Stand: 23.12.2015 10:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

UKW: Die Welle der Freude

von Werner Junge

In Schleswig-Holstein hörte das Radio einen Tag vor Weihnachten 1950 auf zu rauschen. Das gerade gegründete Studio Flensburg strahlte über den Versuchssender Hamburg die erste Sendung auf der Ultra-Kurz-Welle (UKW) aus. Passend zum 23. Dezember waren es "Weihnachtserinnerungen alter Leute". Zu hören war das besinnliche Stück mit Geschichten, die bis zum Einmarsch der Preußen 1864 in Angeln zurückreichten, erst für Wenige. UKW war ganz neu, sehr aufregend und sollte und musste die bis dahin dominierende rauschende Mittelwelle als Hauptsendeart für Radio ablösen.

In Kopenhagen "ultrakurz" gekommen

Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg verloren. Das ist die korrekte und kürzeste Erklärung dafür, warum die Bundesrepublik als erstes Land der Welt Abschied von der Mittelwelle nahm. Anfang 1950 saßen die Vertreter der europäischen Rundfunkanbieter in Kopenhagen zusammen. Es galt einen neuen Wellenplan zu entwickeln, denn seit Beginn der Rundfunkzeit von 1924 an entstanden in Europa immer mehr neue Sender. Es wurde eng auf der Mittelwelle. Und dann waren da noch die Deutschen. Nach der Zentralisierung durch die Nationalsozialisten gab es nun wieder regionale Sender.

Im Norden bildete der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) die britische Besatzungszone ab. Alle deutschen Sender wollten Frequenzen. Technisch war das nicht möglich, zumindest was die Deutschen betraf, politisch auch nicht gewollt. Die Techniker des NWDR kehrten aus Kopenhagen zurück und scherzten: Man sei "ultrakurz" gekommen. Sie spielten damit auf die voraussehbare Entwicklung an. Es gab nicht genug Mittelwellenfrequenzen und deshalb musste Deutschland auf UKW setzen.

Der hohe Preis für das Ende des Rauschradios

Immer am Puls der Zeit: Live-Reportage im Grenzland in den 1950ern © NDR
Immer am Puls der Zeit: Live-Reportage im Grenzland in den 1950er-Jahren.

Dass UKW besser klingt als die Mittelwelle, war den Technikern klar. Es ist aber auch sehr viel aufwendiger zu verbreiten. Der größte Nachteil von UKW: Es ist quasi nur auf Sichtweite der Sendemasten zu empfangen. Der größte Vorteil von UKW: Es ist nur auf Sichtweite zu empfangen. Anders als mit der Mittelwelle war es jetzt zum ersten Mal in der Geschichte des Radios möglich, Programme für die Region auszustrahlen. Das Studio Flensburg schickte so für Schleswig-Holstein vom 16. Mai 1951 an werktäglich die Sendung "Von Binnenland und Waterkant" in den schleswig-holsteinischen Äther. Zu Beginn übrigens parallel auch auf der Mittelwelle. UKW konnten die alten Radios nicht. Wer die neue Klangqualität erleben wollte, musste sich einen neuen Empfänger kaufen.

Voll-Programm in Stereo

Um rauschfrei Radio zu hören, brauchte bald keiner mehr zum Nachbarn zu gehen. UKW-Radios verbreiteten sich rasend schnell. Doch in der NWDR Zentrale in Hamburg wurde UKW noch nicht ernst genommen - auch nicht, nachdem 1956 aus dem Sender NDR und WDR wurden. Die große Politik wurde auf Mittelwelle verbreitet, das Lokale, das Regionale über UKW. Die "Zeitfunker" in Hamburg spöttelten, UKW sei die "Welle der Freude". Doch weil UKW Freude machte und spätestens mit dem Voll-Programm in Stereo von 1968 an die Mittelwelle schlicht veraltet war, wurden die Spötter ruhig. Flensburg als Geburtsort des Rundfunks in Schleswig-Holstein war schon drei Jahre davor zur Außenstelle des neuen Studios in Kiel geworden.

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UKW kommt in die Jahre

Lustig und mit Zigarette auf Sendung - die Welle der Freude zu Besuch in Angeln © NDR
Lustig und mit Zigarette auf Sendung - die Welle der Freude zu Besuch in Angeln.

Mit dem Start der Landesprogramme des NDR 1981 konnte die UKW-Technik noch einmal furios durchstarten. Da Schleswig-Holstein flach ist und die sechs UKW-Hauptsender im Land nicht weit "gucken" können - UKW sendet ja nur auf Sichtweite - kann im Norden regionalisiert werden. Der Sender Flensburg versorgt den Norden, Welmbüttel in Dithmarschen den Westen, Kronshagen bei Kiel die KERN-Region, Armstedt bei Neumünster sowie Moorfleet in Hamburg Südholstein und der Bungsberg Ostholstein. Zweimal am Tag, um 10.30 Uhr und 16.30 Uhr wird so für Regionalnachrichten auseinandergeschaltet - zehnmal für das Wetter in den Landesteilen. Technisch werden alle Versionen in Kiel gesammelt und dann - ohne, dass der Hörer es merkt - von Kronshagen an die übrigen Sender fünf Versionen im Land verteilt. UKW wird uns noch einige Jahre erhalten bleiben. Aber auch im Radio ist absehbar, dass bald das digitale Zeitalter beginnt. 75 Jahre UKW-Radio werden wir vielleicht nicht mehr feiern können.

Weitere Informationen
Die Außenansicht des NDR Studios in Flensburg in der Friedrich-Ebert-Straße Nr. 1. © NDR Foto: Archiv Studio Flensburg

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Die regionale Kompetenz ist unser Markenzeichen, unsere Reporter sind immer live vor Ort, wenn etwas passiert. Die Adressen und Porträts aller fünf NDR Studios in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 23.12.2015 | 21:10 Uhr

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