Stand: 16.09.2008 14:36 Uhr  | Archiv

Gleichschaltung im Norden

Polizisten führen 1933 in Berlin eine Razzia gegen Kommunisten durch. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Die Nazis verfolgten ihre politischen Gegner - hier eine Razzia gegen Kommunisten 1933 in Berlin.

"Wenn ich mich zurückerinnere, die zentrale Erscheinung der Eltern waren die Ängste: Was wird werden, was wird mit uns, was wird mit diesem Land passieren?" Günter Wiemanns Eltern hatten kein gutes Gefühl, als sie von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 erfuhren. Sie wollten nichts mit den Nazis zu tun haben, doch ihre Ablehnung sollte bald gefährlich werden: Gleich nach der Machtübernahme wurde der Vater, ein kleiner Landgendarm im Freistaat Braunschweig, aus dem Staatsdienst entlassen. Er und seine Kollegen wurden durch SS-Leute ersetzt.

Nachdem sich das Parlament in Berlin durch das Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 selbst entmündigt hatte, folgten die Gleichschaltung aller Behörden, Institutionen und Organisationen und die Auflösung aller Parteien außer der NSDAP. In atemberaubendem Tempo gingen die Nationalsozialisten auch in Niedersachsen ans Werk, besetzten Zeitungsverlage und Gewerkschaftshäuser, terrorisierten politische Gegner oder nahmen sie in Haft. Niemand konnte mehr ein öffentliches Amt bekleiden, wenn er nicht Mitglied der Nazi-Partei war oder einer ihrer Organisationen beitrat. Wo sich Stadtobere nicht anpassten, wurden sie verhaftet und gewaltsam zum Rücktritt gezwungen, wie der Braunschweiger Oberbürgermeister Ernst Böhme. All das passierte schon im ersten Halbjahr 1933.

Das öffentliche Leben verändert sich

Der Machtanspruch der Nationalsozialisten beschränkte sich nicht nur auf die Politik, auch das alltägliche Leben sollte sich nach ihren Plänen richten. Der sogenannte Deutsche Gruß mit ausgestrecktem rechten Arm und den Worten "Heil Hitler" wurde bald zur gängigen Begrüßung, obwohl er nie gesetzlich vorgeschrieben war. Immer häufiger waren in norddeutschen Städten Aufmärsche von Uniformierten zu sehen.

Auch in Oldenburg veränderte sich das Straßenbild, bei jeder Gelegenheit mussten die Bewohner die Hakenkreuzfahne heraushängen, wie sich der damals 13-jährige Ummo Francksen erinnert: "Wer da nicht mitmachte, der fiel auf." Denn die Überwachung ging bis in die Wohnstuben. "Es gab die Blockwarte, die die einzelnen Wohngebiete betreuten. Und dann bekam man eine Rüge: Warum haben sie die Fahne nicht rausgehängt?". Denunziationen und Bespitzelungen von Nachbarn gehörten bald zur Tagesordnung. Nach zuverlässigen Schätzungen beruhten die Verhaftungen der Gestapo zu 80 Prozent auf Anzeigen aus allen Schichten der Bevölkerung.

Vereidigung ehemaliger Pfadfinder: Jungen stehen in Reih und Glied. Drei Mitglieder der Hitler-Jugend gehen mit einer Fahne an ihnen vorbei. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Ehemalige Pfadfinder werden in die HJ eingegliedert.

Die Menschen lebten unter ständiger Kontrolle. Jede gesellschaftliche Gruppe wurde erfasst und organisiert: Kinder kamen ins "Jungvolk", später streng nach Geschlecht getrennt in die "Hitlerjugend" oder den "Bund deutscher Mädels". Jeder Erwachsene musste ein halbes Jahr "Reichsarbeitsdienst" leisten, Studenten waren im "NS-Studentenbund", Lehrer im "NS-Lehrerbund". Man kam nur weiter, indem man sich anpasste und sich einer der zahlreichen Nazi-Organisationen anschloss.

Solche Kompromisse prägten ab 1933 auch das Leben des jungen Emsländers Josef Stecker. Um seinen Schulabschluss machen zu können, entschied er sich für den im Emsland gemäßigten Stahlhelm-Bund: "Es wussten schon alle, die damals in den Stahlhelm gingen, dass die nicht gerade eine braune Seele hatten. Und so bin ich da rein gegangen, sonst hätte ich nicht Abitur machen können. Es waren auch Leute nachher, die wurden zurückgestellt vom Abitur, wenn sie keiner nationalen Verbindung angehörten."

"Ab und zu verschwanden die Leute"

Nach dem Berliner Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 brach der bis dahin halbwegs gezügelte Terror von SA und SS gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Nazi-Gegner vollends los, sogar auf dem Land. In seinem Dorf im Kreis Diepholz erlebte der damals 13-jährige Fredy Hohnhorst, dass immer öfter Menschen verhaftet wurden. "Was damals schon aufgefallen ist: Ab und zu verschwanden die Leute aus der Gemeinde. Die waren auf einmal weg." Als ein Mann im Nachbardorf festgenommen worden war, hörte Fredy Hohnhorst von der Brutalität der neuen Machthaber. Nach einem halben Jahr Arbeitslager und schweren Misshandlungen kam der Mann völlig verändert zurück: "Da hat er gesagt, er will nicht darüber reden - aber wo er gewesen sei, da will er nicht wieder hin."

Der ehemalige Häftling im Konzentrations- und Strafgefangenenlager in Esterwegen, Hans Lauter (92), steht vor einer Gedenktafel auf dem ehemaligen Lagergelände. © picture-alliance/ dpa Foto: Ingo Wagner
Ein Überlebender in der Gedenkstätte KZ-Lager Esterwegen 2006.

Kritik war von Anfang an riskant. Die inzwischen gleichgeschalteten Zeitungen und der Rundfunk berichteten oft über Verhaftungen, um Gegner des NS-Regimes abzuschrecken. Von dem Konzentrationslager im Emsländischen Esterwegen haben wir schon 1933 gewusst, erinnert sich Willi Heumann aus Oldenburg. Die drei Emslandlager, in denen das berühmte Protestlied "Die Moorsoldaten" entstand, hatten binnen kürzester Zeit an die 4.000 Häftlinge. Die meisten von ihnen kamen aus der Arbeiterbewegung. Offene Ablehnung der NSDAP sei so gut wie unmöglich gewesen, wie fast überall in Deutschland: "Die Angst stand dahinter, die kam gleich mit."

Sehr viel besser erging es denjenigen, die sich mit den neuen Machthabern gut stellten. Profiteure waren die meist jungen Nationalsozialisten der ersten Stunde. Viele erkannten ihre Chance und schalteten Vorgesetze und Konkurrenten aus, um die eigene Stellung zu verbessern. Das musste auch der junge Fredy Hohnhorst erleben: "Es hatten viele plötzlich eine Macht, die früher einmal kleine Leute gewesen waren. Und die haben das ausgenutzt. Es war grausam."

Viel Verfolgung, wenig Widerstand

SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift 'Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden' an die Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäfts. © picture-alliance / dpa Foto: dpa
Boykott jüdischer Geschäfte im Dritten Reich.

Die Menschen lebten nun in einem totalitären Staat, in dem man nur durch Anpassung überleben konnte. Widerstand gegen die Bevormundung durch die Nationalsozialisten regte sich nur sehr selten. So erlebte auch Maria Möhlenkamp-Röttger ihre Kindheit auf einem Bauernhof im Emsland. Zwar kamen die jüdischen Viehhändler nicht mehr auf den Hof, aber die Bauern hatten ihre eigenen Probleme. Offene Auflehnung gegen Hitler kam ihnen nicht in den Sinn: "Wenn ich so an meine Kinderzeit denke, dann hab ich das Gefühl gehabt, ob die alle wohl wussten, was der wollte - und dann getan hat."

Am Morgen des 1. April 1933 zogen in ganz Deutschland uniformierte und zum Teil bewaffnete SA-Trupps vor jüdischen Geschäften auf. Auch in Norddeutschland standen nun Nazis mit Plakaten vor den Läden. "Kauft nicht bei Juden" war darauf zu lesen. Zum Teil brutale Übergriffe der SA, Boykottmaßnahmen, Plünderungen und Schikanen mussten jüdische Händler und Gewerbetreibende schon in der Weimarer Republik über sich ergehen lassen. Doch nun wurde aus staatlich geduldeter Gewalt erstmals staatlich organisierter Terror. Von den etwa 15.000 Juden, die zu Beginn der 30er-Jahre in dem Gebiet Niedersachsens lebten, kamen nur die wenigsten mit dem Leben davon.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.01.2013 | 19:30 Uhr

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