Stand: 23.02.2017 04:34 Uhr  | Archiv

Das Unglück der "Adolph Bermpohl"

Sieben Meter hohe Wellen, Wind, unberechenbare See, vier Grad Wassertemperatur: Mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde fegen die Böen des Orkans "Xanthia" am 23. Februar 1967 durch die Deutsche Bucht. Der Seenotrettungskreuzer "Adolph Bermpohl" läuft aus. Ein Kutter ist in Seenot geraten - acht Seemeilen nördlich von Helgoland. Drei niederländische Fischer auf der "Burgemeester van Kampen" brauchen dringend Hilfe wegen Wassereinbruchs. Das Schiff droht zu sinken. Die Crew funkt "Mayday" (unmittelbare Lebensgefahr).

Funkverkehr reißt ab

Die Besatzung der "Adolph Bermpohl" erreicht mit dem Tochterboot "Vegesack" das Schiff. Sie können die drei Männer an Bord bringen. Sie melden die erfolgreiche Rettung der Fischer und heben den Seenotfall auf. Kurz danach passiert das Unglück. Eine haushohe Welle muss die "Bermpohl" überrollt haben, möglicherweise begräbt sie das Tochterboot unter sich. Der Funkverkehr reißt ab. Sieben Seeleute verlieren im Orkan "Xanthia" ihr Leben.

Zeitzeuge Hinnerk Pick erinnert sich

Hinnerk Pick war damals Steuermann der "Atlantis" - der Fähre, die damals zwischen der Hochseeinsel und Cuxhaven fuhr. Pick war es, der am Tag nach dem Unglück den Seenotrettungskreuzer "Adolph Bermpohl" fand. Südlich von Helgoland, mit laufendem Motor. "Neben der 'Bermpohl' zu fahren und nicht zu wissen, ob noch jemand lebendig an Bord war oder nicht, das ist die schlimmste Erinnerung, die ich habe", sagt der heute 75-Jährige.

Begleitumstände ungeklärt

Ein Frachter fand das kieloben treibende Tochterboot "Vegesack". Beide Schiffe waren menschenleer. Vier Seenotretter und drei Fischer "blieben auf See", wie es in der maritimen Sprache heißt. Das Unglück erregte damals weltweit Aufsehen . Die "Adolph Bermpohl" galt als das seetüchtigste Schiff der Flotte, die Besatzung bestand aus erfahrenen Seeleuten. Ungeklärt sind bis heute die Begleitumstände der Katastrophe im Februar 1967. Im dokumentierten Funkverkehr heißt es, dass die drei Fischer gerettet wurden und die Besatzung vollständig und lebend auf dem Weg nach Helgoland sei. Allein das Fischerboot müsse zurückgelassen werden. Der Leuchtturmwärter will sogar beobachtet haben, wie ein Schiff in der Nordeinfahrt nach Helgoland in den Wellen, mit dem Scheinwerfer nach Backbord, den Weg zur Insel gesucht hatte. Sehr wahrscheinlich war es die "Adolph Bermpohl". Doch sie kam nicht auf Helgoland an.

"Hier war die Natur gewaltiger als der Mensch"

Fünf Seeleute wurden später tot in der Nordsee gefunden. Mit der Frage, wie es passieren konnte, dass die eigentlich schon geretteten Seemänner auf der "Adolph Bermpohl" und dem Beiboot noch ums Leben kamen, beschäftigte sich später eine Seeamtsverhandlung beschäftigt. Das Ergebnis: Die Seenotretter und Fischer hätten keine Chance gehabt. Laut dem maritimen Gericht bleibt nur ein Schluss: "Hier war die Natur gewaltiger als der Mensch."

Gedenkveranstaltung auf Helgoland

50 Jahre später, im Februar 2017, kamen viele Seenotretter aus dem ganzen Norden bei einer Gedenkveranstaltung in der St. Nicolai Kirche auf Helgoland zusammen. Auch Hinnerk Pick war dabei. "So einen Orkan wie damals hatten wir alle noch nicht erlebt", sagt er. Ihn beschäftigen die Bilder noch immer. Auch er hatte es mit seiner Fähre am Unglückstag nur mit einem riskanten Manöver in den Helgoländer Südhafen geschafft. Für Pick ist die Gedenkveranstaltung wichtig. "Es waren gute Jungs und erfahrene Seeleute." Neben den Opfern des "Adolph Bermpohl"-Unglücks wird auf Helgoland auch der anderen 41 Seeleute gedacht, die in den vergangenen 152 Jahren im Einsatz für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gestorben sind.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 26.02.2017 | 19:30 Uhr

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