Sendedatum: 16.02.2009 19:30 Uhr

Hotel Neptun - Stasi-Hotel am Ostseestrand

von Nils Zurawski
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Warnemünde war ein beliebter Ferienort und das Ziel vieler FDBG-Sommergäste.

Wendesommer 1989. Der Strand von Warnemünde. Wie überall an der Ostseeküste der DDR herrscht Ferienstimmung. Wie jedes Jahr. Vielleicht ein wenig angespannter in diesem speziellen Sommer. Noch aber machen die Menschen Ferien am Ostseestrand - einige von ihnen auch im Hotel Neptun.

Das Ostseebad Warnemünde ist ein beliebter Ferienort im Arbeiter- und Bauernstaat, das Ziel vieler FDGB-Sommergäste. Die meisten verbringen ihren Urlaub in den Ferienheimen der Gewerkschaft entlang der Küste. Einige können sogar Urlaub im Hotel Neptun machen - eine der berühmtesten Luxus-Herbergen der DDR mit einer sehr speziellen und illustren Geschichte von ihrer Eröffnung 1971 bis heute, 20 Jahre nach der Wende. Zu dieser Geschichte gehört, dass das Haus im Volksmund "Stasi-Hotel" genannt wurde und eng mit dem Geheimdienst der DDR und seinen Machenschaften verbunden ist - vor allem, aber nicht nur, wenn es um das Aushorchen von West-Gästen ging.

Eine Luxus-Herberge inmitten von DDR-Tristesse

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Im Luxus-Hotel Neptun waren sowohl West-Urlauber als auch DDR-Gäste untergebracht.

Diese waren zu DDR-Zeiten die bevorzugte Kundschaft des Hotels und kamen gern. Die Liste der Urlauber aus dem Westen, vor allem aus West-Deutschland, führt Namen wie Uwe Barschel, Björn Engholm, Willy Lemke und Rudi Assauer. Auch Friederike Pohlmann machte in den 1980er-Jahren einen preiswerten Luxus-Urlaub in der DDR - als West-Gast zusammen mit DDR-Bürgern, die dort nicht wie an anderen Orten voneinander getrennt wurden. 2006, gut 20 Jahre später, hat sie gemeinsam mit Wolfram Bortfeldt für den NDR einen Film über die Geschichte des Hotels gedreht - "Hotel der Spione - Das Neptun in Warnemünde" - und ist dabei auf so manche Ungereimtheit gestoßen.

Damals in den 80ern, sagt Pohlmann heute, hatte sie einen positiven Eindruck vom Neptun, obwohl die Umgebung sehr heruntergekommen war. Das Ferien-Domizil war eine Insel des Luxus inmitten der DDR-Tristesse, bis hin zur legendären Sky-Bar im obersten Stockwerk. Die Bedeutung des Hauses ist eng mit dem Ost-West-Handel verbunden - und deshalb auch mit Ost-West-Kontakten. Das erklärt zumindest teilweise das besondere Interesse der Stasi an diesem Objekt.

Undurchsichtige Verhältnisse von Anfang an

Begonnen hatte die Geschichte des Neptun mit der Idee von einem Luxus-Hotel in der DDR. Klaus Wenzel wollte eine Nobelherberge, wie es sie in der DDR noch nicht gab. Zu dem Zeitpunkt war er noch Direktor des Interhotels Warnow in Rostock, wohin auch Lotte und Walter Ulbricht regelmäßig zur Erholung kamen. Seine Karriere hatte er als Chef-Steward auf der MS "Völkerfreundschaft" begonnen, später war er in der Handelsorganisation (HO) für die Technik und Rekonstruktion alter Hotels zuständig. Seine Top-Verbindungen zur Staatsführung und zur Stasi dürften auch aus diesen Tätigkeiten herrühren.

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Das Hotel - im Vordergrund sein Direktor Klaus Wenzel - wurde von der Stasi unterstützt und arbeitete eng mit ihr zusammen.

Unterstützt von Walter Ulbricht und Harry Tisch, damals SED-Bezirkssekretär in Rostock, wurde ab 1969 an der Warnemünder Promenade ein Betonklotz mit 750 Betten gebaut. Im Juni 1971 kamen die ersten Gäste. Dabei waren die Verhältnisse und der Weg zum Top-Hotel nicht so klar, wie sein Begründer und späterer Direktor Wenzel gegenüber Journalisten gern glauben machte. Die Autoren des Films stellten bei ihrer Arbeit an der Dokumentation fest, dass die Entstehungsgeschichte vielfach geprägt war von Machtkämpfen verschiedener Personen und Gruppen im DDR-Machtapparat. Das beschreibt Friederike Pohlmann auch in ihrem 2009 erschienenen Buch zum Hotel Neptun.

Unterstützung von Stasi und Koko

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Sonne, Sand und Meer lockten jedes Jahr auch zahlreiche West-Touristen nach Warnemünde.

Die Stasi und der Bereich "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) unter Alexander Schalck-Golodkowski waren von Anfang an große Unterstützer des Hotels und seines Direktors Wenzel. Ohne deren Hilfe, so Friederike Pohlmann, hätte das Neptun in dieser Form seinen Platz an der Ostseeküste nie gefunden. Allein schon, dass das Haus nicht zur Interhotel-Kette gehörte, sondern offiziell zur Handelsorganisation (HO) und tatsächlich zur KoKo, zeigt den besonderen Einfluss von dem Geheimdienst nahestehenden Kreisen auf das Hotel. Die Rolle, die die Luxus-Bleibe im Zusammenhang mit dem internationalen Waffenhandel oder den Verflechtungen der KoKo-Firmen insgesamt gespielt hat, ist bislang nicht enträtselt. Auch der KoKo-Untersuchungsausschuss des Bundestages konnte diese Frage nicht klären.

"Ganz normale Arbeit von Sicherheitsdiensten in Hotels"

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Der Direktor und die Führungsriege blieben dem Hotel auch nach der Wende treu.

Der ehemalige Direktor Klaus Wenzel beschreibt in der NDR Dokumentation die Zusammenarbeit mit der Stasi als normal und unausweichlich. Etwas, dass er notwendigerweise dulden musste. Er habe quasi dienstlich für die Stasi gearbeitet, wird er im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses "KoKo" zitiert. Friederike Pohlmann hält allerdings Wenzels Aussage, dass die Bespitzelung von Gästen "die ganz normale Arbeit von Sicherheitsdiensten in Hotels auf der ganzen Welt" sei, für skandalös. Und die Verflechtungen des Hauses, seiner Führungsriege und der Stasi sind bis heute nur in Ansätzen aufgearbeitet - Buch und Film sind die bisher umfangreichsten Arbeiten zu diesem Thema.

Die Recherchen der beiden Journalisten haben genügend Hinweise zutage befördert, dass die Zusammenarbeit mit der Stasi in vielen Bereichen sehr eng und institutionalisiert war. So wurden bestimmte, vor allem ausländische Gäste in ihren Zimmern überwacht und ausspioniert, viele der Hotelangestellten waren IMs der Stasi, und die Verflechtungen mit der KoKo können als existenziell für das Hotel beschrieben werden - nicht nur, wenn es um die Versorgung mit exotischen Südfrüchten ging.

Kontinuität als Erfolgsrezept

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Was sich wirklich im "Neptun" über die Jahre abgespielt hat, blieb bisher in

Einer der Gründe für den Erfolg des Neptun dürfte in der Person seines Erfinders und langjährigen Direktors liegen. Klaus Wenzel leitete vom Anfang im Jahr 1971 bis 2007 das Hotel - er blieb über die Wendezeit hinaus im Amt, wie auch fast sein gesamtes Führungsteam. Politische Veränderungen und auch neue Besitzer hatten lange keinen Einfluss auf ihre Posten. Denn die ersten Besitzer nach der Wende waren so neu dann auch gar nicht - vielmehr handelte es sich um Firmen, die auch vorher schon Partner der HO und der KoKo gewesen sind.

Heute gehört das Hotel zur Deutschen Seereederei, früher VEB, die von einer Hamburger Investorengruppe betrieben wird. Die Kontinuität der Führungsmannschaft bis weit nach der Wende ist trotz allem eines der ungeklärten Rätsel der schicken Absteige.

Pohlmann bezeichnet Wenzel als die Besonderheit des Hotels. Sie beschreibt den umtriebigen Direktor als eine schillernde Figur, als einen Unternehmer voller Ideen und Initiativen, der Leute überzeugen und motivieren konnte und der den Sozialismus für gerechter als den Kapitalismus hielt. Und er war offensichtlich auch jemand, der sich vor seine Leute gestellt hat, die ihm gegenüber bis zum Schluss sehr loyal waren. Dass er durchaus auch andere Seiten hatte, erfuhr der NDR Journalist Hans-Jürgen Börner, damals Korrespondent in der DDR, bereits 1988, als ihm Wenzel den Eintritt in die Sky Bar des Hotels verwehrte. Zuerst freundlich mit Hinweis auf seine "Nietenhosen" (Jeans), so Börner: "Da ich mich nicht einsichtig zeigte, änderte sich der Ton, und Wenzel beendete die Diskussion mit den Worten: 'Wir können auch anders!'"

"Kartell des Schweigens"

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Wie die Verhältnisse im "Neptun" zu DDR-Zeiten waren, konnte nie völlig aufgeklärt werden.

Versuche, über die Hintergründe und Innenansichten des Neptun zu berichten, waren schon immer schwierig. Kurz nach der Wende scheiterten Recherchen von Journalisten des "Spiegel" daran, dass niemand mit ihnen über die vielen Informationen und Hinweise reden wollte, die sie gefunden hatten. Und auch heute noch, 20 Jahre nach der Wende, ist es schwierig, jemanden zu finden, der über das Neptun und seine Verbindungen zur Stasi Auskunft geben will.

Nach Aussagen vieler ehemaliger Hotelmitarbeiter, so berichtet Friederike Pohlmann von ihren eigenen Recherchen, würden ihnen Nachteile drohen, wenn sie über ihre frühere Arbeit reden. Das ginge soweit, dass sie nicht einmal bereit wären, positive Erinnerungen zu erzählen. Ein Mitarbeiter, der bereits in Rente sei, habe sich bei seinem früheren Chef im Hotel erkundigt, und dieser hätte ihm abgeraten, mit ihr zu reden.

Ein anderer ehemaliger Angestellter, der für das Abhören von Telefonen zuständig war, sagte, er bekomme "Probleme", wenn er über das Thema mit Journalisten sprechen würde. Wie viel Macht die Ex-Kader tatsächlich noch haben, ist unklar, doch offensichtlich reicht sie aus, um ehemaligen Kollegen den Mund zu verbieten, gibt Pohlmann zu bedenken. Auf einer Veranstaltung der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern im Juni 2009 sprachen Anwesende von einem "Kartell des Schweigens", welches dafür sorgen würde, dass die Geheimnisse rund um das Stasi-Hotel Neptun gewahrt blieben.

Dabei, so sind sich Hans-Jürgen Börner und Friederike Pohlmann einig und sicher, gäbe es noch genug Stoff, der aufgearbeitet werden müsste. Der eigentliche Skandal des Neptun sei nicht, dass die Stasi die West-Gäste bespitzelt hätte - das war eine Schweinerei, so Börner. Den eigentlichen Skandal sehen die Journalisten darin, dass 20 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR jede Diskussion und Aufklärung der verschwiegenen und dubiosen Verhältnisse des Hotels, seiner Entstehung und seiner Rolle in der DDR offenbar immer noch schwierig sei - wenn auch inzwischen nicht mehr unmöglich. 

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 16.02.2009 | 19:30 Uhr

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