Stand: 16.09.2008 14:36 Uhr

NS-Wahlkampf und Machtübernahme im Norden

Aufmarsch der SA mit Adolf Hitler in Braunschweig 1933.

Oktober 1931 in Braunschweig: Vor dem Residenzschloss marschieren 100.000 Männer der Sturmabteilung (SA) in braunen Uniformen an ihrem Parteiführer Adolf Hitler vorbei. Aus dem ganzen Reich hatte dieser seine paramilitärischen Verbände in die Stadt beordert - eine gewaltige Demonstration der Macht. Und es war ein Ereignis für die Braunschweiger Bürger wie den jungen August Roloff: "Ich hab so 30 Meter Hitler gegenüber gestanden, aber natürlich überhaupt nicht gewusst, was da passiert, wer Hitler ist", erinnert sich der damals Fünfjährige. "Das ganze Spektakel, dieser militärische Aufmarsch, dauerte immerhin fast sieben Stunden. Das ist so eine Erinnerung, die als Stimmung lange nachschwang."

Auch der Vater von Roloff schaute zu. Er kannte jedoch die Braunhemden. Der erzkonservative Professor hatte den Nazis die Tür zur Macht geöffnet. Als Abgeordneter der rechten Deutschnationalen Volkspartei im Braunschweigschen Landtag hatte er eine Koalition eingefädelt, in der sich bürgerliche Parteien und NSDAP die Regierung teilen. Wenige Tage zuvor war der Zusammenschluss der nationalistischen Kräfte in Bad Harzburg besiegelt worden: Die selbsternannte "nationale Opposition" wollte die Demokratie stürzen.

Wahlerfolge der Nationalsozialisten

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1933: Fackelzug der nationalen Verbände am Brandenburger Tor.

Die Wahlergebnisse zu Beginn der 30er-Jahre zeigen, wie rasch die konservativen Wähler zur NSDAP wechselten. Vor allem im protestantischen, ländlich-kleinstädtischen Milieu kam die Nazi-Ideologie an. Außerdem hatte die Weltwirtschaftskrise die deutsche Wirtschaft stark geschädigt. Anfang des Jahres 1933 waren im Deutschen Reich fast acht Millionen Menschen arbeitslos. Damit waren auch die politischen Organisationen der Arbeiterschaft geschwächt.

In der preußischen Provinz Hannover, die in weiten Teilen dem heutigen Niedersachsen entspricht, lag die Wählerschaft der NSDAP schon in den 20er-Jahren teils weit über dem Reichsdurchschnitt. In Braunschweig trat die NSDAP 1930 in die Regierung ein. Hier wurde der Österreicher Adolf Hitler Anfang 1932 zum Regierungsrat ernannt und damit erst zum deutschen Staatsbürger. Auf diese Weise konnte er sich als Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl 1932 bewerben. Im gleichen Jahr übernahm die NSDAP auch in Oldenburg mit einer absoluten Mehrheit die Regierungsgewalt. Im April 1933 verkündete der führende Nazi Dietrich Klagges Braunschweig als erstes Land rein nationalsozialistisch.

Kämpfe zwischen den politischen Lagern nehmen zu

Damit besaßen die Nationalsozialisten die Hoheit über Schulen, Beamte und Polizei. Die SA konnte Straßenschlachten mit Linken Parteien und Verbänden provozieren. Das erlebte der junge Roloff als Augenzeuge: "Ich erinnere mich zum Beispiel, dass bei Wahlen Straßenkämpfe zwischen Sozialisten und Nationalsozialisten stattgefunden haben und die Schutzpolizei mit Lastwagen angefahren kam." Es sei eine Stimmung gewesen, fast wie im Bürgerkrieg, sagt er heute. Der Freistaat Braunschweig wurde zum Testfall für die Machtübernahme der Nazis im ganzen Reich. Dem Terror ausgeliefert waren Arbeiter, Linke und Gewerkschafter.

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Hamburg damals: Machtübernahme

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Am 30. Januar 1933 übernehmen in Deutschland die Nazis die Macht, Adolf Hitler wird Reichskanzler. In Hamburg kommt es zu Massendemonstrationen und Ausschreitungen. Video (03:29 min)

30. Januar 1933: Adolf Hitler wird Reichskanzler

Wie im gesamten Reich verhärteten sich auch in Norddeutschland die politischen Fronten. Wichtigster Ort der Auseinandersetzung war die Straße. Und die ist zu diesem Zeitpunkt schon fest in der Hand der brutalen SA, dem bewaffneten Arm der Nazis. Ihr Auftreten war martialisch: Mit ihren militärischen Formationen, den gebrüllten Kommandos, den Bannern und Fahnen bestimmten die Braunhemden mancherorts das Straßenbild. Vor allem seit dem 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Machtübernahme in Berlin.

Im mehr als 350 Kilometer entfernten Hannoversch Münden erfuhr auch der damals 13-jährige Heinz Hartung davon. Er erinnert sich noch gut an die Reaktionen der Nationalsozialisten: "Die sind an diesem Abend singend durch die Stadt marschiert, ich hab dann aus dem Fenster herausschauen können und hörte dann zum ersten Mal, wie es hieß ‚still gestanden!’. Dann brüllte der Standort-Mensch: 'Unserem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler ein dreifaches Sieg Heil!'. Da hab ich das zum ersten Mal gehört, das haben die nie zuvor gerufen."

Propaganda und Pogrome

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Bewaffnung angetretener SA-Männer 1933.

Im damals tief roten Hannoversch Münden löste der Triumph der Nazis große Unruhe aus, vor allem im Arbeiterviertel Hermannshagen. Dort marschierte die SA nun mit Verstärkung aus Göttingen und Kassel auf, erinnert sich Heinz Hartung: "Von da an ging es ziemlich rund, da hat sich einiges abgespielt an brutalen Übergriffen gegen Leute aus der Sozialdemokratie und aus dem kommunistischen Bereich." Besonders schlimm erging es den Gegnern der neuen Machthaber: "Die sind verhaftet worden, zum Teil gab es regelrechte Schläge im Rathaus, so dass die Putzfrauen anschließend Blutspuren wegwischen mussten. Da hat sich also einiges Böses abgespielt."

Auch in den Arbeitervierteln Hannovers provozierten die Nazis fast jeden Abend brutale Schlägereien mit den Sozialisten, erinnert sich die heute 95-jährige Emmi Baumgarte. Die Machtübernahme von Adolf Hitler war für sie ein ganz normaler Tag. Doch in den Wochen danach änderte sich alles: "Viele Arbeiter haben sie eingesperrt. Sie haben das erste KZ 1933 in Moringen, da wurden die SPD und KPD da hingebracht."

Obwohl die damals 20-Jährige in Bückeburg wohnte, bekam sie bei regelmäßigen Besuchen der Eltern viel mit. Und auch für sie wurde es nun immer gefährlicher. Emmi Baumgartes Verlobter reiste illegal aus Russland nach Deutschland ein, um gegen Hitler anzugehen. Die junge Frau versteckte ihren Liebsten und einen Freund von ihm. Sie wurde verraten und wenige Tage später verhaftet: "Ich wusste gar nicht wieso und warum." Für Emmi Baumgarte bedeutete das: Untersuchungshaft und eine zweijährige Gefängnisstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Auch ihr Verlobter wurde gefasst und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam erst durch die Alliierten wieder frei.

Der Anfang vom Ende

Weil sich die republikanischen Kräfte nicht einigen konnten, ebneten sie den Weg in den Untergang. Heute ist sich die 95-Jährige sicher: Hitler hätte verhindert werden können. "Aber die Arbeiterschaft war sich ja nicht einig. Leider Gottes. Die einen wollten Hott und die anderen wollten Hüh. Wenn sie an einem Strang gezogen hätten, wäre es vielleicht anders gekommen."

Auch in Norddeutschland überwogen bei weitem die Zustimmung und das Mitmachen. Die Nationalsozialisten hatten inzwischen alle entscheidenden politischen und gesellschaftlichen Bereiche unter ihre Kontrolle gebracht. Nur gelegentlich regte sich noch Widerstand, wie im kleinen Dörfchen Gillersheim bei Nordheim. Wenige Wochen nach der Machtergreifung war der überzeugte Sozialdemokrat Ernst Fahlbusch dabei, als NSDAP-Gegner auf dem Nordheimer Marktplatz aufmarschierten: 400 Menschen, Musiker und Spielleute. Mittendrin der damals 21-jährige Fahlbusch, ein arbeitsloser Maurer, mit der schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand: "Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir in der Stadt runtermarschiert sind. Und dann kam die SA mit 40, 50 Mann auf einem LKW, und dann versuchten die zu stören. Die Polizei hat uns dann abgeschoben, um Zusammenstöße zu vermeiden."

An den Stadtrand abgedrängt durften die Demonstranten ihre Protestreden halten, fernab jeder Öffentlichkeit, während SA-Leute ungehindert in der Stadt marschierten. In dem Moment wusste Fahlbusch, dass er und seine Leute verloren hatten. Der Aufmarsch war die letzte politische Versammlung der Nordheimer Sozialdemokraten für die nächsten zwölf Jahre.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Die Geschichte Norddeutschlands | 13.12.2005 | 22:15

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