Stand: 20.09.2019 09:13 Uhr

Marode und zu niedrig: 45 Jahre Köhlbrandbrücke

von Janine Kühl, NDR.de
Ewig wird es die Köhlbrandbrücke, eines der Wahrzeichen Hamburgs, nicht mehr geben - bis 2030 soll der Ersatz für die baufällige Schrägseilbrücke stehen.

Die Köhlbrandbrücke gilt als eines der Wahrzeichen Hamburgs. Seit 45 Jahren ist die imposante Stahlkonstruktion Verkehrsachse zwischen der Elbinsel Wilhelmsburg und der A7. Inzwischen ist klar, dass das marode Bauwerk ersetzt werden muss. Derzeit wird diskutiert, ob eine neue Brücke oder ein Tunnel gebaut werden soll. Die Zeit drängt: Spätestens ab 2030 wird es zu teuer, die alte Brücke instand zu halten.

"Die schönste Flussbrücke Europas" oder "Golden Gate von Hamburg": Als die Köhlbrandbrücke am 20. September 1974 eingeweiht wird, ist die Euphorie groß. Nach vierjähriger Bauzeit verbindet die 3.618 Meter lange Schrägseilbrücke den Stadtteil Steinwerder auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg mit Waltershof an der Autobahn 7.

Bundespräsident Walter Scheel eröffnet Bauwerk

Drei Tage lang haben die Hamburger Zeit, die neue Brücke zu Fuß zu überqueren. Danach soll sie den Autos und Lkw gehören, denn einen Fußweg gibt es nicht. Nachdem Bundespräsident Walter Scheel die Brücke offiziell eröffnet hat, gibt es kein Halten mehr. Der Andrang ist riesig: Mit 600.000 Menschen, die das elegante Bauwerk auf drei Tage verteilt mehr stürmen als begehen, haben die Veranstalter nicht gerechnet. Deswegen sind auch die 100.000 Erinnerungsmedaillen schnell vergriffen, was zu kleineren Tumulten führt.

Die Köhlbrandbrücke: Verkehrsader und Wahrzeichen

Ein "Triumphbogen" für 160 Millionen Mark

Sechs Jahre zuvor hatte der Hamburger Senat den Bau einer Brücke über den 325 Meter breiten Köhlbrand, einen Nebenarm der Süderelbe, beschlossen. Die Querung soll das östliche mit dem westlichen Hafengebiet verbinden. Aus den ursprünglich geplanten zwei Jahren Bauzeit und Kosten von 120 Millionen Mark werden vier Jahre und 160 Millionen Mark. Für den "Triumphbogen für Hamburgs Hafen" - so damals die Lokalpresse - muss der kleine Stadtteil Neuhof weichen. 300 Familien müssen ihre Heimat am Köhlbrand verlassen.

Die Hamburger Köhlbrandbrücke im Abendlicht

45 Jahre Hamburger Köhlbrandbrücke

Hamburg Journal -

Sie ist ein Wahrzeichen des Hamburger Hafens: die Köhlbrandbrücke. 1974 feierten Hunderttausende ihre Einweihung - kurze Zeit später musste ein ganzer Stadtteil weichen.

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Elegant und schwebend: "Europas schönste Brücke"

Federführend bei der Planung der Schrägseilbrücke sind der Architekt Egon Jux und der Bauingenieur Paul Boué. 88 Stahlseile verbinden den Brückenkasten mit den beiden 135 Meter hohen Pylonen. Das sanft ansteigende Bauwerk erweckt den Eindruck, als schwebe es über dem Hafen, bevor es in einer engen Schleife wieder zur Erde gleitet. Die Menschen schwärmen von der eleganten Silhouette der Köhlbrandbrücke, die 1975 den Europäischen Stahlbaupreis für die "schönste Brücke des Kontinents" erhält.

1978: Stahlseile müssen ausgetauscht werden

Doch bereits vier Jahre nach der Eröffnung bekommt das viel gelobte Bauwerk erste Kratzer. 1978 und 1979 müssen sämtliche Stahlseile ausgetauscht werden - sie sind schlicht von zu viel Rost befallen. Der Nutzen für den Hafenverkehr ist indes unbestritten: Auf vier Spuren befördern immer mehr Lkw Waren zwischen den Hafen-Terminals, in Richtung Autobahn oder auf die Schiene.

Die Köhlbrandbrücke in Zahlen

Bauzeit: 1970 – 1974
Länge: 3.618 Meter
Durchfahrtshöhe: 53 Meter bei mittlerem Tidehochwasser
Material: 81.000 Kubikmeter Beton, 12.700 Tonnen Stahl
Stützen: 75 Pfeiler, 2 Pylonen, 88 Tragseile
Nutzung: 38.000 Fahrzeuge täglich

Schwimmkran reißt Loch in Brücke

Am 20. Februar 1998 ereignet sich ein schwerer Unfall: Der niederländische Schwimmkran "Rotterdam" rammt versehentlich die Brücke und reißt ein großes Loch in den Brückenkasten. Zwar ist die Stabilität des Bauwerks nicht gefährdet. Doch die wochenlangen Reparaturarbeiten führen zu einem Verkehrschaos, da die Brücke während dieser Zeit nicht befahren werden kann.

25 Jahre: Ein Wahrzeichen feiert Jubiläum

1999 feiert die Stadt das 25-jährige Bestehen der zweitlängsten Straßenbrücke Deutschlands. Sie werde "ganz sicher eine Sehenswürdigkeit von Hamburg werden", hatte Bundespräsident Scheel bei der Eröffnung gesagt. Tatsächlich hat sich die eindrucksvolle Brücke zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt, das die Veranstalter von großen Sportereignissen gern in ihre Streckenführung einbeziehen. Im Gegensatz zur Einweihung ist der Andrang auf das Bauwerk zum 25. Geburtstag allerdings kleiner als gedacht: Lediglich 100.000 Besucher kommen zu den Feierlichkeiten und genießen den Blick über Hafen und Hansestadt, der sonst den Kraftfahrern vorbehalten ist.

Studie zeigt: Neubau unvermeidlich

Zehntausende Fahrzeuge überqueren täglich die Köhlbrandbrücke. Deswegen werden regelmäßig Reparatur- und Erhaltungsarbeiten durchgeführt. Eine Untersuchung der Technischen Universität Hamburg-Harburg aus dem Jahr 2008 aber zeigt: Wenn weiterhin im bestehenden Rhythmus Instandsetzungsmaßnahmen durchgeführt werden, wird sich die Unterhaltung der Brücke nur noch bis etwa 2030 rechnen. Danach würde ein Neubau - unabhängig von der weiterhin gegebenen Tragfähigkeit und Verkehrssicherheit - wirtschaftlicher sein.  

Überholverbot soll Belastung verringern

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Bei Bauarbeiten auf der Köhlbrandbrücke kommt es zu erheblichen Staus. Wegen der baulichen Mängel finden diese Instandsetzungsmaßnahmen regelmäßig statt.

2011 stellt sich heraus, dass der Verkehr die Brücke viel stärker belastet als angenommen. Die Hamburg Port Authority (HPA) baut eine Waage in die Fahrbahn ein und kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Täglich überqueren 36.000 Fahrzeuge den Köhlbrand, davon etwa ein Drittel Lkw. Diese sind inzwischen größer und schwerer als in den Berechnungen aus den 1970er-Jahren angenommen. Als Konsequenz daraus gilt seit 2012 ein Überholverbot für Lkw, um extreme Belastungen zu vermeiden.

2012: Scholz verkündet Abriss und Neubau

Im Juni 2012 gibt Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz bekannt, dass die Köhlbrandbrücke abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll. Viele Hamburger äußern sich bestürzt und traurig. Zu diesem Zeitpunkt geht der Senat von 20 Jahren Restlebenszeit für die Brücke aus. Zunächst findet ab März 2014 eine umfangreiche Grundinstandsetzung des Bauwerks statt. Parallel führt die Hafenverwaltung eine umfassende Bewertung der Brücke durch, um die Restlebensdauer besser einschätzen zu können.

Durchfahrtshöhe zu niedrig für Container-Riesen

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Die Köhlbrandbrücke ist mit einer durchschnittlichen Durchfahrtshöhe von 53 Metern zu niedrig für die neuen großen Container-Riesen.

Zur maroden Bausubstanz kommt ein weiteres Problem: Die Brücke ist zu niedrig. Containerschiffe der neuesten Generation können Hamburgs modernstes Terminal in Altenwerder nicht anfahren. 2017 beginnt die HPA mit ersten Planungen: Die neue Brücke soll eine Durchfahrtshöhe von mindestens 73,5 Metern haben und ab 2030 das alte Bauwerk ersetzen.

Ersatz für die Köhlbrandbrücke: Tunnel oder Brücke?

Mittlerweile zieht Hamburg auch den Bau eines Tunnels anstatt einer neuen Brücke in Erwägung. Neben der Wirtschaftsbehörde bevorzugen auch die Hafenwirtschaft und die Hafenverwaltung diese Alternative, die allerdings deutlich teurer werden würde. Außerdem geben die Spediteure zu bedenken, dass zehn bis 30 Prozent der Ladung Gefahrgut ist. Dieses darf bislang nicht durch Tunnel befördert werden.

In einem zweistöckigen Tunnel könnte eine Ebene für autonom fahrende Container-Taxis vorgesehen sein, auch eine Fahrradspur ist angedacht. Ob Tunnel oder Brücke - die Stadt rechnet mit Kosten von rund einer Milliarde Euro. Gespräche mit dem Bund über eine Beteiligung an den Ausgaben laufen. Wirtschaftsverbände pochen auf eine schnelle Entscheidung, damit die neue Querung noch bis 2030 fertig werden kann.

Videos
06:00
Rund um den Michel

Köhlbrandbrücke: Ein Wahrzeichen geht in Rente

Rund um den Michel

Die Köhlbrandbrücke ist eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen im Hafen. Langsam hinterlässt der starke Lkw-Verkehr seine Spuren und deshalb wird sie abgerissen. Video (06:00 min)

Abstandsgebot für Lkw seit 2019

Seit Anfang Januar 2019 müssen Lkw einen Abstand von 50 Metern zum nächsten Fahrzeug einhalten, um die Brücke zu entlasten. Diese Maßnahme führte anfangs zu langen Staus. Die Hafenverwaltung besserte nach. Sie passte die Ampelschaltung an und brachte Markierungen auf der Fahrbahn an, die den Fahrern das Einhalten des korrekten Abstands erleichtern sollen. Seitdem fließt der Verkehr mit täglich 38.000 Fahrzeugen auf der Köhlbrandbrücke wieder besser. Allerdings kommt es aufgrund von Wartungsarbeiten regelmäßig zu Behinderungen und zeitweisen Vollsperrungen.

Weitere Informationen
04:10
Hamburg Journal

Hamburg damals: Köhlbrandbrücke

Hamburg Journal

Ihre Eröffnung am 20. September 1974 war ein riesiges Spektakel. Bundespräsident Walter Scheel reiste aus Bonn an, um die neue Querung einzuweihen. Video (04:10 min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.09.2019 | 19:30 Uhr

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