Der letzte VW Käfer mit der Nummer 11.916.519 rollt am 1. Juli 1974 1974 in Wolfsburg vom Band. Ab 1945 Seit 1945 sind mehr als 18 Millionen Exemplare des Autos produziert worden. © picture alliance / Associated Press Foto: Helmut Lohmann

Vom Alliierten-Auftrag zum meistverkauften Auto der Welt

Stand: 05.10.2021 12:55 Uhr

Am 27. Dezember 1945 beginnt in Wolfsburg die Serienproduktion der Volkswagen Limousine - als VW Käfer wird das Auto später weltweit millionenfach verkauft.

Seine Erfolgsgeschichte beginnt in der Nachkriegszeit: Direkt im Anschluss an das erste Weihnachtsfest nach Ende des Zweiten Weltkriegs läuft im unter britischer Militärverwaltung stehenden Volkswagenwerk der erste Volkswagen Typ 1 vom Band - der VW Käfer. Rund 20.000 Fahrzeuge hatten die Briten im September bei den Wolfsburgern in Auftrag gegeben, an diesem letzten Donnerstag des Jahres ist der erste Wagen fertig. Die ersten zivilen Käfer werden als Reparationsleistungen an die Alliierten geliefert. Ein weiterer Teil des Auftrags geht an die Reichspost, das Deutsche Rote Kreuz und andere Institutionen und Behörden.

Millionster VW Käfer rollt nach zehn Jahren vom Band

Präsentation des Millionsten VW Käfers in Wolfsburg 1955 © picture-alliance / dpa Foto: Herold
Am 5. August 1955 feiert VW in Wolfsburg den millionsten Käfer.

Privatpersonen ist es erst im Laufe des Jahres 1946 möglich, einen Neuwagen zu erstehen - doch dann geht es mit dem Erfolg des buckligen Mobils auch schnell. Mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland läuft am 5. August 1955 unter großem Medienrummel der millionste Käfer bei Volkswagen in Wolfsburg vom Band. Tausende Beschäftigte und Gäste feiern das Ereignis. Nur acht Jahre später kann das Unternehmen zehn Millionen Fahrzeuge vermelden, Anfang der 70er-Jahre erreicht der Käfer achtstellige Produktionszahlen und ist damit der meistgebaute Pkw der Welt.

Die Nazis wollen ein Auto fürs Volk

Der Beginn der außergewöhnlichen Industriegeschichte liegt allerdings länger zurück - und ist gefärbt von Propagandaträumen des NS-Regimes. Ähnlich wie beim Volksempfänger schwebt der NS-Führung Anfang der 30er-Jahre ein Auto fürs Volk vor. Am 17. Januar 1934 verfasst der Ingenieur Ferdinand Porsche ein "Exposé betreffend den Bau eines deutschen Volkswagens". Das Auto soll vier Personen Platz bieten, 100 Kilometer pro Stunde erreichen, 30-prozentige Steigungen bewältigen können, verschiedene Aufbauten tragen und nicht mehr als 1.000 Reichsmark kosten. Am 22. Juli 1934 erhält Porsche den Auftrag, das Auto zu bauen.

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Nach der Grundsteinlegung lässt sich Adolf Hitler einen "Volkswagen" von Ferdinand Porsche zeigen © Picture-Alliance/dpa

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Kübelwagen fürs Militär statt Käfer fürs Volk

Bis 1936 entstehen drei Prototypen, denen Hitler später den Namen "KdF-Wagen" (KdF = Kraft durch Freude) gibt. Mit dem Geld vieler Tausend Sparer, die auf einen Volkswagen hoffen, wird 1938 im Flecken Fallersleben bei Braunschweig eine Fabrik aus dem Boden gestampft: das Volkswagenwerk und spätere Wolfsburg. Doch statt der angekündigten 500.000 Modelle jährlich werden nur wenige Hundert Käfer für die zivile Nutzung gebaut. Stattdessen montieren Deutsche und Zwangsarbeiter in dem Werk Flugzeugteile und Granaten und stellen Zehntausende Kübelwagen her, eine militärische Version des Käfers für Wehrmacht und SS.

VW Käfer wird zum Exportschlager

1.750 VW Käfer werden auf die "Johann Schulte" verfrachtet und nach New York transportiert. © dpa Picture Alliance Foto: Heidtmann
1953 wurde der Käfer bereits in 88 Länder exportiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das zu großen Teilen durch Bomben zerstörte Werk wieder aufgebaut. Ende 1945 lässt die britische Besatzungsmacht die Käfer-Produktion wieder anfahren. Der Wagen soll als Dienstfahrzeug für Armee und Verwaltung dienen. Doch dabei bleibt es nicht. Der Käfer ist das Auto, nach dem die Zeit verlangt: billig, einfach zu reparieren, zuverlässig. 1946 werden 10.000 Stück hergestellt, 1948 schon 20.000, 1950 sind es 90.000.

Firmenchef Heinrich Nordhoff erkennt, dass der noch schwache deutsche Markt allein für den Erfolg nicht reicht. So beginnt bereits 1947 der Export in die Niederlande, 1949 erreichen die ersten Käfer die USA - jenes Land, dem das deutsche Auto überhaupt seinen Namen verdankt. "Beetle" nennen ihn die Amerikaner wegen seiner Form - auf Deutsch: Käfer. Werksintern ist der Kosename übrigens immer verpönt, man spricht vom "Typ 1".

Von Rekord zu Rekord: Der Käfer als Symbol des Wirtschaftswunders

Ende 1953 wird der Käfer schon in 88 Länder exportiert. Zwei Jahre später, am 5. August 1955, läuft das millionste Exemplar vom Band. Die Produktion eilt von Rekord zu Rekord: 1957 sind es zwei, 1959 drei Millionen. Immer weiter feilen die Ingenieure in Wolfsburg am buckligen Gefährt: größere Heckfenster, 12-Volt-Elektrik, stärkere Motoren.

Für die meisten Deutschen ist der Käfer das Symbol für den erreichten Wohlstand. Und er beflügelt ihre Reiselust - mit Familie und Gepäck geht es im Käfer über den Brenner nach Italien.

VIDEO: Es geht ums Geld: Die Industrie geht an die Küste (23 Min)

"Weltmeister" trotz Karriere-Knick

Bunte VW Käfer auf einer Straße. © AP Foto: Kai-Uwe Knoth
Rund, praktisch, gut: Der Käfer prägt jahrelang das Bild auf deutschen Straßen.

Als die erste Nachkriegsrezession 1966/67 das Ende des Wirtschaftswunders ankündigt, erlebt auch VW seine erste Absatzkrise. Technisch hat sich der "Buckel-Porsche" totgelaufen: Die Luftkühlung stößt an ihre Grenzen, das Fahrverhalten des Heckmotors wird bei höheren Geschwindigkeiten gefährlich, der Stauraum ist zu klein. Die Verkaufszahlen gehen allerdings nicht schlagartig zurück, weshalb VW in eine Sackgasse steuert, denn technisch moderne Wagen schaffen es nicht ins Programm.

Die Wende schafft der Konzern erst 1974 mit dem Golf. Die Käfer-Produktion läuft unterdessen weiter: Am 17. Februar 1972 rollt der 15.007.034. Käfer vom Band - und löst damit das "Model T" von Ford ab. Bis 2002 ist der Käfer der meistverkaufte Wagen der Welt, dann löst ihn der Golf ab.

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Das Ende nach 69 Jahren

1974 läuft der letzte VW Käfer im Wolfsburger Stammwerk vom Band, 1978 schließlich der letzte aus deutscher Produktion im Werk Emden. Doch so schnell ist die Ikone des Automobilbaus nicht totzukriegen: Die Käfer-Herstellung wird zunächst ins Werk Brüssel verlegt, dann vor allem nach Mexiko. Nach 1980 beliefert das mexikanische VW-Werk in Puebla den europäischen Markt, bis Volkswagen 1985 in Europa den offiziellen Verkauf des Käfers einstellt. In Brasilien und Mexiko, wo der Käfer eine ähnlich hohe Bedeutung für die Motorisierung hat wie in Deutschland, verkauft sich das Auto noch lange gut. Das letzte Exemplar läuft erst am 30. Juli 2003 in Mexiko vom Band, es ist Käfer Nummer 21.529.464.

Wiedergeburt als "New Beetle"

1998 versucht VW mit dem "New Beetle", also dem neuen Käfer, an alte Zeiten anzuknüpfen. Der Wagen im Retro-Design ist größer und komfortabler als sein Vorbild und soll ebenfalls zum Kultmobil werden. Das gelingt allerdings nicht. Auch der abermalige Nachfolger, der nur noch schlicht "Beetle" heißt, kann die Hersteller-Hoffnungen nicht erfüllen - im Sommer 2019 ist die Produktion im mexikanischen Puebla ausgelaufen.

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Unsere Geschichte | 06.11.2021 | 12:00 Uhr

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