Stand: 08.06.2020 15:45 Uhr  - Hamburg Journal

Hohe Weide: Erster Synagogen-Neubau nach Kriegsende

von Vivienne Schumacher
Acht Synagogen und vier jüdische Betsäle wurden 1938 in Hamburg zerstört. Bei der Einweihung des ersten Synagogen-Neubaus nach dem Krieg spricht Hamburgs Erster Bürgermeister Brauer 1960 zur Gemeinde.

15 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bekommt das jüdische Leben in Hamburg wieder einen offiziellen Ort: In einer Zeit, in der es alles andere als selbstverständlich ist, als Jude in Deutschland zu leben, weiht die jüdische Gemeinde am 4. September 1960 den ersten Synagogen-Neubau nach dem Krieg an der Hohen Weide ein. Knapp zwei Jahre war an dem Gotteshaus gebaut worden - die Grundsteinlegung hatten die Verantwortlichen auf einen denkwürdigen Tag gelegt.

"In Erinnerung und im Gedenken an die Toten, den Lebenden zur Mahnung und dem Kommenden zum Gebot echter Menschlichkeit" - mit diesen Worten legt Max Brauer, damals Erster Bürgermeister Hamburgs, den Grundstein in die Baugrube auf einem Grundstück an der Hohen Weide im Bezirk Eimsbüttel. Es ist der 9. November 1958.

Grundsteinlegung in Gedenken an die Reichspogromnacht

Genau 20 Jahre zuvor, am 9. November 1938, hatten die Nationalsozialisten dazu aufgerufen, Synagogen und jüdische Geschäfte zu zerstören. Schon in der folgenden Nacht gehen zahlreiche Synagogen in Flammen auf, ein Teil der jüdischen Bevölkerung wird in Konzentrationslager verschleppt oder ermordet, jüdische Läden und Friedhöfe werden demoliert. Mit der Reichspogromnacht erreicht die Judenverfolgung unter dem NS-Regime eine neue Dimension. Allein in Hamburg inhaftiert die Gestapo in diesem Zusammenhang mindestens 879 Juden, acht Synagogen und vier jüdische Betsäle werden zerstört. 

Hamburg damals: Synagoge Hohe Weide

Hamburg Journal -

Am 9. November 1938 brennen die Synagogen - auch in Hamburg. 15 Jahre nach dem Krieg wird in der Hansestadt eine neue Synagoge eingeweiht. Das Hamburg Journal berichtet 20120 zum 50-jährigen Bestehen.

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Ein Stein als Zeitkapsel

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Grundsteinlegung für den Synagogen-Neubau am 9. November 1958: Hamburgs Erster Bürgermeister Brauer legt Zeit-Dokumente in eine Metallkapsel.

20 Jahre später sind zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde sowie Einwohnerinnen und Einwohner der Hansestadt zur Grundsteinlegung gekommen. Der Stein fungiert der Tradition entsprechend als Zeitkapsel: Die aktuelle Ausgabe der "Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland" und israelische sowie deutsche Münzen werden in einer Metallkapsel in den Grundstein eingelassen. Hinzu kommt eine Urkunde, die Landesrabbiner Salomonowicz zuvor verlesen hat: "Möge Gottes Segen auf dieser Andachtsstätte ruhen, Gottes Wort sie erfüllen und Nächstenliebe von ihr ausgehen."

Reden zur Grundsteinlegung 1958
22:41

Landesrabbiner Salomonowicz

09.11.1958 00:00 Uhr

Ludwig Salomonowicz über die Geschichte des jüdischen Volkes, die jüdische Gemeinde in Hamburg und die dunklen Tage im November 1938. Audio (22:41 min)

16:45

Max Brauer

09.11.1958 00:00 Uhr

Der Erste Bürgermeister Hamburgs, Max Brauer, über das nationalsozialistische Regime, die jüdische Gemeinde und den Bau der neuen Synagoge. Audio (16:45 min)

In seiner bewegenden Rede spricht Bürgermeister Brauer unter anderem von der "schmerzlichsten aller Wunden unter den Gotteshäusern in Hamburg", die sich nun schließen würde. "Hamburg gibt sich selbst einen Teil seiner Würde zurück, wenn es sich mit seinen jüdischen Mitbürgern und der jüdischen Gemeinde verbindet, um ein neues, würdiges Gotteshaus zu schaffen", betont der Bürgermeister.

Tag der Trauer, Tag der Hoffnung

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Ausschnitt der Urkunde zur Grundsteinlegung der jüdischen Synagoge in Hamburg am 9. November 1958.

Länger als eine Stunde dauert der Staatsakt. Sieben weitere Redner erheben das Wort: Sie sprechen von der Hoffnung und einem Neubeginn, aber auch von den Gräueltaten im Nationalsozialismus. Darunter ist der Kirchenvertreter der Hamburgischen Landeskirche, Georg Daur, der für die evangelisch-lutherische Gemeinde die Anteilnahme ausspricht. Für die katholische Kirche spricht Weihbischof Johannes von Rudloff. Hendrik George van Dam, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, verliest ein Schreiben des Bundespräsidenten Theodor Heuss und betont die wichtige Bedeutung dieses Tages für die jüdische Gemeinde - auch außerhalb Hamburgs.

Bedächtiges Schweigen entsteht, als Landesrabbiner Ludwig Salomonowicz das Wort ergreift und an die Reichspogromnacht zwanzig Jahre zuvor erinnert: "Was ist damals grauenhafter gewesen: die brennenden Synagogen oder das Schweigen der vox populi (Anm. d. Red.: Stimme des Volkes)? Niemals ist der Name des deutschen Volkes so besudelt worden wie damals, als der Welt weisgemacht werden sollte, die Aktionen des 9. November 1938 seien spontan vom deutschen Volk ausgelöst worden."

Kleingärtner müssen Kolonien räumen

Der Grundsteinlegung ging ein zweijähriger Briefwechsel zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Senat voraus. Die Stadt Hamburg überließ der Gemeinde letztlich das etwa 2.900 Quadratmeter große Grundstück an der Ecke Heymannstraße/Hohe Weide in Eimsbüttel. Fällig wurde lediglich die übliche Anerkennungsgebühr, die auch andere Religionsgemeinschaften für Kirchenbauplätze zahlen müssen: Das waren jährlich 50 Deutsche Mark. Für die Räumungskosten der Kleingärtner, deren Kolonien sich zuvor auf dem Gelände befanden und die gegen ihre Räumung protestiert hatten, sollte die jüdische Gemeinde aufkommen.

Gottesdienst ohne Gotteshaus

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Mit den Thora-Rollen wird die Synagoge 1960 eingeweiht.

Vor dem Bau der Synagoge fand das gemeinsame Beten in einem Wohnraum in der Kielortallee statt. Dieser Raum war viel zu klein für die Gemeindemitglieder, jedoch war er - neben der Synagoge in der Oberstraße - der einzige Betsaal, der die Reichspogromnacht und den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt überstanden hatte. Das Gotteshaus in der Oberstraße wurde 1953 von der Jewish Trust Corporation dem Norddeutschen Rundfunk übereignet. Als Synagoge habe es nicht genutzt werden können, weil inzwischen eine Reihe rundfunktechnischer Einrichtungen eingebaut worden seien, die nur mit großem finanziellen Aufwand hätten beseitigt werden können, hieß es in einem Brief von der jüdischen Gemeinde an den Senat. Heute beinhaltet die ehemalige Synagoge das Rolf-Liebermann-Studio und dient dem Norddeutschen Rundfunk als Konzert- und Veranstaltungssaal.

Einweihung zwei Jahre später

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Ein halbes Jahrhundert nach der Einweihung von Rost bedroht: eines der Synagogen-Fenster vom Hamburger Künstler Herbert Spangenberg.

Der Bau der neuen Synagoge kostet 1,8 Millionen DM. Die jüdische Gemeinde kann ihn von den Wiedergutmachungszahlungen aus den Zerstörungsschäden der Reichspogromnacht finanzieren: Allein für die gewaltvolle Zerstörung der Synagoge am Bornplatz, der ehemaligen Haupt-Synagoge, stehen der Gemeinde 1.563.760 DM zu. Zwei Jahre dauert der Bau des neuen Gotteshauses. Nach dem Richtfest am 16. Juni 1959 kann das sakrale Bauwerk am 4. September 1960 endlich eingeweiht werden - die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Hamburgs haben wieder ein Gemeindezentrum.

Umfangreiche Renovierung nach gut 50 Jahren

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Auch nach der Sanierung hat sie einen prominenten Platz erhalten: die Tora im Altarraum des Betsaals.

Mehr als 50 Jahre bleibt die Synagoge Hohe Weide in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten - dann wird es dringend Zeit für eine umfassende Renovierung des mittlerweile denkmalgeschützten Gebäudes. Die vom Künstler Herbert Spangenberg gestalteten Fenster etwa sind einsturzgefährdet. Aber auch die Technik, Elektro- und Wasserleitungen und insbesondere der Betsaal als zentraler Ort der Synagoge inklusive der Sitzbänke brauchen eine Verjüngungskur. Im August 2013 kann die generalüberholte Synagoge erneut eingeweiht werden.

Unter dauerhaftem Polizeischutz

Wie auch andere jüdischen Einrichtungen in Deutschland wird die Synagoge in der Hohen Weide seit den 90er-Jahren, als die Israelische Botschaft und das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires Ziele von Bombenanschlägen wurden, 24 Stunden täglich von der Polizei überwacht. Nach den Anschlägen auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019 verstärkte die Polizei die Sicherheitsmaßnahmen unter anderem in Hamburg noch einmal.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten rund 26.000 Mitglieder zur Jüdischen Gemeinde Hamburg. Zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung sind es etwa 1.400. Mittlerweile zählt die Jüdische Gemeinde in Hamburg wieder rund 3.500 Mitglieder und gehört als eigenständiger Landesverband zu den größten Deutschlands.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.08.2013 | 19:30 Uhr

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