Stand: 23.08.2019 16:18 Uhr

Von der friedlichen Revolution zur Einheit

Am späten Abend des 9. Novembers stürmen Menschen die Mauer, die 28 Jahre lang Ost- und Westberlin voneinander trennte.

"Nach meiner Kenntnis ist das ... sofort, unverzüglich" - mit diesen Worten zur neuen DDR-Reiseregelung läutet Politbüro-Sprecher Günther Schabowski am 9. November 1989 um 18.53 Uhr unfreiwillig das Ende der deutschen Teilung ein.

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Folgenreicher Auftritt im Fernsehen: Günter Schabowski verkündet die neue Reiseregelung - und schreibt damit unfreiwillig Geschichte.

Die Reiseregelung soll sowohl ständige Ausreisen als auch private Urlaubsreisen von DDR-Bürgern in den Westen ermöglichen - nach Antrag bei der Behörde und erst ab dem 10. November. Doch Schabowski ist unvorbereitet, verhaspelt sich, erklärt die Grenze für geöffnet, "ab sofort". Eine Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Kurz darauf versammeln sich bereits Tausende DDR-Bürger an den Berliner Grenzübergängen. Die überraschten Grenzer, die keine klaren Anweisungen haben, wie sie sich verhalten sollen, geben dem Druck der Massen schließlich nach und öffnen die Tore. Die Menschen stürmen in den Westen, Ost- und Westdeutsche liegen sich in den Armen, singen und feiern gemeinsam. Mauer und innerdeutsche Grenze sind gefallen.

Zeitzeugenbericht

1989: Genscher erlöst DDR-Bürger in Prag

Krankenschwester Annemagret John erinnert sich an den historischen Moment 1989 in der Prager Botschaft. mehr

Massenexodus: Ein Volk verlässt sein Land

Auch wenn die Grenzöffnung die Menschen in Ost und West an diesem historischen Abend gleichermaßen überrascht, ist sie eine logische Konsequenz der Ereignisse in den Wochen zuvor. Sie haben deutlich gemacht, dass das DDR-Regime politisch am Boden liegt. Ab August flüchten Tausende DDR-Bürger über die ungarische Grenze in den Westen, andere versammeln sich in den bundesdeutschen Botschaften von Prag und Warschau. Die DDR-Führung sieht sich schließlich gezwungen, die Botschaftsflüchtlinge in den Westen ausreisen zu lassen. Rund 4.000 Menschen sind es allein am 1. Oktober, doch schon wenige Tage später befinden sich in der Prager Botschaft erneut rund 7.000 Menschen.

"Wir sind das Volk!" - Hunderttausende gehen auf die Straße

Andere entscheiden sich bewusst dafür, in der DDR zu bleiben. Sie wollen das Land verändern. Sie schließen sich in Bürgerrechtsbewegungen wie dem Neuen Forum zusammen, fordern demokratische Reformen und Reisefreiheit. Jeden Montag versammeln sich die Menschen, um gemeinsam zu demonstrieren, zuerst in Leipzig, dann im ganzen Land. Schon bald sind es Tausende, dann Hunderttausende, die bei den sogenannten Montagsdemonstrationen auf die Straße gehen, sie rufen "Keine Gewalt!" und "Wir sind das Volk!"

Die friedliche Revolution

7. Oktober: Ein maroder Staat feiert sich selbst

Am 7. Oktober 1989 feiert die DDR ihren 40. Jahrestag. Während die SED im Palast der Republik mit der versammelten Politprominenz des Ostblocks, darunter auch Michail Gorbatschow, auf die Errungenschaften des Arbeiter- und Bauernstaates anstößt, versammeln sich draußen auf der Straße die Menschen. In Berlin rufen sie "Gorbi, hilf uns!" und "Freiheit!", in Rostock veranstalten sie einen Schweigemarsch - und bleiben der verordneten Jubelfeier mit Flottenparade fern.

Politische Wende? Krenz-Versprechen greift nicht mehr

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Ab September 1989 sind immer mehr Menschen in der DDR auf der Straße - erst in Leipzig, dann auch in vielen anderen Städten.

Die SED versucht, die Reißleine zu ziehen, drängt den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker aus dem Amt. Nach Honeckers Rücktritt am 18. Oktober kündigt sein Nachfolger, Egon Krenz, eine "politische Wende" an. Doch die Menschen in der DDR lassen sich nicht mehr mit Versprechungen abspeisen. Zehntausende reisen ab dem 1. November über die wieder geöffnete Grenze zur Tschechoslowakei in den Westen aus. In der DDR selbst trauen sich immer mehr unzufriedene Menschen auf die Straße. Allein am 4. November versammeln sich eine halbe Million Demonstranten am Berliner Alexanderplatz - die größte Demonstration in der Geschichte der DDR. Vier Tage später tritt das SED-Politbüro geschlossen zurück.

Zeitzeugenbericht

Die Trabi-Invasion

Als Horst Schwanke am 9. November 1989 durch Lübeck-Schlutup spaziert, steht er plötzlich inmitten eines hupenden Trabi-Konvois. mehr

Die Nacht des Mauerfalls: "Es war Glück pur"

Als Schabowski am Abend des 9. November die neue Reiseregelung ankündigt, ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Nach den Übergängen in Berlin werden um kurz nach Mitternacht auch die anderen Grenzübergänge zwischen DDR und Bundesrepublik geöffnet. NDR 2 Reporter Andreas Hilmer, der die Grenzöffnung am Übergang Marienborn bei Helmstedt verfolgt, erinnert sich: "Es war Glück pur. Die Leute haben geweint. Man merkte, hier passiert etwas Historisches. Wir haben nicht dran gedacht zu schlafen, wir wollten nicht schlafen, wir konnten nicht schlafen, die DDR-Bürger konnten es ja auch nicht."

Begrüßungsgeld schnell weg

Ähnliche Bilder bieten sich an den anderen Grenzübergängen im Norden: In Lübeck-Schlutup, Salzwedel und Lauenburg bilden sich kilometerlange Schlangen von Trabis, Ladas und Wartburgs. Überall liegen sich die Menschen in den Armen und feiern gemeinsam. Die nächsten Tage reißt der Besucherstrom nicht ab. Die Reichsbahn setzt spontan Sonderzüge ein, viele Geschäfte in Helmstedt und anderswo öffnen rund um die Uhr. Jeder Besucher aus der DDR erhält 100 Mark Begrüßungsgeld. Doch bald ist kein Geld mehr vorrätig, die Norddeutsche Landesbank muss neues heranschaffen.

Aus dem Ruf nach Freiheit wird der Ruf nach Einheit

Auch politisch überschlagen sich nach der Grenzöffnung die Ereignisse. Unter dem neuen Ministerpräsidenten Hans Modrow wird eine neue Regierung gebildet, die umfassende Reformen ankündigt. Ein Runder Tisch, der die Regierung mit der Opposition zusammenbringt, wird eingerichtet. Zugleich wird bei den Menschen die Forderung nach der Wiedervereinigung immer lauter. Auf den Montagsdemonstrationen heißt es jetzt "Wir sind ein Volk!" und "Deutschland einig Vaterland". Bundeskanzler Helmut Kohl ergreift die historische Chance und legt ein Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Wiedervereinigung vor.

3. Oktober 1990: Deutschland ist wiedervereinigt

Wie schnell es dann gehen würde, ahnt zu dieser Zeit wohl niemand. Kohl erreicht die Zustimmung der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zur Wiedervereinigung. Die erste und letzte freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 ist bestimmt vom Wunsch der Mehrheit der Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung. Am 1. Juli tritt der Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion beider deutscher Staaten in Kraft. Damit wird die D-Mark alleiniges Zahlungsmittel in der DDR. Am 3. Oktober tritt die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. 327 Tage nach dem Mauerfall ist Deutschland wiedervereinigt.

Tausende Menschen feiern 1990 vor dem Brandenburger Tor in Berlin die deutsche Einheit. © dpa

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 3. Oktober 1990 wird die deutsche Einheit besiegelt. Die DDR tritt der Bundesrepublik Deutschland bei. Nicht alle sind davon begeistert.

Warum der 3. Oktober?

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Es war der frühest mögliche Termin für den Beitritt - einen Tag nach einer Konferenz der KSZE-Außenminister. Sie sollten vorab über den Zusammenschluss Deutschlands informiert werden. Der Einigungsvertrag legt den 3. Oktober als gesetzlichen Feiertag fest.

Als Tag der Deutschen Einheit war auch das Datum des Mauerfalls, der 9. November, im Gespräch. Allerdings wird an diesem Tag bereits an die Reichspogromnacht von 1938 erinnert.

Dossier

Der Tag, an dem die Mauer fiel

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 06.10.2019 | 19:30 Uhr

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