Stand: 04.08.2015 14:12 Uhr  - Hallo Niedersachsen

Kleiner Käfer ganz groß

Präsentation des Millionsten VW Käfers in Wolfsburg 1955 © picture-alliance / dpa Foto: Herold
Das ist er: Am 5. August 1955 feiert VW in Wolfsburg den millionsten Käfer.

Seine Erfolgsgeschichte beginnt in der Nachkriegszeit: Mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland läuft am 5. August 1955 unter großem Medienrummel der millionste Käfer bei Volkswagen in Wolfsburg vom Band. Tausende Beschäftigte und Gäste feiern das Ereignis. Nur acht Jahre später kann das Unternehmen zehn Millionen Fahrzeuge vermelden, Anfang der 70er-Jahre erreicht der Käfer achtstellige Produktionszahlen und ist damit der meistgebaute Pkw der Welt.

Die Nazis wollen ein Auto fürs Volk

Der Beginn der außergewöhnlichen Industriegeschichte liegt lange zurück. Ähnlich wie beim Volksempfänger schwebt der NS-Führung Anfang der 30er-Jahre ein Auto fürs Volk vor. Am 17. Januar 1934 verfasst der Ingenieur Ferdinand Porsche ein "Exposé betreffend den Bau eines deutschen Volkswagens". Das Auto soll vier Personen Platz bieten, 100 Kilometer pro Stunde erreichen, 30-prozentige Steigungen bewältigen können, verschiedene Aufbauten tragen und nicht mehr als 1.000 Reichsmark kosten. Am 22. Juli 1934 erhält Porsche den Auftrag, das Auto zu bauen.

Kübelwagen statt Käfer

Weitere Informationen
Nach der Grundsteinlegung lässt sich Adolf Hitler einen "Volkswagen" von Ferdinand Porsche zeigen © Picture-Alliance/dpa

Die Nazis bauen sich eine Autofabrik

Einen Volkswagen für jeden: Das versprachen die Nazis den Deutschen. Am 26. Mai 1938 legten sie den Grundstein für das VW-Werk - und produzierten dort Rüstungsgüter. mehr

Bis 1936 entstehen drei Prototypen, denen Hitler später den Namen "KdF-Wagen" (KdF = Kraft durch Freude) gibt. Mit dem Geld vieler Tausend Sparer, die auf einen Volkswagen hoffen, wird 1938 im Flecken Fallersleben bei Braunschweig eine Fabrik aus dem Boden gestampft: das Volkswagenwerk und spätere Wolfsburg. Doch statt der angekündigten 500.000 Modelle jährlich werden nur wenige Hundert Käfer für die zivile Nutzung gebaut. Stattdessen montieren Deutsche und Zwangsarbeiter in dem Werk Flugzeugteile und Granaten und stellen Zehntausende Kübelwagen her, eine militärische Version des Käfers für Wehrmacht und SS.

Exportschlager und Symbol des Wirtschaftswunders

1750 VW Käfer werden auf die "Johann Schulte" verfrachtet und nach New York transportiert. © dpa Picture Alliance Foto: Heidtmann
1953 wurde der Käfer bereits in 88 Länder exportiert.

Nach dem Krieg wird das zu großen Teilen durch Bomben zerstörte Werk wieder aufgebaut. Ende 1945 lässt die britische Besatzungsmacht die Käfer-Produktion wieder anfahren. Der Wagen soll als Dienstfahrzeug für Armee und Verwaltung dienen. Doch dabei bleibt es nicht. Der Käfer ist das Auto, nach dem die Zeit verlangt: billig, einfach zu reparieren, zuverlässig. 1946 werden 10.000 Stück hergestellt, 1948 schon 20.000, 1950 sind es 90.000.

Firmenchef Heinrich Nordhoff erkennt, dass der noch schwache deutsche Markt allein für den Erfolg nicht reicht. So beginnt bereits 1947 der Export in die Niederlande, 1949 erreichen die ersten Käfer die USA - jenes Land, dem das deutsche Auto überhaupt seinen Namen verdankt. "Beetle" nennen ihn die Amerikaner wegen seiner Form - auf Deutsch: Käfer. Werksintern ist der Kosename übrigens immer verpönt, man spricht vom "Typ 1".

Ende 1953 wird der Käfer schon in 88 Länder exportiert. Zwei Jahre später, am 5. August 1955, läuft das millionste Exemplar vom Band. Die Produktion eilt von Rekord zu Rekord: 1957 sind es zwei, 1959 drei Millionen. Immer weiter feilen die Ingenieure in Wolfsburg am buckligen Gefährt: größere Heckfenster, 12-Volt-Elektrik, stärkere Motoren.

Für die meisten Deutschen ist der Käfer das Symbol für den erreichten Wohlstand. Und er beflügelt ihre Reiselust - mit Familie und Gepäck geht es im Käfer über den Brenner nach Italien.

"Weltmeister" trotz Karriereknick

Bunte VW Käfer auf einer Straße. © AP Foto: Kai-Uwe Knoth
Rund, praktisch, gut: Der Käfer prägt jahrelang das Bild auf deutschen Straßen.

Als die erste Nachkriegsrezession 1966/67 das Ende des Wirtschaftswunders ankündigt, erlebt auch VW seine erste Absatzkrise. Technisch hat sich der "Buckel-Porsche" totgelaufen: Die Luftkühlung stößt an ihre Grenzen, das Fahrverhalten des Heckmotors wird bei höheren Geschwindigkeiten gefährlich, der Stauraum ist zu klein. Die Verkaufszahlen gehen allerdings nicht schlagartig zurück, weshalb VW in eine Sackgasse steuert, denn technisch moderne Wagen schaffen es nicht ins Programm.

Die Wende schafft der Konzern erst 1974 mit dem Golf. Der Käferproduktion läuft unterdessen weiter: Am 17. Februar 1972 rollt der 15.007.034. Käfer vom Band - und löst damit das "Model T" von Ford ab. Bis 2002 ist der Käfer der meistverkaufte Wagen der Welt, dann löst ihn der Golf ab.

Das Ende nach 69 Jahren

1978 läuft der letzte VW-Käfer aus deutscher Produktion im Werk Emden vom Band. Doch so schnell ist die Ikone des Automobilbaus nicht totzukriegen: Die Käfer-Herstellung wird zunächst ins Werk Brüssel verlegt, dann vor allem nach Mexiko. Nach 1980 beliefert das mexikanische VW-Werk in Puebla den europäischen Markt, bis Volkswagen 1985 in Europa den offiziellen Verkauf des Käfers einstellt. In Brasilien und Mexiko, wo der Käfer eine ähnlich hohe Bedeutung für die Motorisierung hat wie in Deutschland, verkauft sich das Auto noch lange gut. Das letzte Exemplar läuft erst am 30. Juli 2003 in Mexiko vom Band, es ist Käfer Nummer 21.529.464.

Wiedergeburt als "New Beetle"

1998 versucht VW mit dem "New Beetle", also dem neuen Käfer, an alte Zeiten anzuknüpfen. Der Wagen im Retrodesign ist größer und komfortabler als sein Vorbild und soll ebenfalls zum Kultmobil werden. Das gelingt allerdings nicht. Heute ist der "Beetle", wie er seit 2011 heißt, nur eines von vielen Autos der großen VW-Produktpalette.

Dossier
VW möchte bis 2018 Weltmarktführer in  in allen Kategorien werden: ökonomisch, ökologisch, beim Gewinn, beim Absatz.....etc. © imago, Fotolia Foto: sepp spiegl, mibPhoto

VW auf dem Weg an die Weltspitze

Bis 2018 will Volkswagen größter Autobauer der Welt werden. Aber es geht nicht nur um Größe. Auch technologisch und ökologisch will Volkswagen die Konkurrenz abhängen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.10.2016 | 19:30 Uhr

Das Volkswagen-Werk mit der Autostadt in Wolfsburg. © dpa Foto: Julian Stratenschulte

Wolfsburg: Eine Stadt und "ihr" VW-Konzern

Wolfsburg und Volkswagen, das gehört für viele untrennbar zusammen. Doch die Stadt hat vor allem für Kunst- und Kulturinteressierte noch mehr zu bieten - ein Streifzug. Bildergalerie

Mehr Geschichte

Die Angeklagten im Belsen-Prozess 1945 vor dem englischen Militärgericht in Lüneburg. © picture alliance/akg-images Foto: akg-images

Belsen-Prozess 1945: "Ein Lehrstück an Demokratie"

Vor 75 Jahren beginnt in Lüneburg ersten Kriegsverbrecher-Prozess gegen die Nazis. Vor Gericht steht die Wachmannschaft des KZ Bergen-Belsen. Zwei Monate später werden die Urteile gesprochen. mehr

Die Designerin Heike Burgemann und ihre Eltern

Neuland MV: Von der Ostsee in den Schwarzwald

1990 steckt Heike Burgemann mitten in ihrem Studium in Heiligendamm. Neuland heißt für sie: Eine andere Arbeitswelt - im Westen. Nicht alle haben dort auf die "Ossi-Studentin" gewartet. mehr

Das Haus der Schmitts in Mirow vor der Sanierung.

Neuland MV: "Hier will ich alt werden - das ist das Paradies"

Grit und Peter Schmitt sind seit fast 30 Jahren ein Ost-West-Paar. Ende der 90er-Jahre verlieben sie sich in Mirow - und leben dort heute ihren Traum vom eigenen Buchladen. mehr

Ein Auspuff eines Volkswagens auf einem Mitarbeiterparkplatz, aufgenommen mit dem Verwaltungshochhaus des VW-Werks im Hintergrund. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte/dpa
4 Min

VW: Fünf Jahre Dieselgate

Vor fünf Jahren begann die VW-Dieselaffäre. Der Konzern hat in den USA durch Milliardenzahlungen seine Strafe beglichen, in Deutschland steht der Prozess gegen Ex-Chef Winterkorn noch bevor. 4 Min

Norddeutsche Geschichte