Reeder Aristoteles Onassis (3.v.l.) bei der Taufe des Schiffes ""Al-Malik Saud Al-Awal" am 6. Juni 1954 in Hamburg mit seinen Kindern Christina und Alexander sowie den Kindern der Fürsten von Bismarck (v.l.n.r.). © imago/ZUMA/Keystone

Onassis und das Wirtschaftswunder der Werften

Stand: 19.07.2021 11:23 Uhr

Aristoteles Onassis war unermesslich reich und umgab sich mit den schönsten Frauen seiner Zeit wie Maria Callas und Jackie Kennedy. Seine Luxusjacht und etliche Tanker ließ der Reeder in Norddeutschland bauen.

Deutschland, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Alle großen Städte sind schwer zerstört. Die Werft-Industrie in norddeutschen Städten wie Kiel, Hamburg und Bremen liegt am Boden. Die Alliierten haben den Deutschen verboten, Schiffe zu bauen. Doch ein findiger Reeder weiß die Situation für sich zu nutzen: Aristoteles Onassis. Der Grieche mit argentinischem Pass hat einen Riecher für gute Geschäfte. Bereits in den 1920er-Jahren war er vor dem griechisch-türkischen Krieg nach Argentinien geflohen, hatte dort mit Damenzigaretten seine erste Million gemacht und war später in New York in die Schifffahrtsbranche eingestiegen.

Onassis macht Geschäfte mit dem Walfang

In Deutschland umgeht Onassis das alliierte Schiffsbauverbot, indem er bei der Großwerft Howaldtswerke die Schiffe nicht neu, sondern umbauen lässt. Onassis setzt sie im Walfang ein. Schon bald fahren Schiffe mit deutscher Besatzung für Onassis hinaus, um Wale zu jagen. Die Männer an Bord arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten und werden nach Stückzahl der erlegten Wale bezahlt.

Oft sind die Walfänger auch außerhalb der regulären Fangzeiten unterwegs, Schonzeiten sind für Onassis kein Hindernis. "Die Schiffe, die für Onassis Wale fingen, fuhren unter der Flagge der Länder, die die wenigsten Vorschriften hatten, die sich nicht an Artenschutzabkommen beteiligten", erklärt der Historiker Professor Jürgen Elvert vor einigen Jahren. "Walfang war für Onassis ein Geschäft wie jedes andere. Möglichst viel fangen, möglichst gut verkaufen."

Großaufträge für deutsche Werften

Doch der Walfang ist nur der Anfang: Als die Alliierten den Deutschen schließlich wieder erlauben, Schiffe zu bauen, beauftragt Onassis die AG Weser in Bremen mit dem Bau von sechs Riesentankern. Der Großauftrag wird im Bremer Rathaus besiegelt und gefeiert. Er bleibt nicht der einzige, es folgen etliche weitere Aufträge. Schon bald feiert man Onassis als Retter des deutschen Schiffbaus. Mitte der 1950er-Jahre hängt mehr als die Hälfte der deutschen Schiffsproduktion von dem griechischen Großreeder ab. Onassis wird zum wichtigen Faktor für das deutsche Wirtschaftswunder.

Die "Tina Onassis" - Symbol des Wiederaufbaus

Der Supertanker "Tina Onassis" auf der Elbe im Jahr 1953. © imago/ZUMA/Keystone
Großaufträge wie der Bau des Supertankers "Tina Onassis" kurbeln das deutsche Wirtschaftswunder an.

Zum Sinnbild für die griechisch-norddeutsche Erfolgsgeschichte und den unverhofft schnellen Wiederaufbau der deutschen Schiffsindustrie wird der Stapellauf der "Tina Onassis" im Juli 1953. Mit 236 Metern Länge sprengt der damals größte Tanker der Welt fast die Dimensionen der Howaldtswerke in Hamburg. Die Presse feiert den Stapellauf als "Festtag für den Schiffbau". Zehntausende stehen jubelnd am Ufer, als das Schiff von Onassis' kleiner Tochter auf den Namen seiner Frau getauft wird.

17 weitere Tanker folgen und werden auf Werften in Hamburg, Kiel und Bremen gebaut. Bereits ein Jahr später, am 6. Juni 1954, läuft die "Al-Malik Saud Al-Awal" ebenfalls in Hamburg vom Stapel und löst die "Tina Onassis" als größten Tanker der Welt ab.

Vertrag mit den Saudis bringt USA gegen Onassis auf

Zuschauer beobachten 1960 die Ausfahrt des damals größten Tankers der Welt, der "Al-Malik Saud Al-Awal" in Hamburg. © imago/ZUMA Press
Zahllose Hamburger verfolgen die Ausfahrt des Supertankers "Al-Malik Saud Al-Awal", der bei den Howaldtswerken gebaut wurde.

Doch die wachsende Tankerflotte, die Onassis aufbaut, birgt politischen Sprengstoff. 1954 schließt der Reeder eine Vereinbarung mit der saudischen Regierung unter König Ibn Saud, die dem Reeder ein Quasi-Monopol auf den weltweiten Öltransport einräumen würde - eine riesige Provokation für die USA. "In der Überwachung des Öltransports waren die Amerikaner wirklich hysterisch. Sie dachten, dass das Öl sonst an die Sowjets gehen würde. Darüber gibt es FBI-Berichte", so die griechische Professorin für maritime Geschichte, Gelina Harlaftis.

Mit allen Mitteln wollen die USA den Vertrag sabotieren, die CIA etwa versucht bei den Howaldtswerken einen Streik anzuzetteln, scheitert jedoch an der Belegschaft. Als bekannt wird, dass beim Zustandekommen des Vertrags Bestechungsgelder geflossen sind, zeigt der US-Druck schließlich Wirkung. Saudi-Arabien zieht sich aus dem Abkommen zurück.

Angriff auf Walfangflotte vor Peru

Doch für Onassis ist das Ungemach damit noch nicht zu Ende. Im November 1954 greift die peruanische Luftwaffe seine Walfangflotte im Pazifik an - und das, obwohl sie außerhalb peruanischer Hoheitsgewässer unterwegs ist. Fünf Schiffe mit 300 deutschen Seeleuten an Bord sitzen daraufhin im peruanischen Paita fest. Erst nach 27 Tagen kommen sie frei. Onassis muss drei Millionen Dollar Strafe wegen angeblicher Verletzung der peruanischen Hoheitsgewässer zahlen, zieht allerdings, da er gegen derartige Ereignisse versichert ist, am Ende sogar noch zwölf Millionen Dollar Profit aus dem Zwischenfall. Wenig später verkauft er die Walfangflotte nach Japan, bevor er wegen Nichteinhaltung der Schonzeiten angeklagt werden kann.

Die "Christina" - Luxusjacht der Superlative

Die Luxusyacht "Christina" des Reeders Aristoteles Onassis bei einer Fahrt an der griechischen Küste bei Chalkis im November 1968. © imago/United Archives International
Mit ihrer extravaganten Ausstattung genießt die Luxusjacht "Christina" schon bald einen legendären Ruf.

Doch weniger aufgrund seiner internationalen Verwicklungen, sondern vor allem wegen seines legendären Reichtums und seines schillernden Privatlebens steht Onassis regelmäßig im Rampenlicht. Eindringlichstes Symbol dafür ist seine Luxusjacht "Christina". Das Schiff, ursprünglich als Fregatte für die kanadische Marine erbaut, wird in den Kieler Howaldtswerken zum schwimmenden Palast umgebaut. Zu den Finessen zählen vergoldete Wasserhähne und eine exklusive Bar, deren Theke aus dem Holz einer gesunkenen spanischen Galeone gefertigt ist.

Verantwortlich für die Gestaltung der Jacht ist Cäsar Pinnau. Der Hamburger Architekt, der später auch das Design des Stückgutfrachters "Cap San Diego" plante, baut unter anderem ein kostspieliges Schwimmbad mit minoischen Mosaiken ein, dessen Boden sich hochziehen und in eine Tanzfläche verwandeln lässt.

Videos
Maria Callas (?) auf der Howaldtswerft in Kiel bei einer Schiffstaufe 1963
1 Min

Promis beim Stapellauf des Tankers "Olympia Chivalry" (stumm)

Im Beisein von Reeder Aristoteles Onassis und Sängerin Maria Callas wird das Schiff auf der Kieler Howaldtswerft getauft. 1 Min

Legendärer Reichtum und schillerndes Privatleben

Die "Christina" wird Onassis' schwimmendes Zuhause, von hier aus leitet er sein gesamtes Unternehmen. Zugleich wird die Jacht zum Treffpunkt der Reichen und Berühmten. Ob Grace Kelly, Frank Sinatra, Marilyn Monroe oder Winston Churchill: Auf dem Schiff ist die gesamte internationale Prominenz anzutreffen. Auch die Operndiva Maria Callas gehört dazu. Im Juni 1959 geht sie an Bord - und lässt sich nach der mehrwöchigen Kreuzfahrt von ihrem Mann scheiden. Das Ehepaar Onassis trennt sich ebenfalls kurz darauf.

Heirat mit Jackie Kennedy

Artistoteles Onassis mit Jacqueline Kennedy an ihrem Hochzeitstag, den 20. Oktober 1968, an Bord der Yacht "Christina". © imago/United Archives International
Jackie Kennedy, die Witwe des US-Präsidenten, ist bis zu Onassis' Tod 1975 mit dem Reeder verheiratet.

Die nächsten Jahre ist Maria Callas die Frau an der Seite des Reeders und Milliardärs - doch acht Jahre später nimmt Jackie Kennedy, die Witwe des ermordeten US-Präsidenten, diese Rolle ein. Onassis heiratet sie am 20. Oktober 1968. Die Heirat irritiert viele Amerikaner. "Jacqueline war eine Ikone, eine Heilige. Und dass sie einen Ausländer heiraten sollte, hat die Amerikaner über alle Maßen schockiert", so der Journalist und Autor Jim Hougan, der sich intensiv mit Onassis' Leben befasst hat. "Ich denke, sie war für ihn eine Trophäe. Und es war die Chance, den USA den Ärger heimzuzahlen, den sie ihm in der Vergangenheit bereitet hatten."

Tod des Sohnes trifft Onassis schwer

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilt Onassis im Jahr 1973. Sein damals 24-jähriger Sohn Alexander stirbt bei einem Flugzeugabsturz. Dessen Tod stürzt den milliardenschweren Reeder in tiefe Melancholie. Ein Jahr später erkrankt er an einer seltenen Muskellähmung und stirbt am 15. März 1975. "Ich war nur ein griechisches Kind, das Rechnen gelernt hatte", sagte Onassis am Ende seines Lebens von sich selbst. Für die deutschen Schiffbauer war er ein Geschenk des Himmels - der richtige Mann zur richtigen Zeit.

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