Brennende Synagoge in der Bergstraße in Hannover am 10. November 1938. © HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum Hannover. Foto: Wilhelm Hauschild

Angeordneter Terror in der Reichspogromnacht

Stand: 09.11.2020 09:08 Uhr

Am 9. November 1938 rufen die Nationalsozialisten dazu auf, jüdische Geschäfte und Synagogen zu zerstören. Die Judenverfolgung erreicht mit der Reichspogromnacht eine neue Dimension - auch in Norddeutschland.

von Vivienne Schumacher

Als Adolf Hitler und ein Teil der NS-Führungsriege am 9. November 1938 den Jahrestag des missglückten Münchener Hitler-Putsches von 1923 feiern, wird bekannt, dass Ernst vom Rath, NS-Diplomat der deutschen Botschaft in Paris, den Schüssen des polnischen Juden Herschel Grynszpan erlegen ist. Propagandaminister Joseph Goebbels hält eine antisemitische Hetzrede. Kurz darauf ergehen erste Anweisungen an Partei- und SA-Stellen, in denen zur Zerstörung jüdischer Synagogen und Geschäfte aufgerufen wird. Was folgt, gilt als offizielles Signal zum größten Völkermord in Europa.

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Feuerwehr darf lange nicht eingreifen

In Hannover werden mehrere Hundert Menschen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. 94 jüdische Geschäfte sowie 27 Häuser und Wohnungen werden demoliert und verwüstet. Das Kommando für die damalige Provinz Hannover hat SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln. Er nimmt die Befehle aus München und Berlin entgegen und sendet etwa 500 SS-Männer zu jüdischen Geschäften und Wohnungen aus. Eine vorbereitete Adressenliste liegt ihm vor. Zerstört wird unter anderem die Synagoge in der Bergstraße, die als "Perle Hannoverscher Architektur" bekannt war. Stundenlang steht sie in Flammen. SS-Männer sperren den gesamten Platz um das Gotteshaus ab. Die Feuerwehr darf erst mit den Löscharbeiten beginnen, als der Brand droht, auf benachbarte Wohnhäuser überzugreifen.

"Die schlagen da unten die Wohnung kaputt"

Eine Zeitzeugin der Pogromnacht in Niedersachsen erinnert sich in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk im Jahr 1978 an den 10. November 1938 in Hannover: "Wir hörten in unserer Wohnung draußen einen Tumult und ahnten nicht, was da war. Mein Junge lief natürlich gleich runter, um zu sehen, was da los war. Er kam zurück und sagte: 'Die schlagen da unten die Wohnung kaputt, die SA.' Wir guckten aus dem Fenster und sahen, dass sie mit schweren Gegenständen tatsächlich die Parterrewohnung verwüsteten, Fenster einschlugen. Wir sahen, wie sie auch den Küchenschrank zerschlugen. Wir wussten nicht, dass da eine jüdische Familie wohnte, aber das erfuhren wir dann."

Synagoge der jüdischen Gemeinde in Oldenburg © dpa - Bildarchiv

AUDIO: Die Pogromnacht in Oldenburg (3 Min)

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten hat in Zusammenarbeit mit Geschichtsstudenten der Leibniz Universität Hannover eine Website erarbeitet, die die Reichspogromnacht in Niedersachsen dokumentiert. Sie gibt Informationen zu den Ereignissen in mehr als 50 Orten anhand von Fotos und Dokumenten.

VIDEO: Dornum: Ehemalige Synagoge ist heute Gedenkstätte (4 Min)

Zerstörung und Verfolgung in Mecklenburg-Vorpommern

Auch in Mecklenburg-Vorpommern stehen in mehreren Städten Synagogen in Flammen, werden jüdische Friedhöfe geschändet, Geschäfte beschädigt und geplündert. Augenzeugen berichten, wie in Zivil gekleidete Nazis die Synagoge in Alt-Strelitz stürmen und die Thora-Rollen sowie die gesamte Einrichtung zerstören, mit Benzin übergießen und anzünden. Beim Brand in der Neubrandenburger Synagoge hat die Feuerwehr lediglich den Auftrag, ein nebenstehendes Wohnhaus zu schützen.

Ebenso in Rostock: Am frühen Morgen des 10. November brennt die Synagoge in der Augustenstraße vollständig aus, während die Feuerwehr nur die benachbarten Gebäude schützt. Eine Geschäftsfrau aus Rostock erzählt in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk im Jahr 1978: "Da stand eine ganze Reihe Leute, und die Feuerwehr stand da, sozusagen Gewehr bei Fuß, und hatte eigentlich nur die Aufgabe, dass sie die Nachbarhäuser beschützen sollte. Aber die Synagoge war schon drei Viertel runtergebrannt. Die hat man die Nacht über brennen lassen." Am Vormittag ziehen die Nazis weiter durch die Hansestadt und demolieren circa 50 Wohnungen und Geschäfte. 64 jüdische Männer werden verhaftet.

Das "verspätete" Pogrom in Hamburg

Die alte Synagoge am Bornplatz in Hamburg © wikimedia
In Hamburg brennen die Nazis unter anderem die Bornplatz-Synagoge im Grindelviertel nieder.

In Hamburg geht aus den wenigen Akten, die nach dem Krieg nicht vernichtet oder "bereinigt" worden sind, hervor, dass es in der Nacht vom 9. auf den 10. November Probleme mit der Alarmierung der Allgemeinen SS gab. Die SS-Männer seien nachts telefonisch nicht erreicht worden, die SA hingegen kann benachrichtigt werden: Augenzeugen berichten, dass sich in den frühen Morgenstunden des 10. November SA-Männer in Uniform und in Zivil auf dem Rathausmarkt versammelt hätten. In kleinen Gruppen seien sie in verschiedene Richtungen losmarschiert und hätten damit begonnen, Fensterscheiben zu zertrümmern.

Feuer auf dem jüdischen Friedhof

Die brutalen Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung finden in der Hansestadt zum großen Teil am Nachmittag und Abend des 10. November statt. Nationalsozialisten zerstören die Neue Dammtor-Synagoge. Gegen 19 Uhr wird in der Leichenhalle auf dem jüdischen Friedhof in Harburg ein Brand gelegt. Schaulustige versammeln sich und behindern die Löscharbeiten der Feuerwehr: Die Halle brennt bis auf ihre Grundmauer nieder.

Brennende Synagoge in der Bergstraße in Hannover am 10. November 1938. © HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum Hannover. Foto: Wilhelm Hauschild

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Die Zerstörer setzen auch die Haupt-Synagoge am Bornplatz in Brand. Später muss die jüdische Gemeinde die Trümmer auf eigene Kosten abtragen. 1988 sagt ein Zeitzeuge dem "Hamburger Abendblatt": "Ich sah die Flammen aus der Grindelhof-Synagoge schlagen. Davor brannte ein Haufen jüdischer Gebetbücher und Thora-Rollen. Am abstoßendsten fand ich die Gesichter der SA-Männer, die von der brennenden Synagoge angestrahlt wurden. Ich hatte den Eindruck, die Männer waren davon überzeugt, etwas besonders Gutes zu tun."

In den Geschäftsstraßen der Hansestadt werden jüdische Geschäfte demoliert und angezündet. Die Gestapo inhaftiert mindestens 879 Juden. Ein jüdischer Bürger springt aus Angst und Verzweiflung vor der Verfolgung aus dem dritten Stock.

Verwüstungen und Mordkommandos in Schleswig-Holstein

In Kiel nimmt SA-Oberführer Carsten Volquardsen am späten Abend des 9. November einen Anruf entgegen: Der Kieler Polizeipräsident und SA-Führer, Joachim Meyer-Quade, der anlässlich der Gedenkfeier zum Hitler-Putsch in München ist, gibt den Befehl durch, gewaltsam gegen jüdische Geschäfte und Gotteshäuser vorzugehen. Früh morgens versammeln sich auf dem Rathausplatz in Kiel SA- und SS-Männer sowie Parteimitglieder der NSDAP.

Gedenkstein an die Synagoge in Kiel  Foto: Jocian
In Kiel zum Beispiel erinnert eine Gedenktafel auf dem Grundstück der damaligen Synagoge an die Pogromnacht.

Auch hier soll die "Aktion" in Zivil durchgeführt werden. In Stoßtrupps ziehen sie durch die Stadt und zur Synagoge in der Goethestraße. Die Männer zünden das Gebäude an und legen einen Sprengsatz. Gleichzeitig sind in der Stadt Mordkommandos unterwegs: Die Juden Lask und Leven, bekannte Geschäftsleute in Kiel, sollen umgebracht werden. Beide werden durch Schüsse schwer verletzt, überleben aber. In der Nacht und in den folgenden Tagen werden zahlreiche Juden verhaftet. Nationalsozialisten bringen die 58 Männer in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau.

Von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung

Insgesamt sterben infolge des Novemberpogroms 1938 in Deutschland mehr als 1.300 Menschen, rund 30.000 Jüdinnen und Juden werden verhaftet oder in Konzentrationslager verschleppt. 1.406 Gottes- und Gemeindehäuser werden zerstört, mehrere Tausend Geschäfte verwüstet. Mit dem Novemberpogrom, der als Reaktion auf die Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs Ernst vom Rath in Paris dargestellt wird, geht das NS-Regime von der Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung zur systematischen Verfolgung über. Sie mündet später im Holocaust.

Begriffsklärung

Die Begriffe Reichspogromnacht, Pogromnacht oder auch Novemberpogrom haben sich erst in jüngster Zeit verbreitet und im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt, um das belastete Wort "Reichskristallnacht" zu ersetzen.

Die verharmlosende Bezeichnung "Reichskristallnacht", deren Herkunft nicht definitiv geklärt ist, bildete sich für den reichsweiten Pogrom (gewalttätige Aktion gegen Menschen, die einer Minderheit angehören) gegen die Juden im Deutschen Reich, der am 9./10. November 1938 stattfand.

'Kristallnacht'' bezieht sich auf die überall verstreuten Glasscherben vor den zerstörten Wohnungen, Läden und Büros, Synagogen und öffentlichen jüdischen Einrichtungen.

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung BW

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.11.2020 | 21:45 Uhr

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