und die heroische Selbstbefreiung erinnert wurde - gewissermaßen als Gründungsmythos der DDR.

Weitere Informationen
19:23
NDR Info

Die Kinder von Buchenwald

NDR Info

Als das KZ Buchenwald im April 1945 befreit wurde, fand man über 900 Kinder und Jugendliche unter den Überlebenden. Die politischen Häftlinge hatten sich ihrer angenommen. Audio (19:23 min)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Tagesschau | 12.04.2015 | 20:00

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