Stand: 13.01.2020 09:42 Uhr  | Archiv

Als die grünen Protestler zur Partei wurden

von Jennifer Lange
Mitglieder des Grünen-Vorstands während des Gründungsparteitags in Karlsruhe am 13. Januar 1980 von links nach rechts: August Haussleitner (hinten), Norbert Mann, Herbert Gruhl, Gisela Schuettler, Dietrich Wilhelm Plagemann, Karl Kerschgens und Alfred Vordermeier © picture alliance / AP Photo
Mit der Gründung der Grünen kann sich erstmals seit den 1950er-Jahren eine neue Kraft im bis dahin geschlossenen Parteiensystem der Bundesrepublik etablieren.

Als am 12. und 13. Januar 1980 die 1.000 Delegierten zum Gründungsparteitag der Bundesgrünen in Karlsruhe zusammenkommen, treffen Menschen unterschiedlicher Bewegungen aufeinander: Sie engagieren sich in Anti-AKW-Gruppen, der Friedensbewegung, Fraueninitiativen und der Studentenbewegung. Was sie eint, ist der Protest. Doch lässt sich daraus der funktionierende Apparat einer Partei gründen? Der Hamburger Thomas Ebermann ist am 13. Januar 1980 beim offiziellen Gründungsbeschluss mit dabei und blickt zurück.

"Ich war damals angespannt, weil nicht ganz sicher war, ob Leute wie ich dort mitmachen dürfen", erinnert sich Ebermann 40 Jahre nach der Parteigründung. Denn in Karlsruhe stritten die Konservativen mit den Linken. Die Abtreibungsgegner mit den -befürwortern. 35 Stunden Woche: Ja oder nein? Und: Welche Strömung sollte in der neuen Partei das Sagen haben?

Ebermann selbst gehörte damals als Kommunist zur Bunten Liste in Hamburg. "Diese Bunte Liste war eher ein Zusammenschluss von allem, was in Hamburg links, alternativ, kapitalismuskritisch war. Anti-AKW-Bewegung, Hausbesetzer, Knast-Kritiker, Frauenaktivisten, Kritiker der Verkehrspolitik." In allen norddeutschen Bundesländern habe es untereinander konkurrierende grüne Gruppen gegeben.

"Gegenmilieu zu allen existierenden Parteien"

Thomas Ebermann, Sprecher der Grün-Alternativen Liste, am Abend der Hamburger Bürgerschaftswahl am 19. Dezember 1982 © picture alliance Foto: Dieter Klar
1982 zieht die Grün-Alternative Liste in die Hamburger Bürgerschaft ein. Thomas Ebermann ist damals ihr Sprecher.

"Wir hatten uns nicht alle lieb, sondern stritten miteinander", so Ebermann rückblickend. "Trotzdem hatten wir das Gefühl, wir bilden ein Gegen-Milieu, das von allen existierenden Parteien nicht repräsentiert wird." Und so kommt es in Karlsruhe tatsächlich zur Einigung. Die linken Kräfte setzen sich in allen entscheidenden Punkten gegen die konservativen Kräfte durch.

Die Grünen werden zur neuen Kraft im Parteiensystem

Mit der Gründung der Grünen kann sich erstmals seit den 1950er-Jahren eine neue Kraft im bis dahin geschlossenen Parteiensystem der Bundesrepublik etablieren. In ihrem Bundesprogramm beschreiben sich Die Grünen als "ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei".

Grüne ziehen 1983 erstmals in den Bundestag ein

Der Einzug in den Bundestag scheitert 1980 mit gerade einmal 1,5 Prozent der Wähler-Stimmen. Doch nach der vorgezogenen Bundestagswahl 1983 ziehen die ersten Grünen mit 5,6 Prozent ins Parlament ein - und fallen sowohl durch ihren provokativen Politik-Stil als auch bunte Strickpullis auf.

"Sie wollten Sand im Getriebe sein"

Die Grünen wollen damals Sand im Getriebe sein, so Ebermann. Ein Störfaktor. Und setzen auch bei der jeweils eigenen Rolle in der Partei strenge Prinzipien an: "Wir gehorchen der Mehrheit einer Mitgliederversammlung. Facharbeiterlohn. Keiner kann durch die Arbeit reich oder wohlhabend werden." Auch die Rotation der Ämter ist Anfang der 1980er ein wesentliches Element in der politischen Arbeit der Grünen: "Wir wollen keine herausragenden Persönlichkeiten, die uns für immer repräsentieren und auf ihre Weise auch unersetzbar werden", sagt Ebermann über die Maximen.

Von der Anti-Parteien-Partei zur Verbürgerlichung

Über die Jahre jedoch hätten sich die Grünen stark gewandelt, sagt Michael Lühmann, Politikwissenschaftler aus Göttingen über die Partei: "Sie ist gestartet als Anti-Parteien-Partei und ist damit ja auch relativ schnell in den Bundestag gekommen." Es folgten konfliktreiche 80er-Jahre. Und während der Wende 1989/90, als sich die deutsche Einheit anbahnte, habe es innerhalb der Partei einen "Häutungsprozess" gegeben: Der radikale linke Flügel sei weggebrochen. Übrig blieb "im Prinzip eine auf Regieren und Mitmachen ausgerichtete bürgerliche Partei. Eine verbürgerlichte Partei", so Lühmann.

Spaltung von Friedensaktivisten und Kriegsunterstützern

In dieser Zeit tritt auch der radikal Linke Thomas Ebermann aus. Die Partei wird ihm wie vielen anderen zu regierungsnah. Real-Politiker wie Joschka Fischer haben nun das Sagen. Die Grünen bekommen hohe Ämter in Landesregierungen und Bundesregierung. Und stimmen Bundeswehreinsätzen in Kriegsgebieten zu.

Ein Foto vom Gründungsparteitag der "Grünen" in Karlsruhe. © dpa Foto: Albert Ostertag/dpa

AUDIO: Die Partei der Ökospinner (15 Min)

"Lasst uns zurückkehren zu unseren friedenspolitischen Wurzeln, bündnisgrün statt olivgrün", fordern Grünen-Mitglieder auf dem Sonderparteitag zum Kosovokrieg 1999. Joschka Fischer trifft ein Farbbeutel am Kopf. "Mit Sprechchören, mit Farbbeuteln wird diese Frage nicht gelöst werden. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass wir Grüne unter Polizeischutz einen Parteitag abhalten müssen", reagiert Fischer anschließend in einer Rede darauf.

Nach 40 Jahren: Grüne erfolgreich wie nie

Thomas Ebermann schaut heute mit Abstand auf die Partei, die er 1980 mitgegründet hat. "Heute sind die Grünen eine durch und durch angepasste Partei", sagt er. Eine Partei, die 40 Jahre nach ihrer Gründung mit Umfragwerten von zum Teil deutlich mehr als 20 Prozent so erfolgreich ist wie nie.

  • 1979: Bremer Grüne Liste zieht erstmals in ein Landesparlament ein
  • 1980: Gründung der Bundes-Partei
  • 1983: Einzug in den Bundestag
  • 1985: Erste Regierungsbeteiligung in Rot-Grüner Koalition in Hessen. Joschka Fischer wird erster grüner Minister für Umwelt und Energie
  • 1990: Zusammenschluss mit ehemaliger DDR-Bürgerrechtsbewegung zu Bündnis 90/Die Grünen
  • 1998: Rot-Grüne Koalition im Bund unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder bis 2005
  • 2011: Die Grünen werden stärkste Partei bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Winfried Kretschmann wird erster grüner Ministerpräsident
  • 2019: Belit Onay wird erster grüner Oberbürgermeister von Hannover

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 11.01.2020 | 06:20 Uhr

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