Stand: 24.02.2010 17:57 Uhr  | Archiv

Der Fall Jessica und die Folgen

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Blumen am Grab der verhungerten Jessica: Der Fall schockierte ganz Deutschland.

Der Fall Jessica erschütterte die deutsche Öffentlichkeit. Am 1. März 2005 fanden Notärzte die Leiche der Siebenjährigen in einer Wohnung im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Die Eltern hatten ihre Tochter in einem abgedunkelten, ungeheizten Zimmer eingesperrt und über Monate hinweg langsam verhungern lassen. Das Mädchen wog am Ende nur noch 9,6 Kilo - so viel wie ein eineinhalb- bis zweijähriges Kind. In ihrer Verzweiflung hatte Jessica zuletzt Teppichreste und die eigenen Haare gegessen. Sie starb schließlich völlig entkräftet, das Mädchen erstickte an ihrem eigenen Erbrochenen. Vor Gericht zeigten die Eltern Marlies S. und Burkhard M. keine Reue. Jessica habe sich geweigert zu essen und zu trinken, habe Spielzeug und Teppich mutwillig kaputtgemacht, erklärte die Mutter. Am 25. November 2005 verurteilte sie das Hamburger Landgericht wegen Mordes und Misshandlung von Schutzbefohlenen zu lebenslanger Haft. Ein knappes Jahr später, am 17. Oktober 2006, wies der Bundesgerichtshof eine Revision als "offensichtlich unbegründet" zurück.

Behörden in der Kritik

Der Fall löste bundesweit Diskussionen aus: Wie konnte es so weit kommen? Warum konnten die Eltern ihr Kind unbemerkt jeglicher Kontrolle entziehen? Schnell gerieten die Behörden ins Kreuzfeuer der Kritik. Als die Eltern das Mädchen bis zum März 2004 noch nicht in der Schule angemeldet hatten, hatte die Schulbehörde zwar einen Mitarbeiter zur Wohnung geschickt. Als dieser aber bei drei Besuchen nie jemanden antraf, verfolgte die Behörde den Fall nicht weiter, sondern leitete lediglich ein Bußgeldverfahren ein. Auch als Jessica im August 2004 nicht zum Schulunterricht erschien, prüfte niemand, warum das Mädchen fernblieb. Eine gezielte Zusammenarbeit mit anderen Behörden, etwa zwischen der Schulbehörde, dem Jugend- und Sozialamt gab es nicht. Für Jessica war das ihr Todesurteil.

Maßnahmenpakete in Hamburg und bundesweit

Als erste Konsequenz aus dem Fall führte Hamburg noch im Mai 2005 den Schulzwang ein. Seither können Behördenmitarbeiter ein Kind mithilfe eines Vollstreckungsbeamten vorführen lassen, wenn es nicht zur Schule erscheint. Im Zweifelsfall dürfen sie sich mit Unterstützung von Polizei und Feuerwehr Zutritt zur Wohnung verschaffen.

 

Die Kinderschutz-Hotlines sind rund um die Uhr besetzt. Anrufer können auf Wunsch anonym bleiben.
Kinderschutz-Hotline Mecklenburg-Vorpommern: (0800) 14 14 007
Kinderschutz-Hotline Hamburg: (040) 42 64 27 428

Im September 2005 verabschiedete die Hansestadt zudem ein umfangreiches Maßnahmenpaket. Die Stadt ließ eine rund um die Uhr erreichbare Kinderschutzhotline einrichten und schuf neue Stellen in den Jugendämtern. Mitarbeiter der Jugendhilfe wurden zu "Kinderschutzfachkräften" fortgebildet.

Ende 2006 starteten in mehreren Bundesländern Modellprojekte für ein sogenanntes Frühwarnsystem, darunter die Projekte "Pro Kind" in Niedersachsen und "Wie Elternschaft gelingt" in Hamburg. Die sogenannten "frühen Hilfen" wurden ausgebaut: Sie sollen Schwangere und ihre Familien bereits vor der Geburt und in den ersten Monaten und Lebensjahren des Kindes unterstützen. Dazu zählen auch die Familienhebammen-Projekte, die es mittlerweile in mehreren Bundesländern gibt und die in Hamburg gezielt ausgebaut wurden.

Verbindliche Vorsorgeuntersuchungen

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Vorsorgeuntersuchungen für Kinder sollen zur Pflicht werden.

Anfang des Jahres 2006 brachte Hamburg eine Initiative in den Bundesrat ein, die Eltern zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ihrer Kinder verpflichten soll: Anzeichen von Vernachlässigung und Misshandlung bei Säuglingen und Kleinkindern sollen so schneller erkannt werden. Ärzte dürfen den zuständigen Jugend- oder Sozialbehörden melden, wenn Eltern mit ihrem Kind den Untersuchungen fernbleiben oder der Verdacht auf eine Misshandlung besteht. Das bedeutet eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht. Mehrere Bundesländer haben eine derartige Regelung mittlerweile auf Landesebene eingeführt, darunter auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Niedersachsen bringt ein entsprechendes Gesetz zurzeit noch auf den Weg. In Hamburg startet im Frühjahr ein Modellversuch, der zunächst vorsieht, Eltern zu den Vorsorgeuntersuchungen schriftlich einzuladen.

Mitte 2009 wollte die Große Koalition ein neues Kinderschutzgesetz verabschieden. Es sah vor, die ärztliche Schweigepflicht bei Fällen von Kindesmisshandlung zu lockern. SPD und CDU konnten sich jedoch über wesentliche Punkte des Gesetzentwurfs nicht einigen, sie verschoben die Vorbereitungen auf die kommende Legislaturperiode. Die neue Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kündigte Ende Januar 2010 an, das Kinderschutzgesetz wieder in Angriff zu nehmen. Erste Fachgespräche haben begonnen.

80 bis 120 Kinder sterben jedes Jahr durch ihre Eltern

Doch all diesen positiven Bemühungen zum Trotz: Schicksale wie die von Jessica, Kevin oder Lea-Sophie sind keine Einzelfälle, sondern in ihrer extremen Form lediglich die Spitze des Eisbergs. Die Zahlen sind erschreckend: Nach Angaben der Bundesregierung sterben jedes Jahr 80 bis 120 Kinder durch die Hand ihrer Eltern, noch bevor sie in die Schule kommen. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder bis zum Alter von sechs Jahren werden laut Schätzungen des Familienministeriums vernachlässigt. "Kindesvernachlässigung prägt den Alltag unzähliger Kinder und ist die am häufigsten auftretende und am wenigsten erkannte Gefährdungsproblematik", erklärt der Deutsche Kinderschutzbund. Denn neben der äußerlich sichtbaren körperlichen Vernachlässigung gibt es die möglicherweise noch häufigere psychische Vernachlässigung, bei denen Eltern die seelischen Bedürfnisse ihres Kindes missachten. Und auch Schläge oder Ohrfeigen gehören zum Alltag zahlloser Kinder: Ungefähr zehn Prozent aller Eltern wenden auch heute noch körperliche Strafen an.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 04.03.2008 | 19:00 Uhr

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