Stand: 14.04.2015 16:42 Uhr  | Archiv

Ein Massenmörder versetzt Hannover in Aufruhr

von Levke Heed, NDR.de
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Fritz Haarmann war der Polizei bereits wegen Kleinkriminalität und sexuellem Missbrauch von Kindern bekannt.

Eine Stadt hält den Atem an: Im Frühjahr 1924 entdecken Kinder in Hannover beim Spielen am Fluss Leine einen menschlichen Schädel. In den Tagen darauf werden weitere gefunden. 500 Leichenteile von mindestens 22 Personen sind es schließlich. Die Menschen in der Stadt sind schockiert. Was steckt hinter diesen grausigen Funden? Die Untersuchungen ergeben, dass die Schädel alle von jungen Männern stammen. Handelt es sich möglicherweise um einen homosexuellen Serientäter?

Zahlreiche junge Männer vermisst

Seit 1918 hatte die Polizei in Hannover immer wieder Vermisstenmeldungen von besorgten Eltern aufgenommen, deren Söhne verschwunden waren. In den Wirren der Nachkriegszeit ist der Bahnhof von Hannover Sammelbecken für Heimatlose, Hehler und Prostituierte. Hier gerät Fritz Haarmann 1918 in das Visier der Ermittler. Er ist kein Unbekannter: Geboren am 25. Oktober 1879 in Hannover, wird Friedrich "Fritz" Heinrich Karl Haarmann bereits in jungen Jahren wegen "Unzucht an Knaben" angeklagt. Immer wieder hat er mit psychischen Problemen zu kämpfen und wird daraufhin aus dem Militärdienst entlassen. Wegen Kleinkriminalität und sexuellem Missbrauch von Kindern landet er mehrfach im Gefängnis.

Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung finden die Beamten keine Beweise. Weitere Hinweise werden von der Polizei nicht ernst genommen - wohl auch, weil Haarmann seit 1918 für die Polizei als Spitzel arbeitet. Um finanziell über die Runden zu kommen, handelt er mit Fleisch und Altkleidern - zusammen mit Hans Grans, den er 1919 als 17-Jährigen kennenlernt und mit dem er zusammenlebt.

Zufällige Begegnung führt zur Verhaftung

Im Juni 1924 ist Haarmann mal wieder am Bahnhof von Hannover unterwegs. Dort gerät er mit einem jungen Mann namens Kurt Fromm in einen Streit. Beide werden von der Polizei verhaftet. Ein Beamter des Sittendezernats, der sich gerade mit den Schädelfunden an der Leine beschäftigt, erkennt Haarmann und erlässt kurzerhand Haftbefehl, denn Haarmann gehört zu den rund 80 bekannten Männern der Stadt, die aufgrund von Unzucht mit Männern bereits des öfteren mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in der Roten Reihe 2 finden die Ermittler Bekleidungsstücke junger Männer. Die Polizei ruft daraufhin die Bevölkerung auf, die Fundsachen zu besichtigen, und hofft so auf weitere Indizien. Bei einer Zeugenvernehmung gibt es dann einen konkreten Hinweis: Eine Frau erkennt die Jacke ihres vermissten Sohnes bei einem jungen Mann. Zuvor hatte dieser das Kleidungsstück bei Haarmann gekauft. Auch Hans Grans gerät unter Verdacht. Während Grans bei der Polizei auf seine Vernehmung wartet, erkennt eine Mutter den Anzug, den Grans trägt, als den ihres vermissten Sohnes. Grans behauptet daraufhin, die Kleidung gegen Quittung von Haarmann erstanden zu haben.

Zweifelhafte Methoden der Polizei

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Fritz Haarmann (Mitte) genießt die öffentliche Aufmerksamkeit. Hier lässt er sich mit Handschellen fotografieren.

Trotz der Hinweise reichen die Indizien nicht aus, Haarmann und seinen Komplizen des Mordes zu überführen. Die Polizei greift zu zweifelhaften und unerlaubten Methoden: In die Zelle von Haarmann werden vier Schädel in den Ecken der Zelle befestigt. Die Augenhöhlen sind mit rotem Papier beklebt, und dahinter steht eine brennende Kerze. In einer Ecke der Zelle wird außerdem ein Sack mit Gebeinen platziert. Haarmann wird eingeredet, dass die Seelen der Toten ihn holen würden. Zudem wird er während der Verhöre geschlagen. Doch erst in den 90er-Jahren kommen diese Tatsachen ans Licht, als die Memoiren des damaligen Kriminalinspektors Hermann Lange gefunden werden. Wären die Verhörmethoden früher öffentlich geworden, hätte die Polizei Haarmann und Grans laufen lassen müssen.

Doch es kommt anders: Am 1. Juli 1924 gesteht der 44-jährige Haarmann schließlich. Er gibt zu, mehr als zwanzig junge Männer im "sexuellen Rausch" getötet zu haben. An die genaue Opferzahl kann er sich aber nicht erinnern. Seine Opfer, die er "Puppenjungs" nennt, lockte er mit einem kostenlosen Essen in seine Wohnung, hatte meist Sex mit ihnen und biss ihnen dann die Kehle durch. Die Leichen zerstückelte er und entsorgte sie in der Leine.

Trotz einer umfassenden Suche findet die Polizei nicht alle Opfer. Eine grausame Vermutung hält sich daraufhin hartnäckig: Hat Haarmann die Überreste seiner Opfer gewinnbringend verkauft? Dies wird allerdings nie bewiesen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 23.06.2014 | 20:15 Uhr

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