Sendedatum: 15.09.2004 19:00 Uhr  | Archiv

Mit dem Spaten bei der Nationalen Volksarmee

von Eva Storrer

Bausoldaten im Visier der Stasi

Bespitzelt zu werden auf Schritt und Tritt - das muss auch Reimund Wegner erleben. Mitte der Achtzigerjahre bekommt der junge Schweriner Kontakt zur Kirche, tritt aus der FDJ aus und arbeitet als Krankenpfleger in einer evangelischen Einrichtung bei Bernau. Als er dort einem Friedenskreis beitritt, wird er zum Fall für die Staatssicherheit. 1987 wird Reimund Wegner zur Armee eingezogen, als Bausoldat auf dem Flugplatz Laage. Weil er sich in einem "feindlich-negativen" Umfeld bewege, eröffnet die Stasi gegen ihn eine "Operative Personenkontrolle" (OPK) unter dem Namen "Aussatz".

Rund um die Uhr wird Reimund Wegner beobachtet. Das ist für die Stasi ein Leichtes: In fast alle Bautruppen hat sie Inoffizielle Mitarbeiter eingeschleust. Im Januar 1989 ändert die Stasi ihre Strategie und versucht, Reimund Wegner als Informanten anzuwerben. Weil dieser jede Zusammenarbeit ablehnt, beschließt das Ministerium für Staatssicherheit, ihn mit "zielgerichteten Diskreditierungsmaßnahmen" zu bestrafen. Doch das Vorhaben, Reimund Wegner in Verruf zu bringen, kommt nicht mehr zustande. Wenige Monate später ruft das Volk auf der Straße bereits: "Stasi raus!"

Der Fall Rainer Eppelmann

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Rainer Eppelmann verweigerte das Gelöbnis und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.

Für Frieden und Gerechtigkeit kämpft auch Rainer Eppelmann. 1966 wird er zum Bausoldatendienst nach Stralsund einberufen. Dort muss er ein Gelöbnis ablegen, das sich vom militärischen Fahneneid kaum unterscheidet: Lediglich die Passage "mit der Waffe in der Hand" ist gestrichen. Nach langem Überlegen entschließt sich Rainer Eppelmann, das Gelöbnis nicht abzulegen - und wird zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Ironie der Geschichte: Nach der Wende wird der einstige Kriegsdienstverweigerer Rainer Eppelmann zum letzten Verteidigungsminister der DDR ernannt und mit der Vorbereitung der Auflösung der NVA beauftragt.

Die Wende

Von Jahr zu Jahr werden es mehr, die den Dienst an der Waffe ablehnen. Sind es 1984 noch 1.000 Verweigerer, hat sich die Zahl vier Jahre später verdoppelt. Bis sie schließlich von ihrer Aufgabe ganz entbunden werden: Zum letzten Mal müssen Bausoldaten im Herbst 1989 einrücken. Am 1. März 1990 tritt die Verordnung über den Zivildienst in der DDR in Kraft. Bis heute gilt der Zivildienst in der Bundesrepublik als Ersatz für den Wehrdienst. Doch für Rainer Eppelmann ist das noch nicht die Lösung: "Mir wäre sehr viel angenehmer, wenn es möglich wäre, aus bis zu zwanzig unterschiedlichen Angeboten, bei denen der Wehrdienst als eine Möglichkeit gesehen werden würde, aussuchen zu können. So könnten möglichst viele Ja sagen zu dem, was sie da, neun oder zehn oder zwölf Monate lang, tun."

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Mit dem Spaten bei der Nationalen Volksarmee - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (235 KB)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.09.2004 | 19:00 Uhr

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