Stand: 13.10.2016 06:00 Uhr

Als die Hamburger endlich wieder wählen durften

Im Jahr 1946 liegen weite Teile Hamburgs weiterhin in Trümmern: Zehntausende Menschen leben in Blechbaracken, den sogenannten Nissenhütten.

Zu wenig Sperrholz für die Wahlurnen, zu wenig Bleistifte für die Kreuze auf den Stimmzetteln und zu wenig Kerzen für den Siegellack der Umschläge: Unter ausgesprochen widrigen Umständen geht am 13. Oktober 1946 in Hamburg die Bürgerschaftswahl über die Bühne - vor genau 70 Jahren. Es ist nicht irgendeine Wahl, sondern die erste freie Wahl in der Hansestadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuvor mussten die Hamburgerinnen und Hamburger mehr als 14 Jahre lang - seit April 1932 - auf eine Wahl, die diesen Namen auch verdient, warten. Zudem ist es die erste freie Abstimmung in Groß-Hamburg. Denn die Stadtgrenzen hatten sich mit dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 stark verändert. Die Wahl von 1946 sollte dann einen Bürgermeister hervorbringen, der die Geschicke der Stadt lange leitet.

"Es war eine extreme Zeit"

Im Herbst 1946 gleicht die Hansestadt mehr einem Trümmerfeld als einer Großstadt. 60 Prozent der Wohnungen sind zerstört oder schwer beschädigt. 900.000 Hamburger hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Und immer noch leben 280.000 Hamburger, die in den Kriegsjahren evakuiert worden waren, außerhalb der Stadt. Die britische Militärregierung untersagt ihnen die Rückkehr. "Es ist eine extreme Zeit gewesen, in der die erste Bürgerschaftswahl stattfand", sagt Christoph Strupp von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 90 Prozent der Bevölkerung gilt damals als unterernährt. Es fehlt überall an Baumaterialien und Brennstoffen wie Kohle. Und dennoch kann die Wahl gestemmt werden - dem Einfallsreichtum sei Dank. So kommen statt Wahlurnen aus Holz Tausende umfunktionierte Munitionskisten zum Einsatz, die die Briten aus Bad Segeberg herbeischaffen lassen.

Unsichtbarer Spitzenkandidat bei SPD

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Max Brauer galt deutschlandweit als einer der bedeutendsten Oberbürgermeister zur Zeit der Weimarer Republik - 1946 kehrte er aus dem Exil nach Hamburg zurück.

Bei der Bürgerschaftswahl machen sich die SPD und die CDU Hoffnung auf einen Sieg. Die Christdemokraten treten mit einem Spitzenkandidaten an: dem amtierenden Bürgermeister Rudolf Petersen - einem jüngeren Bruder des früheren Hamburger Bürgermeisters Carl Petersen. Der Übersee-Kaufmann hatte das Amt im Mai 1945 - kurz nach der Kapitulation - "schweren Herzens" angenommen. Rudolf Petersen sah sich nicht als Politiker, gab aber schließlich nach, weil kein anderer geeigneter Kandidat in Sicht war. Erst 1946 trat er dann der CDU bei. Die Sozialdemokraten ihrerseits ziehen mit einem "unsichtbaren" Spitzenkandidaten in den Wahlkampf. Klar ist: Falls die SPD gewinnen sollte, würde Max Brauer das Amt des Bürgermeisters übernehmen. Aber der ehemalige Oberbürgermeister von Altona (1924 bis 1933) taucht nicht auf den Wahlplakaten auf - und auch aus dem Wahlkampf hält er sich weitgehend raus. Wohl auch, weil Brauer nach seinem Exil in den USA nur noch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt.

Wahlkampf im Zeiten von Hunger und Not

"Im Herbst 1946 hat es keinen Wahlkampf gegeben, wie wir ihn heute kennen", sagt Historiker Strupp. "Die Parteien hatten keine unterschiedlichen Lösungsansätze für die gravierenden Probleme wie Wohnungsmangel und Lebensmittelversorgung." Die CDU verzichtet sogar auf ein Wahlprogramm. Sie setzt darauf, das sozialistische und liberale Weltbild als eine Gefahr für die christlich-abendländische Tradition darzustellen. Die SPD hingegen stellt ein Arbeitsprogramm mit 28 Punkten auf - mit den Schlagworten Sozialismus, Planwirtschaft und Demokratie: Nur ein sozialistisches Hamburg "könne ein gesundes und dann einmal wieder ein blühendes Hamburg werden". Wichtigste Zielgruppe ist naturgemäß die Arbeiterschaft. Bei einer Massen-Wahlkundgebung der SPD im August 1946 strömen 50.000 Menschen in die Grünanlage Planten un Blomen.

Viele frühere NSDAP-Mitglieder durften wählen

Wer mindestens 21 Jahre alt ist, darf wählen gehen. Aber es gibt eine Hürde - die Vergangenheit im Dritten Reich: Mehr als 14.000 Hamburger werden aus politischen Gründen von der Wahl ausgeschlossen. Dies trifft beispielsweise alle, die jemals der Gestapo oder der SS angehörten. Auch alle führenden NSDAP-Funktionäre müssen zu Hause bleiben. Allerdings dürfen diejenigen Hamburgerinnen und Hamburger wählen, die erst ab dem 1. März 1933 NSDAP-Mitglied wurden. Viele ehemalige Angestellte im NS-Apparat können nicht an die Urne. Aber die Bestimmungen sind nicht immer logisch: So sind etwa "Reinmachefrauen" der NS-Kriegsopferversorgung vom Wahlrecht ausgeschlossen, während "Reinmachefrauen" der NSDAP wahlberechtigt sind.

"Sieg des Alphabets"

Eine Kuriosität der Bürgerschaftswahl findet sich auf den Stimmzetteln: Die Kandidaten sind nicht etwa nach Parteien geordnet, sondern strikt nach Alphabet. So wollen es die Briten. Dies führt zu dem Phänomen, dass Kandidaten, die vorne im Alphabet und somit weiter oben auf dem Stimmzettel stehen, eher in die Bürgerschaft gewählt werden. "Man kann beinahe sagen: An die Stelle der Persönlichkeitswahl trat der Sieg des Alphabets, wenigstens innerhalb jeder Partei", urteilt im Sommer 1947 der Autor einer Wahl-Sonderausgabe des Statistischen Landesamtes. "Die Kandidaten jeder Partei, die als erste aufgeführt waren, erhielten gewöhnlich mehr Stimmen als ihre Parteifreunde."

"Herbe Enttäuschung für die CDU"

Das Wahlergebnis 1946

So wählten die Hamburgerinnen und Hamburger bei der Bürgerschaftswahl vom 13. Oktober 1946:

SPD 43,1 % - 83 Sitze
CDU 26,7 % - 16 Sitze
FDP 18,2 % - 7 Sitze
KPD 10,4 % - 4 Sitze
Sonstige/ Einzelbewerber 1,6 %

Die Wahlbeteiligung lag bei 79 Prozent.

Als Wahlsieger gilt die SPD - obwohl sie die angepeilte absolute Mehrheit der Stimmen deutlich verpasst. Die CDU und die FDP kommen zusammen sogar auf einen höheren Stimmenanteil. Aber aufgrund des Wahlsystems können die Sozialdemokraten mit nur 43,1 Prozent eine Dreiviertel-Mehrheit an Sitzen in der Bürgerschaft ergattern. Für die CDU hingegen endet die Wahl mit einer herben Enttäuschung. Bürgermeister Petersen hatte gehofft, dass die Wähler seinen Einsatz für die Stadt seit 1945 honorieren würden. Aber dem ist nicht so. Die Christdemokraten müssen sich mit 16 Abgeordneten begnügen. Von den 110 Sitzen in der ersten gewählten Bürgerschaft nach dem Krieg sind 93 an Männer und 17 an Frauen gegangen.

Überraschend hohe Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung liegt bei 79 Prozent. Von einer politischen Gleichgültigkeit könne also keine Rede sein, urteilen zeitgenössische Beobachter erleichtert. "Trotz der Sorge um die Kriegsgefangenen, um Ernährung und Wohnung, trotz der früheren NSDAP-Mitgliedschaft vieler Wähler und trotz der Tatsache, dass die Bürgerschaft neben der Militärregierung nur sehr eingeschränkte Machtbefugnisse besitzt, ging eine überraschend hohe Wählerzahl zur Abstimmung", schreibt ein Hamburger Wahlforscher.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 13.10.2016 | 19:30 Uhr

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