Gunter Sachs mit Ehefrau Mirja auf Sylt (1970) © picture-alliance Foto: Sven Simon

Sylt: Sehnsuchtsinsel der Schönen und Reichen

Stand: 04.05.2021 14:32 Uhr

In den 20er-Jahren kamen Schauspieler und Schriftsteller nach Sylt. Im Zweiten Weltkrieg galt die Insel als Sperrgebiet. Nach Wiedereröffnung der Badesaison am 15. Juni 1946 kehrten auch die Promis langsam zurück.

Emil Nolde und Hermann Hesse, Marlene Dietrich und Stefan Zweig: Schon in den 20er-Jahren übt die Insel Sylt auf Maler, Schriftsteller, Schauspieler und andere Prominente eine magische Anziehungskraft aus. Tanzdiva Gret Palucca tanzt nackt in den Dünen der Insel und Thomas Mann notiert 1928 im Gästebuch der legendären Künstlerpension "Kliffende" in Kampen: "An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt." Der kleine Bauernort mausert sich zur regelrechten Künstlerkolonie und zieht Kreative, Intellektuelle und Lebenskünstler aus der ganzen Weimarer Republik an.


Zweiter Weltkrieg - Sylt wird zum Sperrgebiet

Westerland auf Sylt, Party am Strand, Hotel Miramar © picture alliance / arkivi
In Westerland wehten in der 1930er-Jahren Hakenkreuzfahnen am Strand.

Während es Literaten und Künstler in den 1930er-Jahren weiterhin ins intellektuelle Kampen zieht, urlauben in Westerland prominente Nationalsozialisten wie Hermann Göring. Hakenkreuzfahnen wehen dort in den Vorgärten und Strandburgen. Viele Hoteliers erklären jüdische Gäste als unerwünscht. Im Zweiten Weltkrieg kommt der Tourismus auf Sylt schließlich zum Erliegen, da die Insel für den Fremdenverkehr gesperrt wird. Sylt gilt als Sperrgebiet, massive Bunkeranlagen und Seeziel-Batterien sollen einer mögliche Invasion der Alliierten über die Nordsee entgegenwirken. Sylt bleibt jedoch weitgehend von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont. Die meisten Hoteliers sind allerdings wegen fehlender Einnahmen pleite. Die Unterbringung von Heimatvertriebenen führt zu weiteren Einbußen. Im Jahr 1946 ist dann auch wieder Fremdenverkehr auf der Insel möglich. Allerdings stehen nur 2.000 Betten gegenüber 7.000 vor dem Krieg zur Verfügung. Schließlich startet die erste Badesaison nach dem Krieg im Juni desselben Jahres.

Mit Gunter Sachs kommen die Reichen und Schönen

"Seltsame Gestalten" sind den Einheimischen also nicht fremd, als Gunter Sachs die Insel Ende der 60er-Jahre aus ihrem Dornröschenschlaf holt, in den sie in der Nachkriegszeit gefallen war. Der Unternehmens-Erbe feiert wilde Partys auf dem bis dahin beschaulichen Eiland. Mit seiner damaligen Ehefrau Brigitte Bardot und anderen Promis aalt sich der millionenschwere Playboy am legendären Strandabschnitt Buhne 16 bei Kampen - und wird dabei mitunter von neugierigen Blicken verfolgt: "Ich lag auf Sylt an Buhne 16, dem Strand für alle sonnenhungrigen Nackten der Republik. Trotz der Transparente 'Badehose runter - Gunter' behielt ich meinen Lendenschurz an", erinnerte sich Sachs im Jahr 2005 in seinen Memoiren.

TV-Tipp
Ein 40 Kilometer langes Paradies: Die Westküste Sylts besteht aus feinstem Sandstrand. © NDR/Sylt Marketing

mareTV Classics: Sylt

Stilles Wattenmeer trifft auf Party-People: Das sind die zwei Seiten von Deutschlands bekanntester Nordseeinsel Sylt. mehr

Romy Schneider: "In jeder Welle ein nackter Arsch"

Andere sind da weniger zimperlich. FKK-Baden und hüllenloses Volleyballspielen gehört an der Buhne 16 für viele prominente Gäste fast schon zum guten Ton. Nicht allen gefällt das: "In jeder Welle hängt ein nackter Arsch", klagt etwa Schauspielerin Romy Schneider - und kommt nur einmal nach Sylt.

Doch die meisten zieht es immer wieder auf die Nordseeinsel. Vom Habenichts bis zum Millionär, auf dem riesigen Parkplatz vorm Strandzugang an der Buhne 16 reihen sich einfache Käfer an Nobelkarossen. Von dort geht es, ausgestattet nur mit dem Nötigsten, direkt zum Strand: "Die ließen die Hüllen im Wagen, hüpften über die Düne und hatten nur noch ihr Kofferradio an", erinnert sich Hans-Dieter Tölke, damals Taxifahrer auf der Insel.

Durchtanzte Nächte im "Pony Club" und "Strönwai"

Prominente wie Günter Pfitzmann (l.) und Gunter Sachs (2. v. r.) in den 70er-Jahren beim Fußball auf Sylt. © Rolf Seiche
Beim Benefizspiel des Promi-Teams "Pony Kampen" stand Gunter Sachs (2. v. r.) im Tor. Auch dabei: Schauspieler Günter Pfitzmann (l.).

Der kleine Ort Kampen wird zum Saint-Tropez des Nordens. Nach dem Sonnenbaden geht es zum Feiern in den "Pony Club". In der Nobel-Diskothek am Kampener "Strönwai", vielen besser bekannt als "Whiskymeile", tanzt der Jet-Set oft bis zum Morgengrauen. Die Schauspieler Heinz Rühmann und Curd Jürgens sind ebenso regelmäßige Gäste wie die persische Ex-Kaiserin Soraya und der Verleger Axel Springer.

Mit den Reichen und Berühmten kommt auch das große Geld auf die Insel. Urlaub auf Sylt ist schwer angesagt. Viele Einheimische vermieten im Sommer ihre Häuser an die Sommerfrischler: "Wir haben den Stall saubergemacht und dort geschlafen. Die Zimmer im Haus haben wir vermietet", erinnert sich Claas Johannsen, der in den 60er-Jahren den Bauernhof seiner Eltern übernimmt.

Luxusferienorte ohne Einheimische

Blick auf den Klenderhof in Kampen auf Sylt © dpa Picture-Alliance / rtn -radio tele nord Foto: Ute Strait
Den Klenderhof in Kampen kaufte Axel Springer in den 50er-Jahren. Mittlerweile hat das Anwesen den Besitzer gewechselt.

Die Nachfrage nach Ferienquartieren ist riesig - für viele Original-Insulaner nicht nur ein Segen. Wohnraum wird knapp, die Preise schnellen in die Höhe. Häufig wollen die prominenten Feriengäste nicht nur mieten, sondern am besten gleich eines der reetgedeckten Häuser als Wochenend- und Urlaubsdomizil kaufen. Die Folge: Ganze Ortschaften wandeln sich zu Geisterstädten, in denen nur noch im Sommer und an den Wochenenden Betrieb herrscht. Normale Geschäfte jenseits der Luxusmarken gibt es kaum noch in den Promisiedlungen.

Kampen: Nirgendwo in Deutschland ist Wohnen teurer

Die Nachfrage nach Immobilien ist bis heute ungebrochen. Einheimische können sich die teuren Häuser schon lange nicht mehr leisten. Zwei Drittel aller Häuser in Kampen sind mittlerweile Ferienvillen. Der Ort hat die höchsten Immobilienpreise Deutschlands.

Die Promis kommen immer noch

Ob reich oder weniger betucht, Sylt ist bis heute Sehnsuchtsort und beliebtes Urlaubsziel geblieben. 4,6 Millionen Übernachtungen zählte die Insel im Jahr 2019. Auch Prominente schätzen die Insel noch immer. Joachim Löw, Sabine Christiansen, Wolfgang Schäuble oder Günther Jauch: Die Liste derer, die sich bereits auf der Insel erholt haben, ist lang. Doch verbringen sie ihre Zeit mittlerweile eher zurückgezogen, sind in der Öffentlichkeit nicht mehr so präsent wie einst Gunter Sachs und Gefolge. Die wilden 60er und 70er mit Glanz und Glamour sind passé.

Porträt
Eine Holztreppe führt über Dünen zum Strand in Westerland auf Sylt. © imago/imagebroker

Sylt: Insel-Traum nicht nur für Promis

Partys feiern, Sport treiben, die Natur im Watt und in den Dünen genießen: Sylt bietet für jeden Urlaubertyp etwas. mehr

Dieses Thema im Programm:

mareTV | 23.05.2021 | 14:30 Uhr

Mehr Geschichte

Eine Fotomontage zeigt den Vergleich des Flugplatzes Eggebek. © Friedrich List, Marineflieger Geschwader 2 - Das MFG 2 in Tarp-Eggebek, AirDOC Verlag 2005 / NDR Foto: Friedrich List / Peer-Axel Kroeske

Flugplatz Eggebek: Das Gewerbegebiet auf der Tornado-Startbahn

2005 löste die Bundeswehr das Marinefliegergeschwader in Eggebek auf. Auf dem Riesenareal haben sich nun Firmen angesiedelt. mehr

Norddeutsche Geschichte