Stand: 27.10.2019 06:34 Uhr  - Hamburg Journal

Hamburg damals: Luftpirat landet in Fuhlsbüttel

Eine Maschine der EgyptAir ist entführt worden - das Ziel lautet Hamburg: Diese Nachricht sorgt am 19. Oktober 1999 am Flughafen in Fuhlsbüttel für Alarmstimmung. Der Luftpirat hält die Sicherheitskräfte in Atem, denn er hat Geiseln in seiner Gewalt. Polizei, Feuerwehr, MEK und das Kriseninterventionsteam des DRK versammeln sich am Flughafen. Für alle ist es eine völlig neue Situation. Ein Rückblick 20 Jahre danach.

Wie ein Luftpirat Hamburg in Aufregung versetzte

Hamburg Journal -

Am 19. Oktober 1999 wurde Hamburg erstmals Ziel einer Flugzeugentführung. Die Geiselnahme endete unblutig. Harald Krüger, damaliger Einsatzleiter des Roten Kreuzes, erinnert sich.

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Als die Boeing 737 am Abend landet, herrscht auf dem Flughafen Fuhlsbüttel höchste Alarmstufe. Die Polizei sperrt den Flughafen ab. In der Maschine der EgyptAir befinden sich ein Luftpirat mit 53 Geiseln. Das Flugzeug war in Istanbul mit dem Ziel Kairo gestartet und der Entführer hatte nach einem vierstündigen Irrflug die Landung in Hamburg erzwungen. Mehr als 500 Einsatzkräfte sind vor Ort, auch das neue Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes.

Große Aufregung und viele Fragen

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Die entführte Boeing 737 der EgypAir war auf dem Weg von Istanbul nach Kairo. Schließlich landete das Flugzeug in Hamburg-Fuhlsbüttel.

Harald Krüger, der damalige Leiter des Kriseninterventionsteams, erinnert sich: "Das war schon eine Herausforderung, mit neuen Kollegen, die sich alle noch nicht so richtig gut kannten, so etwas zu managen." Man habe sich in der Aufregung gefragt: "Was kommt da auf uns zu? Sind wir dem gewachsen? Wie viele Menschen sind da?", sagt Krüger. Sobald die Geiseln frei kommen, soll sein Team sie psychologisch betreuen. Die Verhandlungsgruppe der Polizei spricht über Funk mit dem Entführer, der Asyl fordert. Er bekommt die Zusage und seilt sich aus dem Cockpit ab.

Keine Verletzten

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Polizisten suchen neben dem Rollfeld nach dem Messer, mit dem der Entführer die Piloten bedroht hatte.

"Meine Damen und Herren, ich kann Ihnen sagen: das Mobile Einsatzkommando der Polizei hat auf dem Vorfeld in der Nähe der Maschine eine Person festgenommen. Wir gehen davon aus, dass es sich um den Geiselnehmer handelt. Die Passagiere werden gleich von Bord gehen, es gibt keine Verletzten", sagte Hans-Jürgen Petersen von der Polizei damals. Eine halbe Stunde nach der Landung ist die Entführung beendet. Gleich nach dem Start hatte der Ägypter das Cockpit gestürmt, vermutlich mit einem Messer. Er drohte alle umzubringen. Der 31-Jährige sollte aus der Türkei nach Ägypten abgeschoben werden.

"Tatplan nicht umgesetzt"

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Mehr als 500 Einsatzkräfte rücken an. Unter ihnen das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes.

"Er hat der Besatzung mitgeteilt, dass es ihm darum gehe, Asyl in Deutschland zu bekommen. Deswegen wolle er nach Hamburg und wenn er Asyl bekomme, dann werde er auch die Geiseln freilassen", sagte damals Wolfgang Sielaff, Landespolizei-Inspekteur. "Dann hat er diesen Tatplan aber nicht umgesetzt, sondern hat das Flugzeug verlassen, er ist also offensichtlich rausgesprungen, befand sich auf dem Flugfeld. Ob er flüchten wollte, kann ich nicht sagen", sagte damals Hans-Joachim Dittrich, Einsatzleiter. Während Spezialisten der Kripo die Maschine inspizieren, werden die Passagiere und die Besatzungsmitglieder ins Flughafengebäude gebracht.

Flugverkehr eingestellt

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Eine halbe Stunde nach der Landung stellt sich der Entführer der Polizei.

Wegen der Entführung ist der Flugverkehr eingestellt. Es gibt erhebliche Verspätungen, Flüge fallen aus. Harald Krüger und sein Kriseninterventionsteam vom DRK kümmern sich um Angehörige und Opfer. "Die sind nach meinem Eindruck sehr gefasst gewsen, sehr ruhig gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Crew an Bord sehr um die Menschen gekümmert hat. Die hat dafür gesorgt, dass da nichts eskaliert. Und vermutlich hatten die auch ganz viel Vertrauen in die Hamburger Polizei", sagt Harald Krüger. Gegen den Entführer wird Haftbefehl erlassen. Bei der Vernehmung kommt die Kripo aber nicht weiter. "Die Beamten haben ihn angesprochen, haben versucht, die Motive offen zu legen. Er hat sinngemäß gesagt: Ich mag Deutschland, ich wollte nach Deutschland, ich mag Steffi Graf. Unter dem Strich kann ich sagen, er machte einen Eindruck eines geistig Verwirrten."

Sechs Jahre Haft für Entführer

Die Nacht verbringen die Passagiere, hauptsächlich Türken und Ägypter, in einem Hotel. Dabei wollte der Entführer zunächst gar nicht in Hamburg landen. "Er wollte auf den Flughafen London-Heathrow, aber wir konnten ihn nach zwei Stunden überzeugen, dass es besser sei, auf dem europäischen Festland zu landen, weil wir kaum noch Treibstoff hatten", sagte Pilot Hazem el Abedi. Das Messer, mit dem der Mann die Passagiere bedroht haben soll, wurde nie gefunden. "Das ist ein Ereignis, das man nicht so häufig erlebt und das ist für mich bislang auch einmalig gewesen, ein solcher Einsatz und ich hoffe, das bleibt auch so", sagt Harald Krüger. Nur 18 Stunden nach Ende der Entführung hebt die Maschine wieder ab - mit dem Ziel Kairo. Der Entführer bleibt in Hamburg. Er wird zu sechs Jahren Haft verurteilt.

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Jeden Sonntag blickt das Hamburg Journal in die Vergangenheit. Die spannendsten Filme aus unserer Geschichts-Reihe finden Sie hier. Viel Spaß beim Eintauchen in vergangene Zeiten! mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.10.2019 | 19:30 Uhr

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