Stand: 02.12.2019 19:30 Uhr

Vor 30 Jahren: Kavelstorfer heben DDR-Waffenlager aus

von Andrea Haase, NDR Nordmagazin

Einwohner von Kavelstorf trauen ihren Augen nicht, als sie am Sonnabend vor dem 1. Advent 1989 von außen unscheinbare, aber eingezäunte und stark bewachte Lagerhallen betreten. Dort finden sie tonnenweise Sturmgewehre, Maschinenpistolen, sogenannte Kalaschnikows, Pistolen und palettenweise Munition. Jahrelang hatten die Kavelstorfer ein geheimes Waffenlager im Dorf gehabt und neben Sprengstoffen gewohnt. Der Einsatz der Kavelstorfer rückte diese Geschäfte in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Sie sind es, die mit ihrer beherzten Aktion den Waffenhandel der DDR ans Tageslicht befördern.

Dass "da irgendetwas nicht stimmt", denken sich die Anwohner des beschaulichen Dorfes Kavelstorf bei Rostock schon lange. Die Lagerhallen stehen auf streng abgeschirmtem Gelände, rund um die Uhr bewacht von jungen Männern. Deutrans Lkw biegen regelmäßig dorthin ab. Tischler Herbert Blascheck, der seine Werkstatt damals gegenüber des Geländes hat, stellt bereits zu DDR-Zeiten unangenehme Fragen. Er bekommt die Antwort, dort würden Waschmaschinen lagern. Geglaubt hat er das nicht und so war auch er mit dabei, als Kavelstorfer Anwohner sich im Dezember 1989 Zugang zum Gelände verschafften. Was sie dann dort entdecken, übertrifft all ihre Erwartungen. Sie finden dort unter anderem tonnenweise scharfe Munition, Maschinenpistolen und Militärfahrzeuge - bis unter das Dach der zehn Meter hohen Lagerhalle. Von Kavelstorf aus exportierte der "Friedensstaat DDR" Waffen in alle Regionen der Welt.

Die Halle in Kavelstorf, die zu DDR-Zeiten als Waffenlager für die IMES GmbH diente.

Das geheime Waffenlager der DDR in Kavelstorf

Nordmagazin -

Am 2. Dezember 1989 fanden die Kavelstorfer heraus, für welche Güter die IMES GmbH in ihrem Dorf ein bewachtes Lager betrieb: Die Firma verkaufte Waffen und Munition.

3,67 bei 12 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Mit dem Geigerzähler in die Halle

Bild vergrößern
Wolfram Vormelker vom Neuen Forum brachte einen Geigerzähler mit, als er das streng abgeriegelte Gelände in Kavelstorf erstürmte.

Zeitzeuge Wolfram Vormelker, der die Halle damals mit einem Geigerzähler betritt, beschreibt es bis heute als "unvorstellbar". Auch er gehörte zu jenen, die damals vor 30 Jahren das streng geheime Waffenlager der DDR enttarnten. Waffen aller Art, aber auch illegale Nummernschilder lagerten dort. Dass dort mit Waffenteilen gehandelt würde, hatte er gehört, den Geigerzähler nimmt er mit, weil nach seinen Angaben auch mit urangeschützter Munition gehandelt wurde.

Kriegswaffen und Munition im Wert von 27 Millionen "Westmark"

"Wir sind in Tränen ausgebrochen", erinnert sich Zeitzeuge Herbert Blascheck. In den Kisten befinden sich Kriegswaffen und Munition im Wert von etwa 27 Millionen "Valutamark", bestimmt für den Export in Kriegsgebiete in aller Welt. Nie, so sagt Vormelker, hätte er gedacht, dass die DDR, die sich immer als Friedensstaat feierte, in solche Machenschaften verstrickt war. Der sogenannte "Friedensstaat" bricht damals für die Kavelstorfer beim Anblick der Lagerhalle in sich zusammen. "Wir waren nicht mehr da", sagt Blascheck. Den Kindern habe man gelehrt, man sei der "Friedensstaat". "Dieses hier war das Grausamste, dieses Lager hier", so Blascheck heute. Axel Peters, ebenfalls Zeitzeuge, war entsetzt. "Hier haben wir das erste Mal gesehen, dass das alles Lüge war", sagt er heute. "An diesem Tag für uns die Legitimation dieses Staates in sich zusammengebrochen", so Peters. Bereits am folgenden Tag reist er nach Rostock, um auf einer Demo die Öffentlichkeit zu informieren.

Bild vergrößern
Ausländische Auto- und Zollkennzeichen verrieten es: Von Kavelstorf aus verschickte das DDR-Außenhandelsministerium Waffen in Krisengebiete.
Der "Friedensstaat", der Kriegswaffen exportiert

Betrieben wird die Anlage von der Internationalen Messtechnik Import-Export GmbH (IMES). Das streng geheime Unternehmen verkauft Waffen und Munition in Krisengebiete und Entwicklungsländer weltweit. Hinter oder über allem steht der von der Stasi und vom Zentralkomitee der SED kontrollierte Bereich "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo): Das Imperium des Alexander Schalck-Golodkowski, der im Auftrag der Partei- und Staatsführung Devisen beschafft und dabei freie Hand hat. Im Geflecht der KoKo ist der Waffenhandel für D-Mark und Dollar lukrativ, aber gefährlich. 1987 legt das Ministerium für Staatssicherheit ein Konzept für ein Waffenlager in Kavelstorf vor. Getarnt wird das Unterfangen vom Betriebsschutz in Uniform der Volkspolizei. Auch die Lage ist taktisch günstig gewählt: Das Gelände ist unmittelbar an der Autobahn gelegen, mit Gleisanschluss zum Überseehafen Rostock.

"Das war das Ende der DDR"

"Jedes DDR-Handelsschiff hat Waffen exportiert, das wussten wir damals nicht, das haben wir später recherchiert", sagt Vormelker. Denn Kavelstorf war nicht das einzige Waffenlager der damaligen DDR, so Vormelker. Auch in Dummerstorf und anderen Orten der DDR soll es solche Lager gegeben haben, mit Waffen, die dann über den Überseehafen Rostock verschifft wurden.

Bild vergrößern
DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski 1992 vor dem Untersuchungsausschuss.

Gleich nachdem die Kavelstorfer das geheime Lager der IMES entdeckt und öffentlich gemacht haben, setzt sich Schalck-Golodkowski am 3. Dezember 1989 gen Westen ab. Die Waffen werden am 13. Dezember von der Volksmarine abtransportiert. "Die Entsorgung war schwierig. Wir hätten es gerne zerstört, aber das war technisch nicht möglich", so Vormelker. Später habe man erfahren, so Vormelker weiter, dass das Waffenmaterial über die Bundeswehr trotzdem nach Südafrika gelangte. "Das Geschäft war gelaufen, es wurde dafür gesorgt, dass es dort ankam." Als "Leichenhalle der DDR" bezeichnet Peters die Halle heute noch - "im übertragenen Sinne". Mit der Veröffentlichung damals sei die DDR gestorben. Am Folgetag treten das gesamte Zentralkomitee und das Politbüro zurück. Schalck-Golodkowski wird aus der Partei ausgeschlossen.

Weitere Informationen

30 Jahre grenzenlos - Das Dossier zum Mauerfall

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer in Berlin. Das Dossier zu einer bewegten Zeit. mehr

Die Geschichte der DDR

Wie kam es zur Gründung der DDR? Wie sah der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat aus? Und was führte schließlich zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung? mehr

30 Jahre Mauerfall: DDR untold!

Vermeintlich Bekanntes und bislang definitiv Ungehörtes: In einem großen Themenschwerpunkt der NDR Radiokunst erzählen NDR Info und NDR Kultur von der Wendezeit. mehr

Mit Kerzen und Sprüchen für mehr Freiheit

"Warum sollte ich in Greifswald eine Demonstration untersagen? Den Mut hatte ich nicht", erinnert sich der damalige Volkspolizei-Chef Bernd Haase. Ein Rückblick in den Herbst 1989. mehr

1968: Die SED und der "Prager Frühling"

1968 marschieren Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR ein und zerstören die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Die SED untersützt die Intervention im Hintergrund. mehr

Hotel Neptun - Stasi-Hotel am Ostseestrand

Das Interhotel am Ostseestrand war ein extravagantes Unternehmen: Sky Bar, illustre Gäste aus Ost und West und Devisengeschäfte. Stasi-Spitzel waren immer dabei. mehr

Dieses Thema im Programm:

01.12.2019 | 19:30 Uhr

Mehr Geschichte

02:06
Hamburg Journal

Norddeutsche Geschichte